Guten Morgen,

diese Woche lande ich wieder zur gewohnten Zeit in der gewohnten Form in Deinem E‑Mail-Postfach.

Ich gebe mir große Mühe, die üblichen Sommerloch-Diskussionen zu umschiffen und hier nicht weiter aufzubauschen. Dennoch lass Dir gesagt sein: Auch das Wahlrecht ab 18 Jahren ist willkürlich festgelegt und hat nichts mit der Reife der Wähler*innen zu tun. Wäre es so, wären 89 Sitze im Bundestag anders besetzt.

Kultureller Völkermord unter unserem Radar

Wir müssen uns diese Woche einem Thema zuwenden, das zu wenig Aufmerksamkeit erfährt. Es geht um Masken, die in Zwangsarbeit entstehen; um die Assimilation einer religiösen Minderheit; um Zwangssterilisation; und nicht zuletzt geht es um Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die weitestgehend unter unserem Radar ablaufen.

Hintergrund

Der Schauplatz dieser Gräueltaten ist die chinesische Provinz Xinjiang. Sie zählt zum stabilen Fundament der chinesischen Wirtschaft.

In Xinjiang leben überwiegend zwei ethnischen Gruppen: Han und Uiguren.

Die Han sind die größte Bevölkerungsgruppe der Welt (18 Prozent) und machen etwa 92 Prozent der Gesamtbevölkerung Chinas aus. Dahingegen sind die Uiguren eine islamische Minderheit in China, aber eine große Mehrheit im Süden Xinjiangs.

Die chinesische Regierung betrachtet die Uiguren als kulturell rückschrittlich und versucht sie, an die Han-Kultur zu assimilieren. Dabei ist das chinesische Regime unter anderem von der Sorge getrieben, die Uiguren könnten eine Sezession Xinjiangs erwirken. Für China wäre das ein wirtschaftliches Desaster.

Gräueltaten

Anfang diesen Jahres kamen mit den “China Cables” Dokumente an die Öffentlichkeit, die erstmals das Ausmaß der Gräueltaten aufzeigten: Tausende Uiguren sind in sogenannten “Umerziehungslagern” interniert. Dort sollen sie sich von ihrer Religion distanzieren und ihrer Kultur und Sprache den Rücken zukehren. Es soll zu Zwangssterilisationen von Frauen kommen.

Die Süddeutsche Zeitung veröffentlichte im Rahmen der “China Cables” mehrere visuelle Geschichten, die einen guten Einstieg in die Thematik bieten.

Letzte Woche berichtete die New York Times über Chinas “Labor transfer program”, das als Deckmantel für systematische Zwangsarbeit fungieren soll. Besonders brisant: Es mehren sich Hinweise, dass auch in Europa verkaufte Mund-Nasen-Schutzmasken der Produktion aus Zwangsarbeit entspringen.

Wenn Du in den nächsten Tagen eine Dreiviertelstunde Zeit hast, empfehle ich dir die aktuelle Folge des Podcasts “Worldly”. Dort werden die Hintergründe und die aktuelle Situation der Uiguren besprochen.

Tik, Tok, Transparenz

Neulich bekam ich ein kurzes Video geschickt. Darin versucht ein Mann, seinen frisch aufgebrühten Kaffee zu trinken. Dieser ist allerdings derart heiß, dass er die Tasse kaum halten kann. Klingt wenig spektakulär … Doch vertont ist der Clip mit Michael Jacksons Falsetto-Schreien. Schau selbst:

Bekannt wurde das Video auf TikTok. Dort können solches kurzen Video geteilt und gesehen werden.

In den letzten Monaten geriet das Unternehmen hinter TikTok – ByteDance – zunehmend unter Druck. ByteDance ist ein chinesischer Konzern und unterliegt somit der chinesischen Gesetzgebung. Das bereitet Sicherheitsexpert*innen Sorgen, denn chinesische Unternehmen sind zur Kooperation mit der Regierung verpflichtet – auch zur Herausgabe personenbezogener Daten.

Diese Woche kam die Wendung: TikTok hat angekündigt, den Quellcode ihres Moderationsalgorithmus’ an Expert*innen herauszugeben. Außerdem werden der Konzern die Datenströme des Dienstes für Regulationsbehörden offenlegen. Dieser erstaunlichen Mitteilung folgte der Appell, dass auch TikToks Konkurrenten ihre Software transparent machen sollen.

Kevin Roose kommentierte diese Woche in der New York Times:

The debate over TikTok’s fate, in other words, should really be a debate about how all of the big tech companies that entertain, inform and influence billions of people should operate, and what should be required of them, whether they’re based in China or Copenhagen or California.

(Bitte verzeih mir die Alliteration in der Überschrift, aber es war zu verlockend.)

Ein Geschenk für Russland

Bild: Pixabay

US-Verteidigungsminister Mark Esper kündigte am Dienstag an, was schon länger erwartet wurde: den Rückzug von knapp 12.000 Soldat*innen aus Deutschland. Zudem werde das US European Command (Eucom) von Stuttgart ins belgische Mons. Die ebenfalls in Stuttgart angesiedelte Afrika-Kommandozentrale werde möglicherweise ebenfalls verlegt.

Die Symbolik könnte kaum deutlicher sein: Donald Trump straft die Deutschen ab, die seiner Ansicht nach nicht genügend für ihre und die Sicherheit ihrer NATO-Verbündeten investiert haben.

Dabei schneidet er sich jedoch ins eigene Fleisch. Spätestens seit der völkerrechtswidrigen Annexion der Halbinsel Krim durch Russland, ist klar, dass Russland gen Westen strebt. Nun hat Vladimir Putin 12.000 Gründe weniger, dieser Bestrebung nicht nachzugehen.

Hinzu kommt noch die Absurdität, dass Belgien noch weiter unter dem Zwei-Prozent-Ziel für Verteidigungsausgaben zurückbleibt als Deutschland.

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Ich wünsche dir einen schönen Sonntag und einen guten Start in die 32. Kalenderwoche!

Liebe Grüße
Dominik Lawetzky