Letzte Woche begann ich an dieser Stelle mit dem Satz: „Die politische Wochenschau expandiert.“ Das hat sich eigentlich nur darauf bezogen, dass der E‑Mail-Versand hinzukam, hätte sich jedoch gleichermaßen auf die Länge der letzten Wochenschau beziehen können.

Diese Woche werde ich es kürzer halten und mich auf zwei Themen (und ein paar Randnotizen) beschränken:

  • das COVID-19 Snapshot Monitoring und
  • die einzig sinnvolle Strategie gegen das Virus.

Ermüdungserscheinungen

Das COVID-19 Snapshot Monitoring (kurz: COSMO) ist ein wissenschaftliches Projekt der Universität Erfurt, bei dem mittels „wiederholte[m] querschnittlichen Monitoring“ die „psychologisch Lage“ der Bevölkerung erfasst werden soll. In mittlerweile sieben Datenerhebungen haben die Wissenschaftler:innen jeweils ca. 1000 Befragungen durchgeführt, bei denen die Ängste und Sorgen, das Wissen und Verhalten und vor allem das Vertrauen der Bevölkerung abgefragt werden. Anschließend leiten die Wissenschaftler:innen aus den Ergebnissen strategische Empfehlungen ab.

Bereits in der sechsten Datenerhebung von letzter Woche trat zutage, dass die Akzeptanz der Maßnahmen zu sinken beginnt. Dieser Befund bestätigt sich in der neusten Erhebung:

Trotz der relativ hohen Risikowahrnehmung treten ‚Ermüdungserscheinungen‘ im Zusammenhang mit der Akzeptanz der Maßnahmen auf: Die Maßnahmen sind immer noch gut akzeptiert, die Zustimmung sinkt aber kontinuierlich. Beispielsweise ging die Akzeptanz zu Maßnahmen der Schließung von Gemeinschaftseinrichtungen im Vergleich zur Vorwoche nochmal zurück.

COSMO, 17.04.2020

Zur sinkenden Akzeptanz der Maßnahmen in der Bevölkerung dürfte mit Sicherheit beitragen, dass sich bei der Frage nach dem „Exit“ ein Flickenteppich der Bundesländer auftut. Nordrhein-Westfalen möchte seine Schulen für die Abschlussklasse bereits am kommendem Donnerstag, den 23. April öffnen. Bayern hingegen möchte mit solchen Öffnungen mindestens eine Woche länger warten. Uneinigkeiten bestehen auch bei der Öffnung von Geschäften und Möbelhäusern

Eigene Grafik

Ja, dass regionale Gegegenheiten bei der schrittweise Lockerung des „Shutdowns“ berücksichtigt werden, ist nicht nur aus föderaler Sicht verständlich, sondern auch epidemiologisch sinnvoll. In der dritten Ad-hoc-Stellungnahme der Leopoldina vom 13. April heißt es dazu:

In Regionen mit niedrigen Infektionsraten und geringem Verbreitungspotential könnten einschränkende Maßnahmen, ggf. auch spezifisch für einzelne Personengruppen, gelockert werden.

Bayern weist mehr als 30 Mal so viele bestätigte COVID-19-Fälle auf wie Mecklenburg-Vorpommern (bei nur etwa drei Mal so hoher Bevölkerungsdichte) – das schlägt sich bei der Risikobewertung nieder. Dennoch dürfte dieser Flicktenteppich (irrationalerweise) zu Unverständnis und Verärgerung führen. Die Maßnahmen könnten als willkürlich wahrgenommen werden, was wiederum die Akzeptanz reduzieren würde. Besonders bemittelte Mitmenschen könnten auf die Idee kommen, ihr Interior in einem anderen Bundesland einzukaufen …

Interessant ist auch, dass die Wahrnehmung der individuellen Bedrohung durch das Virus seit Anfang März zugenommen hat und aktuell stagniert (Abb. 1), wobei die Angst vor dem Virus seit Anfang April zurückgeht (Abb. 2). Es zeigt sich eine nicht untypische Ambivalenz zwischen Wissen und Gefühlen. Das könnte auf Ermüdungserscheinungen, eine sogenannte desaster fatigue (bzw. compassion fatigue), hindeuten.

Grafik: COVID-19 Snapshot Monitoring (Stand: 17.04.2020)
Grafik: COVID-19 Snapshot Monitoring (Stand: 17.04.2020)

Lehren aus der Evolution

Ich bin kein Freund engstirniger Analysen, die den Blick über den Horizont des eigenen Fachgebiets hinaus scheuen. Interdisziplinarität ist die Wissenschaftskompetenz des 21. Jahrhunderts. Diese Woche habe ich mich in einem Essay genau darin versucht – die Leitfrage: Was können wir aus der Evolution (des Menschen) lernen, das uns in dieser existenziellen Krise helfen kann?

Dem Homo sapiens ist in den vergangenen 300.000 Jahren Erstaunliches gelungen. Ihn unterscheidet von allen anderen Spezies, dass er sich weitestgehend von seiner Umwelt unabhängig gemacht hat. Diese Unabhängigkeit hat er durch seine nahezu unbegrenzte Fähigkeit zur Anpassung (Adaptation) an äußere Gegebenheiten, die sich auf sein (Über-)Leben auswirken, gewonnen. Heute besiedelt der Homo sapiens alle Winkel der Welt – von der sibirischen Kältewüste bis zu den äquatorialen Gegenden Südamerikas.

Der Schlüssel zum beispiellosen evolutionären Erfolg des Homo sapiens könnte simpler nicht sein: Kooperation.

Umso erschreckender ist mit anzusehen, dass einige gerade das krasse Gegenteil davon praktizieren. Einige Leute hamstern nach wie vor Mehl, Nudeln und neuerdings auch Hefe (als wären jetzt alle unter die Bäcker:innen gegangen). Mein Rewe-Markt um die Ecke rät nun, eigene Hefe anzusetzen – es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch das dafür benötigte Weizenbier ausgeht.

Keine Hefe im Kühlregel

Ich möchte Ihnen an dieser Stelle nochmal explizit meinen interdisziplinären Essay mit dem Titel „Gemeinsam gegen das Virus“ empfehlen, in dem ich en détail darlege, warum Kooperation das A und O im Kampf gegen das Coronavirus ist.

Empfehlung: Immer sind die anderen schuld

US-Präsident Trump gab diese Woche bekannt, die World Health Organization (WHO) nicht länger mitfinanzieren zu wollen. Seine Begründung: „So much death has been caused by their mistakes“. Immer sind die anderen schuld. Das kommt einem bekannt vor – von Kleinkindern.

Die New York Times veröffentlichte drei Tage vor Trumps Ankündigung eine ausführliche Aufarbeitung der Reaktion der US-Regierung auf das Virus:

Faced with the relentless march of a deadly pathogen, the disagreements and a lack of long-term planning had significant consequences. They slowed the president’s response and resulted in problems with execution and planning, including delays in seeking money from Capitol Hill and a failure to begin broad surveillance testing.

An dem Text haben fünf Pulitzerpreis-Träger:innen mitgewirkt. Muss ich mehr sagen?

Haben Sie einen guten Start in die neue Woche und bleiben Sie gesund!