„Das ist die neue Realität in Deutschland, das Zeitalter der Unversöhnlichkeit“, heißt es im Spiegel. Ja, die Zeiten sind unversöhnlich – oder um einen Gemeinplatz zu bedienen: in Zeiten von Corona stehen sich „Team Risiko“ und „Team Disziplin“ unversöhnlich gegenüber. Zusätzlich formierte sich in den letzten Tagen ein drittes „Team“: „Team Attila, Ken und Xavier“. In Berlin, Stuttgart, Köln, München und anderen deutschen Städten versammelten sich hunderte, zum Teil tausende Gegner:innen der Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus, die längst gelockert werden.

Ja, es gäbe einige berechtigte Ansatzpunkte für Kritik am bisherigen Krisenmanagement. Aber darum geht es den Demonstrierenden größtenteils nicht. Sie werden mobilisiert von in eine Alternativwelt abgedrifteten Verschwörungstheoretikern (ja, es sind meistens Männer!) – darunter der Fernsehkoch Attila Hildmann, der zurzeit eher verständige Gemüter aufkochen lässt als veganes Ratatouille.

Weil mich das Ganze auch bis zum Geht-nicht-mehr aufregt, ich mir jedoch bewusst bin, dass ich den größtenteils antisemitischen Verschwörungstheorien nur Aufwind verschaffe, wenn ich mich einzig und allein destruktiv darüber erbose, habe ich eine kleine Übersicht zusammengestellt: quasi eine aufklärerische Lageübersicht in Zeiten von Corona.

Meltdowns können im Prinzip allen Menschen passieren. ‚Jeden Tag dreht irgendein Promi durch‘, so schallt es auf Twitter, dem Stamm- und Leuchttisch für Sofortsoziologen. Die meisten Wortmeldungen machen sich darüber lustig, ein paar warnen vor den Folgen, aber die erste Quintessenz dieser Häufung ist: Wir unterschätzen die extreme Wirkung der Coronakrise samt Quarantäne- und Lockdown-Varianten auf die menschliche Psyche.

Sascha Lobo: „Ein wenig Wahn schlummert in uns allen“ (Der Spiegel)

Ich sehe jetzt schon Anzeichen, dass sich zu #Corona wieder eine revisionistische Erzählung etablieren könnte, wie 2015 (‚Medien und Politik haben alles nur beklatscht‘) und 2016 (’niemand hat Trump ernst genommen, ‚wir‘ sind schuld an Trump‘). […] Die ginge dann jetzt so: Hätte man früher auf die Kritiker_innen gehört, hätte sich Verschwörungsideologen nicht ausbreiten können. Es wäre das gleiche Muster: Radikalisierung als angebliche Folge davon, dass Anliegen nicht ernst genommen wurden.

Jonas Schaible (Journalist, Der Spiegel) auf Twitter

„Wenn jemand die eigentlich ja am Ende doch immer gleiche Basis-Verschwörungserzählung von der globalen Elite, die uns alle heimlich kontrolliert, erst mal glaubt, lässt sich jedes beliebige Nachrichtenereignis in dieses erzählerische Gerüst einhängen. Auch, mit etwas Logik-Gymnastik, eine globale(!) Pandemie. Ist man dem Klub der Erleuchteten erst einmal beigetreten, findet man sich auf Demos dann plötzlich neben Nazis und Reichsbürgern wieder. Aber egal!“

Christian Stöcker: „Detlef, Ken und Attila wissen Genaueres“ (Der Spiegel)

In Wahrheit ist das Gegenteil richtig: Die Meinungsfreiheit genießt in Deutschland einen derart hohen Stellenwert, dass sogar in einer Pandemie-Phase Demonstrationen wie die am Samstag in Stuttgart zugelassen werden, auch wenn von ihnen ein nicht unerhebliches Infektionsrisiko ausgeht. Es gibt nur wenige Länder auf der Welt, in denen das ähnlich liberal gehandhabt wird.

Andreas Niesmann: „Krude Verschwörungstheorien: Widersprecht den Wirrköpfen!“ (Redaktionsnetzwerk Deutschland)

„Wir hätten nie von ‚Lockdown‘ sprechen dürfen. Genauso wie man jetzt nicht von ‚Anti-Corona-Demo‘ sprechen sollte. Ungenaues Sprechen über wichtige Dinge schafft falsche Assoziationen, die gefühlte Wahrheiten werden. Und dann haben wir den gleichen Salat wie bei ‚Grenzöffnungen‘.“

Simon Sahner (Literaturwissenschaftler) auf Twitter

Es gibt keinen Lockdown in Deutschland und es gab auch nie einen vollständigen Lockdown in Deutschland. Inzwischen sind die meisten Beschränkungen eh aufgehoben. Es ist Firlefanz, jetzt zu texten, Demonstrant*innen würden ‚die Aufhebung des Lockdown‘ fordern.

Ann-Kathrin Büüsker (Journalistin, Deutschlandfunk) auf Twitter

Ich versuche die Bilder von #Covidioten [Hashtag auf Twitter assimiliert die Worte Corona und Idioten, Anm.], die ich heute von Demos und real privat gesehen habe, zu ersetzen durch [Bilder] im Kopf von PflegerInnen, ÄrztInnen, ForscherInnen und auch PolizistInnen, die ihr Äußerstes geben. Sonst [könnte] man glatt Glauben an Menschheit verlieren.

Christian Schwägerl (Journalist, Riff-Reporter) auf Twitter

Empfehlung: Tom Uhlig analysiert in einem ausführlichen Text auf Belltower-News die „Verschwörungstheorien in Zeiten von Corona“. Die Analyse wie auch viele andere Texte auf Belltower-News sind lesenswert. (Selbstveständlich lohnt sich auch ein Blick in die zahlreichen Twitter-Profile der oben erwähnten Personen.)

Ich gebe meines bestes, nächste Woche an dieser Stelle (dann auch pünktlich!) eine „Corona-Pause“ einzulegen – versprechen kann ich es allerdings nicht.