Urlaubssaison. Wir fliegen Tausende Kilometer, um scheinbar fremde Kulturen zu erfahren. Dabei sitzen wir einer sagenhaften Inszenierung der Tourismusbranche auf.

Die Freiheit ist ein Luxus, den sich nicht jedermann gestatten kann.

Otto von Bismarck

Im Jahr 2018 flogen circa 22 Millionen Menschen privat. Sie reisten im Inland, um sich eine (meist teurere) Zug- oder Autofahrt zu ersparen. Manche verschlug es quer durch Europa. Andere reisten über den Atlantik in ferne Regionen.

Die westliche Mittelschicht wurde, was das Fliegen anbelangt, längst zum Wiederholungstäter. Wir hegen die luxuriöse Imagination, in elf Stunden die halbe Welt zu überfliegen sei nicht anormal.

Der Großteil der Flugreisen ist durch das Bedürfnis, „Urlaub“ zu wollen, begründet. Nach einem anstrengenden Jahr voller Arbeit stünde es einem zu, dem Alltag zu entfliehen und ins Unbekannte zu reisen. Gleichzeitig könnten wir auf diese Weise Kulturen erleben und Menschen kennenlernen, zu denen uns normalerweise kein Zugang gewährt ist. Zum einen fliehen wir, zum anderen suchen wir.

Im Urlaub lässt sich ein Potpourri handysüchtiger Alltagseskapisten, Sandalen tragender Abenteurer und dekadenter am Cocktailglas nuckelnder Party-Teens begutachten. Hier zeigt sich der kulturelle Niedergang unserer westlichen Luxusgesellschaft.

Bei einer Flugreise von Düsseldorf nach New York fallen ungefähr 3,65 Tonnen Kohlenstoffdioxid an — pro Fluggast . Der ökologische Fußabdruck wird durch nur einen Flug auf eine unkäufliche Sondergröße gesteigert. Das nehmen wir leichtfertig in Kauf, wenn es uns um die Befriedigung uregozentrischer Interessen geht. Und dabei deklarieren wir diesen Luxus als Freiheit, eine vergiftete Freiheit.

Die ökologische Komponente ist jedoch nur eine Seite der Medaille. Immer attraktiver erscheinen exotische Gegenden in fernen Ländern. Zu den beliebtesten Reisezielen der Deutschen im vergangenen Jahr zählten Bali (Indonesien), Marrakesch (Marokko), Galle (Sri Lanka) und Fernando de Noronha (Brasilien). Dort angekommen erwarten wir eine unbekannte, uns mit offenen Armen empfangene und aufregende Kultur. Das Exotikum soll uns begeistern, schließlich wollen wir unseren Bekannten vom Unglaublichen erzählen, wenn wir wieder zu Hause sind. Am besten werden uns Motive für spektakuläre Urlaubsfotografien geboten, damit wir glaubhaft darlegen können, dass nur wir den besten Urlaub erlebt haben. Getrost dem Motto: Wer kein Foto hat, war nicht da.

Wir Kulturimperialisten!

Dabei sind wir Opfer und Antreiber einer argen Inszenierung der Tourismusbranche. Längst wurden die fernen Regionen samt ihrer indigenen Völker vertrieben oder akkulturiert. Von hergebrachten Kulturen ist keine Spure mehr zu finden.

Der sanfte Tourismus ist ein Mythos. Längst hat sich ein kultureller Imperialismus entwickelt. Westliche Kultur wird zur Leitkultur stilisiert und anderen Kulturen aufoktroyiert. Diese Entwicklung kulminiert in Verdrängung und Akkulturation.

Der Terminus Akkulturation beschreibt den Prozess der Zerstörung und Anpassung eines Kulturraums zugunsten einer hegemonialen Kultur. Überall auf der Welt finden wir Filialen amerikanischer Fast-Food-Ketten. Burger essen auf Bali? Heutzutage kein Problem. Gleichzeitig verlangen wir nach kulturellen Exotika. Diesen Wunsch registrierte die Tourismusbranche und schuf eine aberwitzige Vorstellung.

Das umgekehrte Saysche Theorem: Die Nachfrage schafft sich ihr Angebot.

Auf der indonesischen Insel Bali lässt sich ein Tag mit einem indigenen Stammesvolk verbringen. Die Indigenen beglücken die Reisenden kulinarisch und kommunizieren mit ihnen — über einen Dolmetscher, versteht sich. Dieses „einzigartige Event“ gehört zu einer Bali-all-inclusive-Reise. Abends geht es zurück ins Hotel. Wer dann noch Appetit verspürt, kann im Hotel italienisch essen. Anschließend geht’s zum Karaokeabend in der Hotelbar.


Der Essay wurde am 11. Februar 2019 verfasst. Für die Veröffentlichung wurden einige Passagen gekürzt und angepasst.

Bild: Enrico Perini