„Nein, das ist doch keinesfalls hilfreich. Hast du einen besseren Vorschlag?“, keift einer. Das sei doch keine „konstruktive Kritik“ und man solle besser die Klappe halten, anstatt Entscheidungsprozesse unnütz zu erschweren. Ein anderer feixt, ob man denn noch nichts von gewaltfreier Kommunikation gehört habe: „Ich sehe, was mich fühlen lässt und deswegen wünsche ich …“

Szenen wie diese spielen sich dieser Tage vielerorts ab, wenn Kritik um der Kritik willen geäußert wird. Kritik, die zur Reflexion anregen soll, und nicht die Prämisse stellt, es besser zu wissen. Manchmal ohne gänzlich zu Ende gedacht zu sein, soll sie anderen den Zugang zum eigenen Denkprozess ermöglichen – nicht mehr und nicht minder.

Leider ist diese Form theoretischer Kritik unendlich in Verruf geraten. Völlig zu Unrecht, denn gerade theoretische Kritik ist wesentlicher Bestandteil des wissenschaftlichen Diskurses und trennt diesen von den Sphären der Politik ab.

Kritikkompetenz

In der Psychologie wird die Fähigkeit, mit Kritik umzugehen, als passive Kritikkompetenz bezeichnet. Diese Kritikkompetenz lässt sich empirisch kaum erfassen. Eine Möglichkeit besteht darin, zu betrachten, ob der Kritisierte sein Verhalten in Folge der Kritik anpasst. Dem liegt die Annahme zugrunde, dass aus geübter Kritik eine beobachtbare Handlungspraxis erwachsen soll und sich darin die Wirkung der Kritik offenbart.

Sogenannte konstruktive Kritik verlangt stets einer durchdachten Alternative zum Objekt ihrer Kritik. Konstruktive Kritik ist mehr Beratung als Kritik. Die bei der konstruktiven Kritik mitgelieferte Handlungsalternative erhöht die Wahrscheinlichkeit einer bezweckten Verhaltensänderung. Und so scheint es, als sei konstruktive Kritik der theoretischen Kritik schlicht überlegen.

Kritik als Form der Deskription

In seinem letzten Gespräch mit dem Magazin Der Spiegel kritisierte Theodor W. Adorno fürchterlich theoretisch (Brumm & Elitz, 1969):

Auf die Frage ‚Was soll man tun‘ kann ich wirklich meist nur antworten ‚Ich weiß es nicht‘. Ich kann nur versuchen, rücksichtslos zu analysieren, was ist. Dabei wird mir vorgeworfen: Wenn du schon Kritik übst, dann bist du auch verpflichtet zu sagen, wie man’s besser machen soll. Und das allerdings halte ich für ein bürgerliches Vorurteil.

Kritik wird bei Adorno zur reflexiven Form der Deskription. Adorno kritisierte, indem er „rücksichtslos […] [analysiert], was ist“. Was manchem banal erscheint, ist eigentlich die größte Herausforderung in der Kritik: (subjektive) Realität zu beschreiben, zu analysieren und das Ergebnis dieser Analyse zu kommunizieren.

Ohne die Fähigkeit, zu beobachten und zu benennen, was wir beobachten, können wir nicht kritisieren. Immanuel Kant legte diesen Zusammenhang in seinem Werk „Kritik an der reinen Vernunft“ pointiert dar: „Gedanken ohne Inhalt sind leer, Anschauungen ohne Begriffe sind blind.“ (Mohr & Willaschek, 1998)

Wie hätte Marx die Auswüchse des Frühkapitalismus kritisieren sollen, wäre er nicht mit einer messerscharfen Beobachtungsgabe ausgestattet gewesen?

Seine Kapitalismuskritik besteht im Wesentlichen aus der Beschreibung frühkapitalistischer Strukturen. Er nennt die Dinge beim Namen – hier das Proletariat, da die Bourgeoisie. Marx konnte und wollte sich – wie Adorno – nicht als Politiker oder Aktivist sehen. Mit dem Marxismus konnte er so wenig anfangen wie Adorno mit dem „Schwachsinn“ des politisch blinden Aktionismus einiger 68er, die sich auf seine und Horkheimers kritische Theorie beriefen:

Die Philosophie kann von sich aus keine unmittelbaren Maßnahmen oder Änderungen empfehlen. Sie ändert gerade, indem sie Theorie bleibt. Ich meine, man sollte doch einmal die Frage stellen, ob es nicht auch eine Form des Sich-Widersetzens ist, wenn ein Mensch die Dinge denkt und schreibt, wie ich sie schreibe. Ist denn nicht Theorie auch eine genuine Gestalt der Praxis?

Bewusstseins‑, nicht Verhaltensänderung

Adorno postulierte, dass „gerade Werke, die rein theoretische Absichten verfolgten, das Bewußtsein und damit auch die gesellschaftliche Realität verändert haben“. Entscheidend an dieser Beobachtung ist das „Bewußtsein“, dessen Veränderung der Ursprung neuer „gesellschaftliche[r] Realität“ werde. Nach Adornos Vorstellung soll Kritik nicht etwa in nächster Konsequenz die Handlungspraxis formen, sondern zunächst zur Reflexion – einer beabsichtigt ziellosen Bewusstseinsveränderung – anregen.

Die Fähigkeit, aus einer rein theoretischen Kritik, eine Verhaltensveränderung abzuleiten, müsste längst als essenzieller Bestandteil der passiven Kritikkompetenz betrachtet werden, denn ihr geht ein intellektuell hoch anspruchsvoller Reflexionsprozess voraus: eine Bewusstseinsveränderung.

Pflicht zur theoretischen Kritik

Die theoretische Kritik ist der Ausgangspunkt umfassender Reflexionsprozesse, die weder angenehm noch immer zielführend, aber für den wissenschaftlichen Diskurs notwendig sind.

Theoretische Kritik will nicht konkret gestalten, sondern beschreiben und „rücksichtslos […] analysieren, was ist“ – Denkanstöße geben, damit Prozesse verlangsamen und Theorien für den Diskurs in einem deliberativen Sinne freigeben. Das geht nur, wenn wir aufhören, theoretische Kritik zu verachten und anfangen, den Umgang mit ihr einzuüben.

Schlussendlich ist auch dieser Text als theoretische Kritik zu verstehen. Bewusst vermeidet er, konstruktiv zu sein und Handlungsalternativen darzulegen, die den Diskurs über meine These nur ersticken würden. Nun liegt es an Ihnen, sich meiner Kritik anzunehmen und das Vermögen der Reflexion zu erfahren oder mir übel kritisch zu begegnen.


Ich danke Matthias Lawetzky, Johanna Dörfling und Catherine Leber für ihre Anregungen zu diesem Text und den kritischen Austausch.