Poli­ti­sche Wochen­schau: Fron­ten­ver­här­tung (KW 19)

„Das ist die neue Rea­li­tät in Deutsch­land, das Zeit­al­ter der Unver­söhn­lich­keit“, heißt es im Spie­gel. Ja, die Zei­ten sind unver­söhn­lich – oder um einen Gemein­platz zu bedie­nen: in Zei­ten von Coro­na ste­hen sich „Team Risi­ko“ und „Team Dis­zi­plin“ unver­söhn­lich gegen­über. Zusätz­lich for­mier­te sich in den letz­ten Tagen ein drit­tes „Team“: „Team Atti­la, Ken und Xavier“. In Ber­lin, Stutt­gart, Köln, Mün­chen und ande­ren deut­schen Städ­ten ver­sam­mel­ten sich hun­der­te, zum Teil tau­sen­de Gegner:innen der Maß­nah­men zur Ein­däm­mung des Coro­na­vi­rus, die längst gelo­ckert wer­den.

Ja, es gäbe eini­ge berech­tig­te Ansatz­punk­te für Kri­tik am bis­he­ri­gen Kri­sen­ma­nage­ment. Aber dar­um geht es den Demons­trie­ren­den größ­ten­teils nicht. Sie wer­den mobi­li­siert von in eine Alter­na­tiv­welt abge­drif­te­ten Ver­schwö­rungs­theo­re­ti­kern (ja, es sind meis­tens Män­ner!) – dar­un­ter der Fern­seh­koch Atti­la Hild­mann, der zur­zeit eher ver­stän­di­ge Gemü­ter auf­ko­chen lässt als vega­nes Rata­touille.

Screenshot von Attila Hildmanns Telegram-Kanal
Hild­mann betreibt einen Kanal beim Mes­sen­ger-Dienst Tele­gram,
die­se Nach­rich­ten stam­men vom 8. Mai

Bild: 4lert4

Weil mich das Gan­ze auch bis zum Geht-nicht-mehr auf­regt, ich mir jedoch bewusst bin, dass ich den größ­ten­teils anti­se­mi­ti­schen Ver­schwö­rungs­theo­rien nur Auf­wind ver­schaf­fe, wenn ich mich ein­zig und allein destruk­tiv dar­über erbo­se, habe ich eine klei­ne Über­sicht zusam­men­ge­stellt: qua­si eine auf­klä­re­ri­sche Lage­über­sicht in Zei­ten von Coro­na.

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Poli­ti­sche Wochen­schau: „Faschist.“ (KW 18)

Ehr­lich gesagt habe ich die­se Woche nicht die übli­che Dosis Nach­rich­ten kon­su­mie­ren kön­nen. Das hing unter ande­rem damit zusam­men, dass ich an dem Ser­ver für die­sen Blog gewer­kelt habe (wodurch die Sei­te auch eini­ge Stun­den nicht erreich­bar war).

Den­noch sind mir die­se Woche drei Mel­dun­gen unter­ge­kom­men, die ich – buch­stäb­lich – bemer­kens­wert fin­de:

  • Am Mon­tag­mor­gen wur­de der Pres­se­spre­cher der AfD-Bun­des­tags­frak­ti­on frei­ge­stellt. Er soll sich als „Faschist“ aus­ge­ge­ben haben.
  • Donald Trump ver­an­stal­tet aktu­ell eine spek­ta­ku­lä­re Freak­show.
  • Der Ber­li­ner Pan­nen-Flug­ha­fen BER kann eröff­nen. Wirk­lich. Ja, doch, wirk­lich.

Skan­dal­prä­ven­ti­on

„Faschist“, als sol­chen soll sich Chris­ti­an Lüth, sei­nes Zei­chens Pres­se­spre­cher der AfD-Bun­des­tags­frak­ti­on, in einer Text­nach­richt bezeich­net haben, die er einer jun­gen Frau per Whats­App geschickt haben soll. Wer genau die­se Frau ist, bleibt unklar. Mut­maß­lich hat Sie die pikan­ten Chat­ver­läu­fe mit dem AfD-Pres­se­spre­cher an die Frak­ti­ons­vor­sit­zen­den wei­ter­ge­ge­ben. Die­se haben am Mon­tag­mor­gen ent­schie­den, Lüth frei­zu­stel­len. Die Details zur Frei­stel­lung wur­den erst im Lau­fe der Woche bekannt:

„Am Abend des 6. Dezem­ber 2019 fragt die Gesprächs­part­ne­rin den AfD-Frak­ti­ons­spre­cher in dem Chat, ob er reak­tio­när sei? Sei­ne knap­pe Ant­wort: ‚Faschist.‘ Als die Frau erwi­dert ‚Du warst Ex-FDP­ler. Da wird man nicht zum Faschis­ten‘, bekräf­tigt er: ‚Oh doch‘. Als sie erneut fragt, ob Lüth dies ernst mei­ne, bekräf­tigt er: ‚Natür­lich.‘ Vie­le Medi­en spe­ku­lier­ten, dass Lüth Bekennt­nis zum Faschis­mus ‚iro­nisch‘ gemeint sein kön­ne. In den Ori­gi­nal-Chats klingt es nicht danach.“

Chris­ti­an Fuchs und Jan Alek­san­der Karon, ZEIT ONLINE

Lüth gab außer­dem an, Wolf­gang Lüth sei sein Groß­va­ter. Wolf­gang Lüth war ein 1913 gebo­re­ner deut­scher Mari­ne­of­fi­zier und als hoch­de­ko­rier­ter Mili­tär von Adolf Hit­ler höchst­per­sön­lich mit dem Rit­ter­kreuz des Eiser­nen Kreu­zes aus­ge­zeich­net.

Wolf­gang Lüths Toch­ter jedoch stell­te gegen­über ZEIT ONLINE rich­tig, dass Wolf­gang Lüth nicht Chris­ti­an Lüths Groß­va­ter sei, son­dern des­sen Groß­on­kel. Schwer vor­stell­bar, dass Lüth das unbe­ab­sich­tigt durch­ein­an­der gebracht hat. Eher scheint es so, als wol­le er sich mit dem NS-Erbe sei­nes Groß­on­kel brüs­ten.

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Poli­ti­sche Wochen­schau: Das zwei­te Virus (KW 17)

Eini­ge Ver­schwö­rungs­theo­rien hal­ten sich hart­nä­ckig. Die Flat Earth Socie­ty zählt 3500 Mit­glie­der, und das dürf­te nur ein Bruch­teil derer sein, die mei­nen, sie befän­den sich auf einer Schei­be. Wer die Such­be­grif­fe „Nasa“ und „Ver­schwö­rung“ bei Goog­le ein­gibt, erhält über 90.000 Tref­fer. „Hil­la­ry“ und „Ver­schwö­rung“ ergibt 70.000, ähn­lich wie „Chem­trails“ und „Ver­schwö­rung“.

Bei „Coro­na“ und „Ver­schwö­rung“ spuckt Goog­le 368.000 Such­ergeb­nis­se aus.

Der neue Mobil­funk­stan­dard 5G sor­ge dafür, dass die roten Blut­kör­per­chen nicht aus­rei­chend Sauer­stoff bin­den könn­ten, wodurch die Sauer­stoff­sät­ti­gung bedenk­lich sin­ke, erklärt eine vor­geb­li­che Kran­ken­pfle­ge­rin in einem Video. Das Video wur­de auf Face­book zehn­tau­sen­de Male geteilt.

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Die Sän­ge­rin Keri Hil­son twit­ter­te Mit­te März mit Ver­weis auf ein Video, in dem irgend­wer sin­niert, Radio­wel­len hät­ten die spa­ni­sche Grip­pe aus­ge­löst: „5G laun­ched in CHINA. Nov 1, 2019. Peop­le drop­ped dead. See atta­ched & go to my IG sto­ries for more.“ Hil­son fol­gen 4,2 Mil­lio­nen Men­schen.

Besteht ein Zusam­men­hang zwi­schen 5G und COVID-19? Kei­ne der „Erklä­run­gen“ hält genau­em Hin­se­hen stand. Mitt­ler­wei­le fin­den sich zu die­sem The­ma zahl­rei­che Fak­ten­checks:

Erschre­ckend ist doch, in wel­cher Geschwin­dig­keit sich der­ar­ti­ge Ver­schwö­rungs­theo­rien im Inter­net ver­brei­ten. Wie das Virus selbst wächst eine Ver­schwö­rungs­theo­rie expo­nen­ti­ell. Tei­len, Liken, Ret­wee­ten. Und wie­der von vor­ne. Häu­fig unbe­dacht, viel­leicht ernst­haft besorgt und ver­un­si­chert.

4,2 Mil­lio­nen Men­schen hät­te Keri Hil­son infi­zie­ren kön­nen. Ihr Tweet – ein Super Sprea­der-Ereig­nis.

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Poli­ti­sche Wochen­schau: Hefe zum Selbst­her­stel­len (KW 16)

Letz­te Woche begann ich an die­ser Stel­le mit dem Satz: „Die poli­ti­sche Wochen­schau expan­diert.“ Das hat sich eigent­lich nur dar­auf bezo­gen, dass der E‑Mail-Ver­sand hin­zu­kam, hät­te sich jedoch glei­cher­ma­ßen auf die Län­ge der letz­ten Wochen­schau bezie­hen kön­nen.

Coronavirus illustriert in einer Zeitschrift und ein Mund-Nasen-Schutz
Bild: Pixabay

Die­se Woche wer­de ich es kür­zer hal­ten und mich auf zwei The­men (und ein paar Rand­no­ti­zen) beschrän­ken:

  • das COVID-19 Snapshot Moni­to­ring und
  • die ein­zig sinn­vol­le Stra­te­gie gegen das Virus.

Ermü­dungs­er­schei­nun­gen

Das COVID-19 Snapshot Moni­to­ring (kurz: COSMO) ist ein wis­sen­schaft­li­ches Pro­jekt der Uni­ver­si­tät Erfurt, bei dem mit­tels „wiederholte[m] quer­schnitt­li­chen Moni­to­ring“ die „psy­cho­lo­gisch Lage“ der Bevöl­ke­rung erfasst wer­den soll. In mitt­ler­wei­le sie­ben Daten­er­he­bun­gen haben die Wissenschaftler:innen jeweils ca. 1000 Befra­gun­gen durch­ge­führt, bei denen die Ängs­te und Sor­gen, das Wis­sen und Ver­hal­ten und vor allem das Ver­trau­en der Bevöl­ke­rung abge­fragt wer­den. Anschlie­ßend lei­ten die Wissenschaftler:innen aus den Ergeb­nis­sen stra­te­gi­sche Emp­feh­lun­gen ab.

Bereits in der sechs­ten Daten­er­he­bung von letz­ter Woche trat zuta­ge, dass die Akzep­tanz der Maß­nah­men zu sin­ken beginnt. Die­ser Befund bestä­tigt sich in der neus­ten Erhe­bung:

„Trotz der rela­tiv hohen Risi­ko­wahr­neh­mung tre­ten ‚Ermü­dungs­er­schei­nun­gen‘ im Zusam­men­hang mit der Akzep­tanz der Maß­nah­men auf: Die Maß­nah­men sind immer noch gut akzep­tiert, die Zustim­mung sinkt aber kon­ti­nu­ier­lich. Bei­spiels­wei­se ging die Akzep­tanz zu Maß­nah­men der Schlie­ßung von Gemein­schafts­ein­rich­tun­gen im Ver­gleich zur Vor­wo­che noch­mal zurück.“

COSMO, 17.04.2020

Zur sin­ken­den Akzep­tanz der Maß­nah­men in der Bevöl­ke­rung dürf­te mit Sicher­heit bei­tra­gen, dass sich bei der Fra­ge nach dem „Exit“ ein Fli­cken­tep­pich der Bun­des­län­der auf­tut. Nord­rhein-West­fa­len möch­te sei­ne Schu­len für die Abschluss­klas­se bereits am kom­men­dem Don­ners­tag, den 23. April öff­nen. Bay­ern hin­ge­gen möch­te mit sol­chen Öff­nun­gen min­des­tens eine Woche län­ger war­ten. Unei­nig­kei­ten bestehen auch bei der Öff­nung von Geschäf­ten und Möbel­häu­sern

Eige­ne Gra­fik

Ja, dass regio­na­le Gege­gen­hei­ten bei der schritt­wei­se Locke­rung des „Shut­downs“ berück­sich­tigt wer­den, ist nicht nur aus föde­ra­ler Sicht ver­ständ­lich, son­dern auch epi­de­mio­lo­gisch sinn­voll. In der drit­ten Ad-hoc-Stel­lung­nah­me der Leo­pol­di­na vom 13. April heißt es dazu:

In Regio­nen mit nied­ri­gen Infek­ti­ons­ra­ten und gerin­gem Ver­brei­tungs­po­ten­ti­al könn­ten ein­schrän­ken­de Maß­nah­men, ggf. auch spe­zi­fisch für ein­zel­ne Per­so­nen­grup­pen, gelo­ckert wer­den.

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Essay: Gemein­sam gegen das Virus

Ein Virus, SARS-CoV‑2, bedroht uns auf außer­ge­wöhn­li­che Wei­se. Wir sind nicht mehr gewohnt, eine kon­kre­te Bedro­hung aus unse­rer Umwelt zu erfah­ren. Dafür gibt es gute Grün­de. Aller­dings müs­sen wir uns im Ange­sicht die­ser Bedro­hung bewusst machen, wel­che das sind.

Viren bedrohen einen Menschen, der sich vor diesen in Deckung bringt
Bild: Pixabay

Audio­ver­si­on des Arti­kels: Bei eini­gen län­ge­ren Arti­keln bie­te ich eine Audio­ver­si­on an, um den Zugang zum Text mög­lichst bar­rie­re­arm zu gestal­ten.

Dem Homo sapi­ens ist in den ver­gan­ge­nen 300.000 Jah­ren Erstaun­li­ches gelun­gen. Ihn unter­schei­det von allen ande­ren Spe­zi­es, dass er sich wei­test­ge­hend von sei­ner Umwelt unab­hän­gig gemacht hat. Die­se Unab­hän­gig­keit hat er durch sei­ne nahe­zu unbe­grenz­te Fähig­keit zur Anpas­sung (Adap­t­ati­on) an äuße­re Gege­ben­hei­ten, die sich auf sein (Über-)Leben aus­wir­ken, gewon­nen. Heu­te besie­delt der Homo sapi­ens alle Win­kel der Welt – von der sibi­ri­schen Käl­te­wüs­te bis zu den äqua­to­ria­len Gegen­den Süd­ame­ri­kas.

Wun­der der Anpas­sung

Um zu ver­ste­hen, woher der Homo sapi­ens die­se Gabe zur Anpas­sung hat, nützt es wenig, das Indi­vi­du­um iso­liert zu betrach­ten: Eigent­lich feh­len uns die Reiß­zäh­ne, um Fleisch zu ver­zeh­ren, den­noch haben wir Wege gefun­den, uns die­se effi­zi­en­te Nahr­stoff­quel­le nutz­bar zu machen. Unse­re Vor­fah­ren ent­deck­ten, dass Fleisch durch das Bra­ten über dem Feu­er oder das Kochen in erhitz­tem Was­ser bes­ser ver­zehr­bar war und auch schmeck­te – Grill­par­tys und Koch­schin­ken waren erfun­den. Ande­re schnit­ten das Fleisch mit selbst­ge­bau­ten Werk­zeu­gen in klei­ne Schei­ben, die leich­ter zu kau­en waren – der Vor­gän­ger des Car­pac­ci­os. Eigent­lich fehlt uns auch das dicke Fell, um in den ‑40 °C der sibi­ri­schen Käl­te­wüs­te zu über­le­ben. Doch auch dafür ent­wi­ckel­ten wir einen Work­around: Wir eig­ne­ten uns die Fel­le der Tie­re an, die wir ver­zehr­ten. Ver­mut­lich vor etwa 30.000 Jah­ren näh­ten wir uns unse­re ers­ten eige­nen Klei­der aus den Fasern von Wild­pflan­zen wie Lei­nen und Hanf ​(Kva­vad­ze et al., 2009)​.

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