Ein Virus, SARS-CoV‑2, bedroht uns auf außergewöhnliche Weise. Wir sind nicht mehr gewohnt, eine konkrete Bedrohung aus unserer Umwelt zu erfahren. Dafür gibt es gute Gründe. Allerdings müssen wir uns im Angesicht dieser Bedrohung bewusst machen, welche das sind.

Dem Homo sapiens ist in den vergangenen 300.000 Jahren Erstaunliches gelungen. Ihn unterscheidet von allen anderen Spezies, dass er sich weitestgehend von seiner Umwelt unabhängig gemacht hat. Diese Unabhängigkeit hat er durch seine nahezu unbegrenzte Fähigkeit zur Anpassung (Adaptation) an äußere Gegebenheiten, die sich auf sein (Über-)Leben auswirken, gewonnen. Heute besiedelt der Homo sapiens alle Winkel der Welt – von der sibirischen Kältewüste bis zu den äquatorialen Gegenden Südamerikas.

Wunder der Anpassung

Um zu verstehen, woher der Homo sapiens diese Gabe zur Anpassung hat, nützt es wenig, das Individuum isoliert zu betrachten: Eigentlich fehlen uns die Reißzähne, um Fleisch zu verzehren, dennoch haben wir Wege gefunden, uns diese effiziente Nahrstoffquelle nutzbar zu machen. Unsere Vorfahren entdeckten, dass Fleisch durch das Braten über dem Feuer oder das Kochen in erhitztem Wasser besser verzehrbar war und auch schmeckte – Grillpartys und Kochschinken waren erfunden. Andere schnitten das Fleisch mit selbstgebauten Werkzeugen in kleine Scheiben, die leichter zu kauen waren – der Vorgänger des Carpaccios. Eigentlich fehlt uns auch das dicke Fell, um in den ‑40 °C der sibirischen Kältewüste zu überleben. Doch auch dafür entwickelten wir einen Workaround: Wir eigneten uns die Felle der Tiere an, die wir verzehrten. Vermutlich vor etwa 30.000 Jahren nähten wir uns unsere ersten eigenen Kleider aus den Fasern von Wildpflanzen wie Leinen und Hanf (Kvavadze et al., 2009).

Der Schlüssel zum beispiellosen evolutionären Erfolg des Homo sapiens ist sein Kooperationsvermögen. Der Anthropologe Brian A. Stewart fasste die Ergebnisse einer Auswertung zur ökologischen Nische des frühen Homo sapiens, die er gemeinsam mit Patrick Roberts 2018 in Nature Human Behaviour publizierte, folgendermaßen zusammen:

Non-kin food sharing, long-distance exchange, and ritual relationships would have allowed populations to ‘reflexively’ adapt to local climatic and environmental fluctuations, and outcompete and replace other hominin species.

Wir, die Unbesiegbaren

Der Homo sapiens war im Laufe der Evolution immer wieder existenziellen Bedrohungen ausgesetzt – Fressfeinden, Umweltkatastrophen und natürlichen Klimaveränderungen. Durch kooperatives Verhalten, das häufig über die soziale Eigengruppe hinausging, erwies er sich diesen Bedrohungen gegenüber widerstandsfähig. Mit der neolithischen und insbesondere der industriellen Revolution entkoppelte sich der Homo sapiens schlussendlich von den Determinanten seines Lebensraum (was weitere Probleme wie den anthropogenen Klimawandel mit sich bringt). Es stellte sich ein Gefühl von Unbesiegbarkeit ein: Der Mensch, der über alles erhaben ist. Die moderne Gentechnik steht in den Startlöchern, sogar die Endlichkeit des Menschen zu überwinden. Gläubige würden predigen, der Mensch erhebe sich zusehends zu seinem eigenen Gott, dem Homo deus (Yuval Noah Harari).

Diese Hybris stellt sich heute als verheerend heraus. Denn wir sind bedroht durch einen unserer größten gemeinsamen evolutionären Feinde. Ein Virus, das unsere Zellen befällt; sein virales Erbgut in diese injiziert, um unseren Zellapparat als Reproduktionmaschine zu nutzen, und uns dabei krankmacht und schlimmstenfalls tötet.

Life against life—no different than humans battling megafaunal lions, tigers, and bears to dominate our planet. Invisible pathogens, in contrast, attack the respiratory, digestive, and reproductive systems of hosts not by chance, but tactically to maximize their spread and survival. Pathogens are as impressive at being pathogen selfish gene machines as we are at being human selfish gene machines.

Mark Bertness, emiritierter Professor für Biologie an der Brown University

Selektiv angepasst hat SARS-CoV‑2 eine relativ hohe Übertragbarkeit (Infektiosität) bei einer Symptomatik, die teilweise unbemerkt bleibt und somit die Verbreitung des Virus begünstigt. Der Wirt bleibt trotz Infektion mobil und überträgt das Virus so an viele seiner Mitmenschen. Das Virus braucht uns, um sich zu reproduzieren. Der Reproduktionserfolg (Fitness) ist das allgemeine Erfolgsmaß der Evolution, SARS-CoV‑2 schneidet bis jetzt sehr gut darin ab.

Viren zielen nicht darauf ab, ihren Wirt zu töten. Eine höhere Letalität korreliert regelmäßig mit einer geringeren Infektiosität. Das muss uns klar sein, um strategisch sinnvoll gegen das Virus vorzugehen.

Wir, die Weltgemeinschaft

SARS-CoV‑2 ist ein hocheffektiver Einzelkämpfer. Doch wir sind hocheffektive Gemeinschaftskämpfer, das unterscheidet unsere Spezies von allen anderen. Wir müssen mit aller Macht gemeinschaftlich handeln, dürfen unter keinen Umständen Egoismen – wie massenhafte Hamsterkäufe – oder nationale Alleingänge – wie Ausfuhrverbote für medizinische Hilfsmittel – gutheißen. Wir müssen uns als Gemeinschaft organisieren. Egal, ob im engeren Sinne als Familie und Nachbarschaft oder weiter gedacht als globale Gemeinschaft. Teil dieser globalen Gemeinschaft ist das internationale Gesundheitsregime, an dessen vorderster Front die World Health Organization (WHO) steht. Ein US-Präsident, der dieser Organisation den Boden unter den Füßen wegzieht, indem er 15 Prozent ihrer Mittel für nichtig erklärt, fügt jedem einzelnen im Kampf gegen eine existenzielle Bedrohung Schaden zu.

Dieser Tage müssen wir zusammenhalten, dann werden wir das Virus als Weltgemeinschaft besiegen. Alles andere könnte unseren Niedergang bedeuten!