Am Sonntag wählten wir einen neuen Bundestag. Da ich selbst für die Grüne Direktkandidatin Anna Lührmann Wahlkampf gemacht habe, interessierte mich natürlich brennend, wie die Ergebnisse ausschauen. Umso größer war die Enttäuschung, dass die Ergebnisse über den offiziellen Votemanager nur mager illustriert werden. Keine Grafiken zum Vergleich der Ergebnisse nach Stadt oder Gemeinde, zum Stimmen-Splitting oder mit Berücksichtigung der Stimmenanzahl.

Also habe ich mir die detaillierten Wahlergebnisse für den Wahlkreis 178 (Rheingau-Taunus – Limburg) heruntergeladen, die Variablen ordentlich deklariert, ein wenig ausgemistet und anschließend alles in R gegeben. Sechs Stunden und knapp 500 Zeilen Code später und ich kann euch einige spannende Visualisierungen der Wahlergebnisse und meine Gedanken dazu präsentieren.

Balkendiagramme

Fangen wir mit trivialen Balkendiagrammen an, die das Erst- und Zweitstimmen-Ergebnis für den gesamten Wahlkreis darstellen.

Hier zeigt sich, dass die CDU nur jeweils knapp vor der SPD liegt. Bei den Erststimmen trennen die beiden nur 1,7 Prozentpunkte; bei den Zweitstimmen ist es mit weniger als 0,5 Prozentpunkten noch enger. Wir werden gleich sehen, dass je nach Region sogar die SPD vor der CDU liegt.

Mit etwas mehr als 10 Prozentpunkten Abstand folgen hinter CDU und SPD die Grünen und die FDP. Bei den Zweitstimmen liegen Grüne und FDP nur 1 Prozentpunkt auseinander. Anders sieht es bei den Erststimmen aus: Hier führen die Grünen deutlich mit etwa 4 Prozentpunkten Vorsprung. Hier zeigt sich: Die Wähler*innen der FDP haben deutlich öfter ihre Stimmen gesplittet und beispielsweise dem CDU-Kandidaten Klaus-Peter Willsch gegeben. Bei den Grünen wurde – auf den ersten Blick – weniger gesplittet. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass die Grünen-Wähler*innen ausgeglichen gesplittet haben – mehr dazu gleich.

Streuungsdiagramm

Insbesondere in Flächenwahlkreisen mit stark variierenden demographischen Bedingungen lohnt sich ein Blick auf die Streuung der Ergebnisse. Auf den folgenden Grafiken stellt jeder Punkt das Ergebnis aus einem Wahlgebiet (Kommune) dar, wobei die Größe und die Opazität des Punktes die Anzahl der dort abgegebenen gültigen Stimmen repräsentiert.

Am auffälligsten ist die Streuung bei der CDU: Hier streuen die Ergebnisse über 10 Prozentpunkte. Insbesondere einige kleinere Gemeinden scheren nach oben aus. Bei der FDP reist die Gemeinde Niedernhausen mit 17 Prozent für den Direktkandidaten Alexander Müller aus – eine Abweichung vom Wahlkreisergebnis von 7 Prozentpunkten. Im Vergleich zur Streuung bei den Zweitstimmen variiert das Erstimmen-Ergebnis auch bei den Freien Wählern stärker. Dies ist auf das etwas stärkere Abschneiden der Kandidatin im Rheingau zurückzuführen.

Ergebnis nach Städte und Kommunen

Besonders spannend ist auch die Aufschlüsselung nach Wahlgebieten. Auch hier repräsentiert die Größe und Opazität des Punktes die Anzahl der dort abgegebenen gültigen Stimmen. Die gestrichelte Linie stellt das jeweilige Wahlkreis-Ergebnis dar.

Für die detaillierte Betrachtung habe ich die Zweitstimmen-Ergebnisse von CDU, SPD, Grünen, FDP und Linken isoliert visualiert. Der vertikale Intercept kennzeichnet das Wahlkreis-Ergebnis.

Daraus lassen sich ein paar Erkenntnisse ableiten:

  • Die CDU hat ihre Hochburgen vor allem im hinteren Teil des Wahlkreises (Waldbrunn, Dornburg, Elz und Selters). Einzige Ausnahme: Lorch.
  • Besonders schwach ist die CDU in Bad Schwalbach (dort sind die Grünen stärker), Waldems, Hünfelden, Heidenrod und Hohenstein (dort ist die SPD stärker). Letzteres ist überraschend, da von dort der Direktkandidatin der CDU kommt.
  • Das CDU-Ergebnis in Walluf liegt mit 26 Prozent fast exakt auf dem Wahlkreis-Ergebnis von 26,05 Prozent.

  • Besonders stark ist die SPD in Aarbergen, Hohenstein und Kiedrich. Da diese drei Gemeinden allerdings nur wenig am Wahlkreis-Ergebnis ausmachen, ist das SPD-Ergebnis dominiert von den in Taunusstein, Idstein und Limburg abgegebenen Stimmen. Dabei dürfte insbesondere Idstein, aber auch Niedernhausen und Eltville das Wahlkreis-Ergebnis gedämpft haben.
  • Schwach ist die SPD in Dornburg (dort ist die CDU stärker) und in Schlangenbad (dort sind die Grünen stärker).
  • Wahlkreis-Repräsentativ für die SPD scheint die Gemeinde Selters zu sein. Mit 25,6 Prozent liegt Selters nur minimal unter dem Wahlkreis-Ergebnis.

  • Die Grünen haben am vergleichsweise viele Stimmen im Rheingau-Taunus-Kreis geholt. Im hinteren Teil des Wahlkreises schnitten sie deutlich schwächer ab, bspw. in Dornburg, Waldbrunn und Hadamar.
  • Unter dem Wahlkreis-Ergebnis schnitten die Grünen zudem in Heidenrod, Lorch, Aarbergen, Hohenstein und Elz ab. Ausschlaggebend dürfte jedoch wieder die stimmstarke Stadt Limburg gewesen sein, in der die Grünen nur knapp über 13 Prozent holten.
  • Am besten schnitten die Grünen mit Abstand in Idstein und in Eltville ab. Diese beiden Städte weisen die mitunter aktivsten Ortsverbände der Partei auf. Idstein gehört zudem zu den stimmstärkeren Wahlgebieten und dürfte den Grünen somit zu einem deutlich besseren Ergebnis verholfen haben.
  • Die repräsentativste Stadt ist Oestrich-Winkel. Dort lag das Ergebnis der Grünen nur leicht unter dem Wahlkreis-Ergebnis.

  • Bei der Betrachtung der FDP-Ergebnisse fällt auf, dass diese weniger variieren als bei CDU, SPD und Grünen. Richtige Ausreißer gibt es nur zwei: Aarbergen nach unten und Niedernhausen nach oben. Eine Erklärung dafür dürfte sein, dass der FDP-Direktkandiat Alexander Müller aus Niedernhausen kommt.
  • Für die FDP dürfte Schlangenbad die ideale „Glaskugel“ sein. Dort weicht das Ergebnis nur 0,3 Prozentpunkte nach unten vom Wahlkreis-Ergebnis ab.

  • Bei der Linken streuen viele kleinere Gemeinden und Städte unter dem Wahlkreis-Ergebnis. Auf den ersten Blick sieht die Grafik falsch aus. Das liegt daran, dass Limburg derart nach oben ausschert. Wo die CDU dort eigentlich stärker ist und die Grünen schwächer, kann die Linke offensichtlich eine „Lücke“ füllen. Ein ähnliches Setting scheint in Lorch zu bestehen.
  • Besonders schwach ist die Linke in Dornburg; dort kommt sie nicht einmal über die Ein-Prozent-Marke.
  • Im gesamten Wahlkreis konnte die Linke in keinem Gebiet über 5 Prozent erzielen.

Disclaimer: Die AfD erhält von mir keine kostenfreie Wahlanalyse. Dafür ist mir meine Zeit zu Schade. Nur so viel: Wie erwartet ist die AfD in den Gemeinden stärker, in denen die Mitte-Links-Parteien auffällig schwach sind.

Stimmen-Splitting

Abschließend lohnt sich ein Blick auf das Stimmen-Splitting. Als solches wird bezeichnet, wenn Wähler*innen ihre Erststimme jemanden von einer anderen Partei geben, als die ihre Zweitstimme erhält. Beispiel: Erststimme für die CDU / Zweitstimme für die FDP. Stimmen-Splitting steht häufig in Verbindung mit sogenanntem „strategischen Wählen“.

Die Interpretation der folgenden Grafik könnte ein eigener Blogpost sein.

Die Balken repräsentieren die Differenz zwischen Zweit- und Erststimmen-Ergebnis in Prozentpunkten. Ist der Wert positiv, so konnte die Partei mehr Erst- als Zweitstimmen erzielen. Allgemein gilt: Je höher der Balken, desto größer ist das Stimmen-Splitting. Die Opazität repräsentiert erneut die Anzahl der abgegebenen gültigen Stimmen.

Hier ein paar kurze Gedanken zur Grafik:

  • Die CDU hat in allen Gebieten ein besseres Erst- als Zweitstimmen-Ergebnis.
  • Die FDP hat in (fast) allen Gebieten ein schlechteres Erst- als Zweitstimmen-Ergebnis.
  • Bei den Freien Wählern wurde im Rheingau viel gesplittet. Besonders auffällig sind Lorch, Rüdesheim, Geisenheim und Oestrich-Winkel. Grund hierfür dürfte die regionale Bekanntheit der Kandidatin sein.
  • Entgegen der globalen Betrachtung fand auch bei den Grünen ein Stimmen-Splitting statt. In meisten Gebieten wurden den Grünen mehr Zweit- als Erststimmen gegeben. Ausnahmen sind Eltville und Bad Schwalbach. Dort erzielte die Direktkandidatin Anna Lührmann deutlich mehr Erst- als Zweitstimmen. Dies kann womöglich auf etliche Veranstaltungen der Direktkandidatin in den beiden Städten zurückgeführt werden.
  • In Kiedrich zeigt sich eine klassische rot-grüne Form des Splittings. Der SPD-Direktkandidat Martin Rabanus bekam dort über 5 Prozentpunkte mehr Erst- als Zweitstimmen; die Grünen deutlich weniger Erst- als Zweitstimmen.
  • Bei den meisten kleineren Parteien lässt sich Stimmen-Splitting beobachten: Meist erhalten sie weniger Erst- als Zweitstimmen.

Der Wahlkreis 178 wird künftig von drei Abgeordneten vertreten. Neben der Grünen Anna Lührmann zog auch Alexander Müller (FDP) über die Landesliste in den Bundestag ein. Klaus-Peter Willsch (CDU) konnte knapp das Direktmandat verteidigen. Sein Herausforderer Martin Rabanus (SPD) verfehlte das Direktmandat mit 1,69 Prozentpunkten. Aufgrund der vielen gewonnenen Direktmandate in Hessen konnte er auch nicht über die Landesliste einziehen.


Die Rohdaten und das R-Skript finden sich in diesem GitHub-Repo.

Korrektur (11.10.2021): Der Plot mit dem Titel „GRÜNES Zweitstimmen-Ergebnis nach Gebieten“ war zunächst fehlerhaft, denn er visualisierte die Erststimmen-Ergebnisse der Partei. Dies wurde korrigiert. Zudem wurden die einordnende Analyse entsprechend angepasst.

Transparenz-Hinweis: Ich bin Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen, arbeite für den Kreisverband Rheingau-Taunus und sitze für die Grünen im Kreistag. Bei der Analyse habe ich versucht, möglichst objektiv zu bleiben.