Guten Morgen,

auch diese Woche möchte ich mich wieder auf ein Thema konzentrieren und dazu einige Hintergründe liefern. Es wird um die Frage gehen: Wieso fühlt es sich in Deutschland so an, als sei “Corona” durchgestanden, und was hat das für Folgen für unser Verhalten?

Noch kein Ende in Sicht

1029 Mitarbeiter:innen des größten deutschen Fleischproduzenten Tönnies sind mit dem Coronavirus infiziert, das teilte der Landrat des Kreises Gütersloh, Sven-Georg Adenauer (CDU), am Samstagmorgen mit. Damit ist der Ausbruch im Kreis Gütersloh einer der größten in Deutschland seit Beginn der Pandemie.

Diese Meldung wirkt für viele wie aus einer anderen Welt. Einer Welt, in der das Coronavirus noch das bestimmende Thema ist.

Mit 106 Toten pro eine Millionen Einwohner:innen ist Deutschland bislang “gut” durch die Pandemie gekommen. Zum Vergleich: In unserem Nachbarland Belgien liegt der Wert bei 836, in Frankreich bei 453 und im anfangs beneideten Schweden bei 500.

Das mag vor allem an der frühen Sensibilisierung auf mögliche Übertragungswege und der hohen Compliance mit den verordneten Maßnahmen liegen.

Doch genau diese Compliance schwindet gerade. In den ersten Supermärkten verweigert sich das Personal stoisch gegen den Mund-Nasen-Schutz – das durfte ich erst heute erleben.

Eigene Grafik: Ursachen für die schwindende Compliance mit den Maßnahmen und Empfehlungen

Für die schwindende Compliance mit den Maßnahmen und Empfehlungen mache ich drei – sich gegenseitig bedingende – Ursachen aus:

  • abnehmende Risikowahrnehmung und dadurch sinkender “Compliancedruck”,
  • einsetzende Müdigkeit von der Omnipräsens der Pandemie und dadurch zunehmende Ablehnung der Maßnahmen und Empfehlungen als Form der Verdrängung (als disaster fatigue bezeichnet, darüber habe ich im April schon geschrieben),
  • positive Verstärkung der Non-Compliance durch die vermehrte Wahrnehmung von non-compliant behavior und dadurch abnehmendem peer pressure zur Compliance.

Aktuell ist die sogenannte Inzidenz (Zahl der Neuinfektionen) in Deutschland derart niedrig, dass das individuelle Risiko geringer erscheint, als der Aufwand, den die Einhaltung der Maßnahmen und Empfehlungen darstellt.

Das kann zum Problem werden, denn die Inzidenz ist derart niedrig, weil sich noch ein Großteil an die Maßnahmen und Empfehlungen hält.

Hinzu kommt, dass die Compliance während einer “zweiten Welle” insgesamt geringer ausfallen dürfte, da das erlebte Präventionsparadoxon (“Wir hatten ja gar keine italienischen Verhältnisse, also waren die Maßnahmen alle übertrieben.”) den Handlungsdrang unterminiert.

Entwicklung der weltweiten Fallzahl des Coronavirus (COVID-19) seit Januar 2020 (Stand: 19. Juni 2020)

Ich glaube, es ist wichtig, immer wieder zu betonen, dass wir weiterhin in einer der größten Krisen der letzten 75 Jahre stecken. Weltweit sterben täglich tausende Menschen an dem Virus, hunderttausende infizieren sich.

Wir sollten erst aufatmen, wenn wir a) einen Impfstoff gefunden haben, b) eine Therapie entwickelt haben oder c) ein Wunder anderer Art geschieht.

Ich weiß, dass diese monothematischen Hintergründe nicht dem ursprünglichen Konzept der Wochenschau entsprechen. Gerne würde ich mich über eine Rückmeldung freuen, ob diese Form der Wochenschau genauso gut oder auch besser ankommt als die übliche “News-Schau”. Dafür kannst Du unten auf den “Daumen hoch” klicken – oder, wenn es Dir nicht zusagt, “Daumen runter”.

Bis nächste Woche und danke für Deine Zeit!

Viele Grüße
Dominik Lawetzky