Anfang August skizzierte der Virologe Christian Drosten in der ZEIT seinen „Plan für den Herbst“. „Jeder Bürger sollte in diesem Winter ein Kontakt-Tagebuch führen“, empfahl Drosten. Warum ist ein Kontakt-Tagebuch so entscheidend? Und wieso reicht die „Corona-Warnapp“ nicht?

Bis heute fokussiert sich die Debatte um die richtigen Eindämmungsmaßnahmen auf drei Messgrößen: die täglichen Neuinfektionen, die 7-Tage-Inzidenz und die Reproduktionszahl. Diese drei Werte sind wichtig und ermöglichen uns einen tages- oder zumindest wochenaktuellen Überblick über das Infektionsgeschehen; sie eignen sich jedoch nicht, um allein auf ihrer Grundlage eine Containment-Strategie zu entwerfen.

Dafür bedarf es eines vierten Wertes: dem Dispersionsfaktor k. Wenn die Reproduktionszahl R angibt, wie viele Menschen eine infizierte Person im Durchschnitt ansteckt, dann gibt der Dispersionsfaktor k an, wie variant – also veränderlich – dieser Wert in verschiedenen Szenarien ist.

Ein Rechenbeispiel: Wir nehmen an, R beträgt drei. Im Schnitt steckt eine infizierte Person folglich drei weitere an. Es wäre allerdings denkbar, dass von 20 erfassten Infektionsketten in 19 Fällen keine Folgeinfektionen stattfinden, jedoch ein*e Patient*in 60 Folgeinfektionen verursacht; auch dann betrüge R den Wert drei (60/20=3) – hier sprechen Virolog*innen von Überdispersion.

Sars-CoV-2 weist eine solche Überdispersion auf. Wenige Infizierte sind für den Großteil aller Ansteckungen verantwortlich.

Patient 31

Im konkreten Fall sprechen wir dann von „Superspreader“-Ereignissen. Eine Veranstaltung, ein Geschäftsessen, ein Theaterbesuch oder eine Geburtstagsfeier, die sich im Nachhinein als Infektionstreiber herausstellt. Häufig wird in diesem Zusammenhang ein Beispiel aus Südkorea angeführt, wo auf die Teilnahme einer Frau an einem Mega-Gottesdienst etwa 5000 Ansteckungen zurückzuführen waren. Wenig rühmlich bekam diese Superspreaderin den Namen „Patient 31“.

Potentielle „Superspreader“-Ereignisse werden Cluster genannt (Achtung: Vereinfachung!). Ein Cluster können die Kolleg*innen oder die Freund*innen sein, mit der man gestern noch im Restaurant zusammenfand – ohne Abstand und Masken.

Kontrolle erlangen

Die Verbreitung von Sars-CoV-2 lässt sich nicht anhand der Inzidenz oder der Reproduktionszahl vorhersagen. Wie der Fall von „Patient 31“ zeigt, spielt Zufall eine große Rolle; das Virus verhält sich stochastisch. Was wäre passiert, hätte der Mega-Gottesdienst ein paar Tage später stattgefunden? Oder wäre der Raum besser durchlüftet gewesen? Oder hätten alle Masken getragen?

Mutmaßlich wäre es zu weniger oder gar keinen Folgeinfektionen gekommen. Es war eine Verkettung unglücklicher Umstände die „Patient 31“ einen Platz in der Pandemie-Geschichte verschaffte.

Stochastic phenomena, however, don’t operate like that—the same inputs don’t always produce the same outputs, and things can tip over quickly from one state to the other.

Zeynep Tufekci (The Atlantic)

Zufälle lassen sich – per definitionem – nicht kontrollieren. Dennoch lassen sich die Folgen eines Zufallsereignisses im Vorhinein beeinflussen und im Nachhinein minimieren. Und genau da setzt die Idee eines Kontakt-Tagebuchs an.

Rückwärtsverfolgung mittels Tagebuch

Jeden Abend gehe ich für ein paar Minuten in mich. Welche Situationen habe ich heute erlebt, die zu einer Verkettung unglücklicher Umstände führen könnten? War ich in einem Cluster?

Dann notiere ich: Wo war das? Wer war alles da? Wurden Masken getragen? Wurde laut gesprochen oder gesungen? All diese Informationen sind erforderlich, um das Infektionsrisiko aus einem Cluster zu beurteilen.

Die „Corona-Warnapp“ erfasst nur wann und wer. Zudem schlägt sie nur an, wenn der Kontakt nah genug war und lang genug dauerte. Dabei kann ein kurzer Kontakt, der dafür besonders „feucht“ war, genauso ausschlaggebend sein. Hinzu kommt, dass lange noch nicht jede*r die App nutzt – weit weniger als die Hälfte der Bevölkerung.

Im Falle, dass ich mich infiziert haben sollte, kann ich durch mein Tagebuch relativ schnell feststellen, woher diese Infektion stammen könnte; ich suche nach dem verantwortlichen Cluster. Diese Information ermöglicht es mir, dass weitere Personen aus diesem Cluster frühzeitig gewarnt werden. Diese Vorgehensweise ist schneller und effektiver, vor allem wenn die Gesundheitsämter die Kontrolle verlieren.

Durch die Fokussierung auf die Infektionsquelle wird der neu diagnostizierte Patient nämlich zum Anzeiger eines unerkannten Quellclusters, das in der Zwischenzeit gewachsen ist. Die Mitglieder eines Quellclusters müssen sofort in Heimisolierung. Viele davon könnten hochinfektiös sein, ohne es zu wissen. Für Tests fehlt die Zeit.

Christian Drosten (DIE ZEIT)

Es geht also weniger darum, jeden einzelnen Kontakt festzuhalten, als darum, Cluster zu erkennen und zu vermerken.

Dafür eignet sich der altbewährte Notizblock ebenso wie ein Google Spreadsheet oder eine App. Ich habe zwei solcher Apps getestet und mich für „Kontakt-Tagebuch“ entschieden. Darüber lassen sich bereits im Adressbuch gespeicherte Kontaktdaten importieren; am Ende wirft die App eine Tabelle mit allen „Tagebucheinträgen“ aus, die zur Weitergabe an das Gesundheitsamt geeignet ist.