Guten Nachmittag,

ja, ich bin zu früh … Es ist offenkundig nicht Sonntagmorgen. Doch in den letzten 48 Stunden ist derart viel passiert, das ich meine übliche Herangehensweise an diesen Newsletter über Bord werfen muss.

Normalerweise konzipiere ich die Wochenschau am Freitagabend (das zum Thema Sozialleben) und schreibe den Text am Samstagmorgen (und zum Thema Ausschlafen). Die E‑Mail geht dann geplant sonntags raus, während ich meistens noch gemächlich im Bett liege oder auf der Couch die Zeitungen sichte.

Jetzt habe ich jedoch (berechtigt) die Sorge, dass bis morgen früh noch drei Themen hinzukommen würden und sich die von mir ausgewählten Themen weiterentwickeln. Wir leben in unruhigen Zeiten!


In dieser Wochenschau richten wir unseren Blick fokussiert auf die Vereinigten Staaten – ein Land, das für Politikwissenschaftler gleichermaßen Schrecken und Faszinosum ist.

„I can’t breathe“

Ausschnitt aus dem Beweisvideo, gezeigt auf der Seite der New York Times

Das Video. Muss ich mehr sagen, damit Du weißt, wovon ich rede?

Ich tue es dennoch: Anfang dieser Woche tauchte ein Video im Internet auf, das die brutale Festnahme und Tötung von George Floyd zeigt.

Ein Verkäufer informierte am Montagmorgen die Polizei in Minneapolis, dass er vermute, George Floyd habe gerade mit einem gefälschten Geldschein bezahlen wollen. Die Polizei rückte an und wurde Floyd habhaft. Während der Festnahme jedoch kam es zu einer Eskalation sondergleichen. Derek Chauvin, einer der vier anwesenden Polizisten (!), reißt Floyd bäuchlings zu Boden und drückt ihm sein Knie in den Nacken.

Diese Szene wurde von dem besagten Video eingefangen, und sie dauert acht unerträgliche Minuten. Floyd bittet darin darum, freigelassen zu werden; er klagt darüber, dass er keine Luft bekomme, und hechelt; dann fleht er sogar nach seiner Mutter, die vor zwei Jahren verstorben ist. Ein Flehen, das nur als finales Erfassen seines tragischen Schicksals gedeutet werden kann. Floyd verliert sein Bewusstsein und stirbt wenige Minuten später.

Zu alledem kommt noch ein entscheidender Fakt hinzu: George Floyd war schwarz, Derek Chauvin ist weiß.

Die Tat reiht sich in eine “behavioral pattern” von Polizeigewalt gegenüber Schwarzen in den Vereinigten Staaten ein.

Wir alle sind Zeugen

Sie ist auch Zeichen einer Kräfteverschiebung. Vor zehn Jahren hätten wir die Gewalttat nicht registriert – zumindest nicht in dieser Intensität, wie sie das Video erzeugt. Wir alle werden zu Zeugen einer Tötung durch die Staatsgewalt.

The video clip laid bare, once again, a phenomenon of the cellphone era: official police versions of events that diverge greatly from what later appears on videotape.

Audra D. S. Burch und John Eligon (New York Times)

Ganz ähnlich ordnet der Bürgerrechtler und Strafverteidiger Ben Crump die Situation in der Washington Post ein:

If not for the omnipresence of video evidence, these deaths would be swept under the rug. The stories would be twisted. The victims would be blamed. And justice would slip away. But we can’t unsee the eight minutes of that officer’s knee on George’s neck, leading to his slow, torturous death.

Angestauter Unmut

Die Ereignisse überschlugen sich seit Montag. Das Video wirkte als Katalysator für all die Wut gegenüber Weißen, das Misstrauen in die Staatsgewalt und vor allem ein Gefühl von politischer wie auch juristischer Ohnmacht, das sich durch eine ganze Schicht in den Vereinigten Staaten zieht.

Tausende versammelten sich auf den Straßen Minneapolis’, um das Mindeste zu fordern: die Festnahme des Polizisten, der George Floyd erstickte. Zwar wurden alle vier Polizisten mit sofortiger Wirkung aus dem Dienst entlassen; die geforderte (und berechtigte) Festnahme folgte jedoch erst vier Tage später.

Die Proteste in Minneapolis eskalierten am Donnerstagabend. Ein Polizeipräsidium wurde bedrängt, dann von der Polizei aufgegeben und schließlich in Brand gesteckt. Die Bilder sind verheerend – absoluter Kontrollverlust.

On the Edge of Democracy

Ich bin ehrlich, die letzten Tagen waren für mich niederschmetternd. Gestern Abend hat sich das zu später Stunde auf Twitter entladen und ich schrieb: “This is not what democracy looks like.”

Damit bezog ich mich auf ein weiteres Video, das während der Proteste am Freitagmorgen entstand. Ein weiterer Beleg für den absoluten Kontrollverlust.

Das Video zeigt, wie Polizisten ein CNN-Team des schwarzen Reporters Omar Jimenez grundlos festnehmen. Das CNN-Team sendete livedie gesamte Festnahme. Das Video endet schräg auf dem Boden liegend, die Kamera sendet weiter, wird von Polizisten rumgetragen.

Derartige Szenen kenne ich nur aus Autokratien. Vielleicht müssen wir darüber nachdenken, wie viel Demokratie die Vereinigten Staaten noch sind?

Trump vs. Twitter

Und wenn wir schon dabei sind, über diese Frage zu kontemplieren, sollten wir uns auch ansehen, welches Verständnis Donald Trump vom 1st Amendment der US-Verfassung hat.

In diesem Zusammenhang möchte ich kurz auf die Website trumptweettrack.com/ hinweisen, die Trumps Tweet-Verhalten detailliert statistisch auswertet, z. B. nach seinen aktivsten Zeiten, größten Feinden und häufigst verwendeten Wörtern.

Empfehlung: So freundlich sein, wie es das Gesetz gerade noch zulässt

Diese Zeitung ist ein Organ der Niedertracht. Es ist falsch, sie zu lesen. Jemand, der zu dieser Zeitung beiträgt, ist gesellschaftlich absolut inakzeptabel. Es wäre verfehlt, zu einem ihrer Redakteure freundlich oder auch nur höflich zu sein. Man muß so unfreundlich zu ihnen sein, wie es das Gesetz gerade noch zuläßt. Es sind schlechte Menschen, die Falsches tun.

Ex-Titanic-Kolumnist Max Gold in ‘Mein Nachbar und der Zynismus’ über die BILD-Zeitung

Vielen Dank für Deine Aufmerksamkeit. In die Wochenschau stecke ich viel Arbeit, die unbezahlt ist (Werbung kommt nicht infrage!), und auch Geld für Zugriffe für die etlichen Medien, die ich täglich durcharbeite.

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Viele Grüße
Dominik Lawetzky