The­sen zum Wür­de­be­griff

Vor zwei Tagen stell­te Deutsch­land­funk Kul­tur in der Sen­dung „Sein und Streit“ die Fra­ge: „Kön­nen wir Wür­de ler­nen?“ Es folg­te ein äußerst inter­es­san­tes Gespräch mit dem Neu­ro­lo­gen Gerald Hüt­her und dem Phi­lo­so­phen Arnd Poll­mann. Im Fol­gen­den möch­te ich drei Anmer­kun­gen bzw. The­sen zum Begriff der (Menschen-)Würde dar­le­gen.

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1) Die Wür­de des Men­schen ist antast­bar.

Die­se Aus­sa­ge steht kei­nes­falls im Wider­spruch zu Art. 1 Abs. 1 GG: „Die Wür­de des Men­schen ist unan­tast­bar“. Die­se Leit­li­nie ist Kern unse­rer frei­heit­lich-demo­kra­ti­schen Grund­ord­nung und gehört als sol­che nicht hin­ter­fragt. Gleich­wohl muss gefragt wer­den, wie unan­tast­bar die Wür­de des Men­schen wirk­lich ist. Ein juri­di­sches Abso­lu­tum muss — und genau das ist hier der Fall — nicht die Rea­li­tät wider­spie­geln. Wie so oft diver­gie­ren Rechts­text, Rechts­ma­te­rie und Rechts­wirk­lich­keit:

In der Rea­li­tät wird die Men­schen­wür­de stän­dig ange­tas­tet. Wenn ein Rechts­ra­di­ka­ler in Hal­le neun Men­schen erschießt, dann ist min­des­tens die Wür­de der unmit­tel­ba­ren Opfer, höchst­wahr­schein­lich aber auch die derer, die Teil des Lebens der Opfer waren, ange­tas­tet. Ras­sis­mus und Miso­gy­nie kön­nen nie in Ein­klang gebracht wer­den mit dem Wunsch einer unan­tast­ba­ren Men­schen­wür­de.

Der Phi­lo­soph Poll­mann sieht die Wür­de des Men­schen als etwas „sehr Fra­gi­les, etwas Ver­letz­li­ches“, das es umso mehr zu schüt­zen gel­te, wenn sie kon­kret bedroht wer­de. (Dazu, wie die Wür­de ver­tei­digt wer­den kann, sie­he drit­te The­se.)

Wir dür­fen nicht ver­leug­nen, dass die Men­schen­wür­de zuneh­mend in Gefahr gerät, indem wir auf dem Indi­ka­tiv-Prä­sens behar­ren, den das Grund­ge­setzt anstimmt.

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