Guten Tag,

der Abend des 8. Novembers 2016 war für Mary L. Trump unerträglich. An besagten Abend begann – so wissen wir heute – die Erosion des politischen Systems der Vereinigten Staaten. Sie wusste es sofort.

Für Mary L. Trump hatte der 8. November auch eine private Dimension; fortan würde sie täglich zusammenzucken, wenn sie ihren Namen im Fernsehen hört oder auf einer der großen Titelseiten liest. Sie würde ihn auch immer wieder sehen, und das obwohl sie ihre Familiengeschichte längst hinter sich lassen wollte.

Mary L. Trump ist die Tochter von Freddy Trump. Dieser war das älteste von Fred Trumps Kindern – von denen eines Donald heißt. Donald – ja, Mary L. Trump ist seine Nichte und Donald ihr Onkel.

Weder Täter noch Tyrann

Mary L. Trump und das Covor ihres Buches "Too Much and Never Enough"
Bild: MaryLTrump/Twitter (links), Simon & Schuster (rechts)

Vor zwei Wochen erschien Mary L. Trumps Enthüllungsbuch, dessen Titel bereits Agenda ist: “Too Much and Never Enough”. Dieses Oxymoron beschreibt nicht nur die desolaten Familienverhältnisse der Trumps.

Nein, der Titel macht auch klar, wohin die Reise der Leser*innen geht. Denn schnell offenbart sich, Donald Trump ist weder Täter noch Tyrann.

Um ein Täter zu sein, war er zu oft ein Opfer. Und ein Tyrann herrscht zwar willkürlich, doch weiß er auch um diese Willkürlichkeit. Donald Trump ist dazu nicht imstande. Er ist meta-willkürlich. Ohne es zu wissen. Wie will man ihm daraus einen Strick drehen?

Wieder nein, denn den Strick hat er sich selbst gedreht. Er wollte das. Er wollte Präsident. Vielleicht konnte er auch nicht anders. Er braucht das. Das ist seine Medizin, sein Lorazepam.

Diese Woche habe ich einen Blick in “Too Much and Never Enough” geworfen. Lass Dir gesagt sein: Dieses Buch wird Geschichte schreiben. Mary L. Trump ist nämlich gelungen, was bisher keines der zahlreichen Enthüllungsbücher über “Trump World” vermochte – ein Psychogramm höchster Glaubwürdigkeit. Denn es entspringt nicht nur der Feder Donald Trumps Nichte, sondern auch – in Personalunion – der einer klinischen Psychologin.

Gewinnen ohne Kampf

Mary L. Trump schildert die Umstände der Kindheit ihres Onkels au détail. Donald war aufmüpfig und kannte keine Grenzen. Woher auch? Sein Vater Fred war die meiste Zeit des Tages damit beschäftigt, Donald tun zu lassen, wofür er seinen ältesten Sohn Freddy abstrafte. Freddy nämlich wollte nicht in die Fußstapfen seines Vaters treten. Er war der Bodenständige, wollte eigentlich Pilot werden. Dafür wurde er marginalisiert. Freddy, Mary L. Trumps Vater, starb früh.

Donald war immer der Gewinner. Dafür musste er nicht einmal kämpfen.

Donald has, in some sense, always been institutionalized, shielded from his limitations or his need to succeed on his own in the world. Honest work was never demanded of him, and no matter how badly he failed, he was rewarded in ways that are almost unfathomable.

Für jemanden wie ihn muss es unerträglich sein, nicht zu bekommen, was er will. Damit ist Donald nie ganz in der Realität angekommen.

Bis heute nicht …

Die Umfragen sehen ihn gegenüber Joe Biden unterlegen. Fake news.

Die Coronakrise bringt das US-amerikanische Gesundheitssystem zu Fall. Die Fallzahlen sind nur so hoch, weil so viel getestet wird.(Logisch ist das übrigens genauso plausibel wie die Aussage, es würden nur so viele Kinder geboren wegen der ganzen Schwangerschaftstests.)

Er hat einen Demenzfrüherkennungstest gemeistert. Die ersten Fragen waren einfach, dann wurde es so richtig schwer. Ich bin ein gefestigtes Genie. Übrigens sollte Joe Biden mal diesen Test machen. Person. Woman. Man. Camera. TV.

„Trump World“

Wir machen uns seit einiger Zeit über Filterblasen in Social Media Gedanken. Umgeben wir uns da nur mit dem, was unser Wertegerüst festigt? Diese These ist – Stand heute – weitestgehend widerlegt.

Donald Trump allerdings hat sich eine hocheffektive Filterblase geschaffen. Er lebt in einer Parallelrealität – “Trump World”, in der er alle Hauptrollen besetzt.

Für ihn ist nur er wichtig. Seine Gedanken wabern – in noch nicht dementen Tempo – stetig um seine eigene “Greatness”.

Wie auch Mary L. Trump darlegt, treffen auf Donald alle neun Diagnose-Merkmale nach DSM‑5 einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung zu:

  • vollmundige Logik der Selbstgefälligkeit – check,
  • fixierte Fantasien von unendlichem Erfolg, Kontrolle, Genialität und Schönheit – check,
  • der Glaube, man sei in jeder Hinsicht einzigartig und herausragend und sollte vorrangig mit anderen einzigartigen und herausragenden Menschen oder Institutionen zutun haben – check,
  • der Wunsch nach ungerechtfertigter Bewunderung durch andere – check,
  • das Gefühl, auserwählt zu sein – check,
  • oppressives zwischenmenschliches Verhalten – check,
  • völliges Fehlen von Empathie – check,
  • den Verdacht, andere würden sich gegen einen verbünden – check,
  • egoistisches und arrogantes Verhalten – check.

Für eine positive Diagnose reichten fünf der neun Merkmale.

In order to get a complete picture of Donald, his psychopathologies, and the meaning of his dysfunctional behavior, we need a thorough family history.

Dennoch würde eine solche Diagnose zu kurz greifen. Vielmehr bedarf es eines ganzheitlichen Verständnisses seiner “abnormal behaviors”, und um ein solches bemüht sich auch Mary L. Trump.

Hand am Kill-Switch

Nach der Lektüre von “Too Much and Never Enough” wurde mir klar, wieso Mary L. Trump ihr Schweigen bricht und auspackt.

6185. Das ist die Menge der nuklearen Sprengköpfe, über die das US-Militär verfügt.

Der Mann, der unsere Welt in Flammen legen könnte, – Donald Trump – hat nichts zu verlieren. Er könnte jeden Moment den Kill-Switch umlegen. In “Trump World” gibt es nur einen Endsieger.

Nichts ist gefährlicher als jemand, der nichts (mehr) zu verlieren hat.

Genauso resigniert – wenngleich US-zentrisitischer gedacht – fällt Mary L. Trumps Appell aus:

If he is afforded a second term, it would be the end of American democracy.

Ich wünsche Dir noch ein schönes Wochenende!

Liebe Grüße
Dominik Lawetzky