Anfang April schrieb ich hier erstmals zum Phänomen des „Rally ‘round the flag“-Effekts:

Die Zustimmungswerte – erfragt in der „Sonntagsfrage“ – für die Regierungsparteien CDU/CSU und SPD steigen seit Mitte März signifikant. Das ist während einer Krise dieses Ausmaßes nicht ungewöhnlich. In der Politikwissenschaft spricht man hier von einem „Rally ‘round the flag“-Effekt: die Bevölkerung versammelt sich um ihre politische Führung.

Nach drei weiteren, nicht minder krisenreichen Monaten stabilisieren sich die Umfragen und die vermutlich längerfristigen elektoralen Auswirkungen der Coronakrise manifestieren sich. Es lohnt sich ein zweiter Blick …

Als Stichtag für den Beginn der Coronakrise in Deutschland eignet sich der 16. März, an dem flächendeckend die Schulen geschlossen wurden. Das deckt sich auch mit der Entwicklung der Zustimmungswerte.

In der folgenden Grafik wird deutlich sichtbar, dass die Zustimmungswerte* der Union als Folge des Beginns der Coronakrise anstiegen; bei der SPD ist der Zuwachs hingegen geringer.

Grafik 1

Die Oppositionsparteien büßen seit Anfang März allesamt Zustimmung ein. Dabei sind die Verluste seit Beginn des Jahres prozentual gesehen bei der FDP (44,44 %) und der AfD (28,57 %) am größten. Die FDP liegt aktuell genau auf der kritischen Fünf-Prozent-Marke.

Grafik 3(Bitte die überflüssigen Nachkommastellen bei den relativen Verlusten ignorieren.)

Nach einem Höhepunkt für die Regierungsparteien und einem Tiefpunkt für die Oppositionsparteien stabilisieren sich seit Mitte Juni die Zustimmungswerte. Die sogenannte Große Koalition aus Union und SPD hat in der Sonntagsfrage nur eine knappe Mehrheit (53 %).

Gestärkt geht in jedem Fall die Union aus der Coronakrise hervor (+10 Prozentpunkte). Mit den Grünen ergibt sich dadurch eine Mehrheit von 57 Prozent.

Grafik 4
Grafik 5

Eine Deutung des Phänomens habe ich in meinem Artikel vom 5. April vorgenommen:

Der „Rally ‘round the flag“-Effekt lässt sich sozialpsychologisch (vereinfacht!) erklären: In einer Krise streben die meisten danach, die Verantwortung für die Krisenbewältigung an eine Instanz auszulagern, die sich in der Vergangenheit bereits „bewährt“ hat und folglich dazu imstande scheint, auch diese Krise zu bewältigen. Das lässt sich auch im mikrosoziologischen Raum beobachten: So gibt es in den meisten Familien den „Krisenmanager“. Tritt eine Krise ein, setzt bei den Familienmitgliedern ein Zustand der Apathie ein – stumm wird die Verantwortung an den „Krisenmanager“ delegiert, der (meist dankbar) das Steuer übernimmt. In einem Staat ist diese Instanz entsprechend die Regierung. In der Krise schlägt die Stunde der Exekutive.

Eigene Daten: Grafiken als Vektoren / Excel-Tabelle
Weitere Umfrage-Daten: Statista

Der “Rally ’round the flag”-Effekt
Die Zustimmungswerte für die Regierungsparteien CDU/CSU und SPD steigen seit Mitte März signifikant. Das ist in Krisen nicht untypisch.