Schul­öff­nun­gen: Der Feld­ver­such

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Seit die­ser Woche haben die Schu­len in Meck­len­burg-Vor­pom­mern und Ham­burg wie­der geöff­net. Am Mon­tag kom­men Ber­lin, Bran­den­burg und Schles­wig-Hol­stein hin­zu. Das bedeu­tet, knapp 1,6 Mil­lio­nen Kin­der und Jugend­li­che ler­nen wie­der mit­ein­an­der. Ja, rich­tig – mit­ein­an­der, in ihren Klas­sen.

Schüler:innen sitzen an ihren Schultischen mit Abstand zueinander und Mund-Nasen-Schutz

Wo liegt das Pro­blem? Ehr­lich gesagt fällt es mir schwer, in die­ser Gemenge­la­ge nur ein Pro­blem zu fin­den. Ich ver­su­che, mich auf die fünf größ­ten Pro­ble­me zu beschrän­ken.

Pro­blem 1: Stil­le Post

Die Bun­des­län­der sind zustän­dig für die all­ge­mei­ne Bil­dungs­po­li­tik. So wer­den die Lehr­plä­ne (teils hoch­tra­bend Kern­cur­ri­cu­la genannt) vom jewei­li­gen Kul­tus­mi­nis­te­ri­um vor­ge­ge­ben. Auch all­ge­mei­ne Fra­gen wie, ob Schu­len über­haupt geöff­net wer­den und wel­ches Lehr­per­so­nal ein­ge­setzt wird, klärt das Minis­te­ri­um.

Absurd wird es, rich­tet man den Blick auf die ein­zel­ne Schu­le. Denn die muss wie­der­um auch die Vor­ga­ben des Schul­trä­gers – also des Krei­ses oder der Stadt – beach­ten. Der Schul­trä­ger ist vor allem für die Aus­stat­tung der Schu­len zustän­dig. Zu guter Letzt inter­pre­tiert die Schul­lei­tung (mit gewis­sem Spiel­raum) die Vor­ga­ben des Minis­te­ri­ums sowie des Schul­trä­gers und sorgt für deren Aus­ge­stal­tung. Allein dass ich der­art lan­ge brau­che, um die­se Struk­tur zu beschrei­ben, wird zum Pro­blem, denn nicht alle behal­ten den Durch­blick. Und wie man es aus umfas­sen­den Struk­tu­ren kennt – Stich­wort stil­le Post: Manch­mal ver­si­ckern Infor­ma­tio­nen (öfter).

Im Mai schil­der­te mir ein Schul­lei­ter resi­gniert: „Wir erfah­ren Neu­ig­kei­ten zum Schul­be­trieb nicht vom Schul­amt oder dem Kul­tus­mi­nis­te­ri­um. Ich lese das in der Zei­tung oder online.“ Er füh­le sich weder ein­ge­bun­den in die Ent­schei­dungs­pro­zes­se, noch sehe er die höchst unter­schied­li­chen Situa­tio­nen der Schu­len berück­sich­tigt.

Pro­blem 2: Die Infek­ti­ons­fal­le

Mitt­ler­wei­le ist klar, dass die Bedeu­tung der Über­tra­gung mit­tels fei­ner Par­ti­kel­wol­ken – soge­nann­ter Aero­so­le – grö­ßer ist als ursprüng­lich ange­nom­men. Die­se Aero­so­le ent­ste­hen nicht nur beim Hus­ten oder Nie­sen, son­dern auch beim Atmen oder Spre­chen – zwei Din­ge, die in Klas­sen­zim­mern übli­cher­wei­se statt­fin­den.

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Die­se infek­tiö­sen Par­ti­kel­wol­ken kön­nen bis zu 14 Minu­ten in der Luft schwe­ben und im Raumin­ne­ren dif­fun­die­ren. (Die New York Times hat die­ses Phä­no­men anschau­lich visua­li­siert.)

Um das Risi­ko einer Infek­ti­on durch Aero­so­le zu redu­zie­ren, muss die Raum­luft zir­ku­lie­ren, so dass die Virus­last an einer bestimm­ten Stel­le im Raum gering bleibt. Das kann ent­we­der durch kom­ple­xe Lüf­tungs­sys­te­me wie an Bord von Flug­zeu­gen oder durch ein­fa­ches Stoß­lüf­ten erreicht wer­den.

Letz­te­res wäre eine Opti­on für Klas­sen­räu­me, wären da nicht die zu gro­ßen Tei­len maro­den Schul­ge­bäu­de, deren Fens­ter sich teils nicht öff­nen las­sen. Außer­dem wird das Stoß­lüf­ten dadurch beein­träch­tigt, dass die wenigs­ten Klas­sen­räu­me Fens­ter auf zwei Raum­sei­ten auf­wei­sen.

Zwan­zig oder rea­lis­ti­scher gedacht drei­ßig Leu­te in einem Raum, der nur unre­gel­mä­ßig und unsach­ge­mäß durch­lüf­tet wird, ergibt eine gefähr­li­che Infek­ti­ons­fal­le.

Beson­dern tückisch wird die­se Infek­ti­ons­fal­le im Herbst und Win­ter (soll­ten dann nicht sowie­so die Schu­len geschlos­sen sein). Zum einen wird es küh­ler, wodurch das Stoß­lüf­ten erschwert wird und Viren län­ger auf Flä­chen über­le­ben. Zum ande­ren kommt die sai­so­na­le Influ­en­za als Infek­ti­ons­ri­si­ko hin­zu. Eine „Dop­pel­in­fek­ti­on“ mit Influ­en­za und Covid-19 dürf­te auch für Kin­der nicht leicht zu ver­kraf­ten sein, geschwei­ge denn für die Lehrer:innen.

Pro­blem 3: Die Sache mit dem Mund-Nasen-Schutz

Umso wich­ti­ger wäre es, zu ver­hin­dern, dass Tröpf­chen und Aero­so­le über­haupt in die Raum­luft gera­ten. Zu die­sem Zweck müss­ten alle einen Mund-Nasen-Schutz tra­gen. Ja, auch und vor allem im Unter­richt.

(Seit die­ser Woche wis­sen wir zudem, dass der Mund-Nasen-Schutz nicht nur die Mit­men­schen, son­dern auch die Trä­ge­rin selbst schützt.)

Die Gesell­schaft für Viro­lo­gie mahnt in einer Ad-hoc-Stel­lung­nah­me: „Im Hin­blick auf die rea­le Gefahr der Über­tra­gung zwi­schen Schü­lern, die zum Zeit­punkt der Infek­tio­si­tät (noch) kei­ne Krank­heits­sym­pto­me haben, spre­chen wir uns (…) für das kon­se­quen­te Tra­gen von All­tags­mas­ken in allen Schul­jahr­gän­gen auch wäh­rend des Unter­richts aus.“

Info-Grafik: Mindestens 20 Sekunden die Hände waschen, Seife benutzen, einen Mund-Nasen-Schutz tragen, große Menschenmengen meiden, keinen Handschlag und Kontaktflächen desinfizieren
Schutz­maß­nah­men gegen das Coro­na­vi­rus SARS-CoV‑2

Was die Umset­zung anbe­langt, muss ich aller­dings auf Pro­blem 1 ver­wei­sen: In Nord­rhein-West­fa­len muss die Gesichts­be­de­ckung immer getra­gen wer­den – auch im Unter­richt, in Hes­sen hin­ge­gen hält man eine sol­che Rege­lung für nicht sinn­voll.

Ein Leh­rer aus Hes­sen, der an ein dor­ti­ges Schul­amt abge­ord­net ist, erklär­te mir, er sei ange­wie­sen wor­den, im Schul­amt kon­se­quent einen Mund-Nasen-Schutz zu tra­gen. Denn in der Schu­le sei er ja erheb­li­chem Risi­ko aus­ge­setzt und man wol­le doch kei­ne Infek­tio­nen inner­halb des Schul­amts.

Pro­blem 4: Ein Spie­gel der Gesell­schaft

Die Meta­pher des „Spie­gels der Gesell­schaft“ wird ger­ne im Zusam­men­hang mit der Poli­zei ver­wen­det – meis­tens dann, wenn wie­der ein paar Rechts­ex­tre­me bei der Poli­zei ent­deckt wer­den. Nicht anders sieht es beim Lehr­per­so­nal an deut­schen Schu­le aus.

Ja, es gibt ihn: den enga­gier­ten und stets kom­pe­ten­ten Leh­rer. Ich hat­te selbst eini­ge die­ser gelob­ten Sor­te.

Genau­so gibt es jedoch auch die Leh­re­rin, die letz­te Woche Sams­tag Coro­na „weg­ge­tanzt“ hat und glaubt, Bill Gates pla­ne die Aus­rot­tung der Mensch­heit. Sie lehnt eine Gesichts­be­de­ckung genau­so als „Maul­korb der Regie­rung“ ab.

Eine Grund­schul­leh­re­rin aus Rhein­land-Pfalz hat mir berich­tet: „Da herrscht immer noch der Aber­glau­be von ‚die Mas­ke schützt mich und nicht ande­re, ich habe kei­ne Angst, daher tra­ge ich kei­ne‘.“

Als sie sich besorgt geäu­ßert habe wegen einer Kon­fe­renz im engen Leh­rer­zim­mer, habe man ihr ent­geg­net, sie sol­le sich einen Mund-Nasen-Schutz anzie­hen und sich ans Fens­ter set­zen. Wirk­lich ernst genom­men fühl­te sie sich nicht: „Ich muss­te in den letz­ten Mona­ten lei­der auf schmerz­haf­te Art und Wei­se erfah­ren, dass Bil­dung nichts mit Intel­li­genz zu tun hat.“

Sie selbst ist Risi­ko­pa­ti­en­tin und muss den­noch ab über­nächs­ter Woche in den Unter­richt: „Bis zu den Som­mer­fe­ri­en konn­te man sich als Risi­ko­pa­ti­ent ‚her­aus­neh­men‘ las­sen. Das wur­de aber, weil es enorm vie­le Leh­rer sind (und wir einen nicht uner­heb­li­chen Leh­rer­man­gel in RLP haben) ver­schärft. Ein Attest vom behan­deln­den Fach­arzt reicht nicht mehr aus, man muss zum Amts­arzt.“

Eine Leh­re­rin aus Hes­sen erzähl­te mir, sie erle­be eine per­sön­li­che Bre­douil­le. Ihre Mut­ter befin­de sich aktu­ell sta­tio­när in Behand­lung und bedür­fe ihres Besu­ches am Wochen­en­de. Doch wie kann sie ihre Mut­ter, die anfäl­lig für eine Infek­ti­on ist, guten Gewis­sens besu­chen, wenn sie womög­lich selbst unwis­send im Dienst infi­ziert wur­de?

Pro­blem 5: Von ande­ren ler­nen (oder auch nicht)

Das letz­te und viel­leicht größ­te Pro­blem ist Igno­ranz. Immer wie­der höre ich, man müs­se sich nun arran­gie­ren, mit dem was man habe.

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Spahn erklär­te am Don­ners­tag sinn­ge­mäß, der etap­pen­wei­se Schul­start bie­te die Chan­ce, her­aus­zu­fin­den, was funk­tio­niert und was nicht. Das ist nicht rich­tig; denn was dabei in Ver­ges­sen­heit gerät, ist, dass Deutsch­land nicht allein auf die­ser Welt ist.

In Isra­el wur­den die Schu­len im Mai wie­der geöff­net – ohne ver­pflich­ten­den Mund-Nasen-Schutz und ohne die Bil­dung von Klein­grup­pen. Schon nach weni­gen Wochen muss­te die Regie­rung zurück­ru­dern. Die raschen Schul­öff­nun­gen führ­ten zu hun­der­ten Infi­zier­ten. Isra­el stand vor den Öff­nun­gen bes­ser da, als wir es jetzt tun.

Ein ande­res Bei­spiel ist Aus­tra­li­en. Mehr als 49 Schu­len muss­ten kurz nach der Öff­nung im Bun­des­staat Vik­to­ria wie­der schlie­ßen, nach­dem es zu etli­chen Anste­ckun­gen in den Schu­len gekom­men war.

War­um kön­nen wir nicht von ande­ren ler­nen? Ist es nicht genau das, was Schu­le sein soll: von ande­ren ler­nen?

Es gibt noch eine gan­ze Rei­he wei­te­rer Pro­ble­me:

  • Leis­tungs­de­fi­zi­te bei eini­gen Schüler:innen,
  • schlech­te (tech­ni­sche) Aus­stat­tung und feh­len­des Füh­rungs­per­so­nal in den Schu­len,
  • kei­ne Stra­te­gien für eine etwai­ge Umstel­lung auf Fern­un­ter­richt,
  • Schüler:innen, die sich in die­ser schwie­ri­gen Zeit allein­ge­las­sen füh­len.

Dass die Dis­kus­si­on über den rich­ti­gen Weg in Sachen Schul­öff­nun­gen erst jetzt beginnt, da sich die Som­mer­fe­ri­en dem Ende nei­gen, ist ein Armuts­zeug­nis. Die Schu­len jetzt als gro­ßen Feld­ver­such zu öff­nen und das Bes­te zu hof­fen, darf nicht die Lösung sein.

Doch lei­der tritt gera­de nur zuta­ge, wor­an das deut­sche Schul­sys­tem schon zu lan­ge kränkt: feh­len­des poli­ti­sches Inter­es­se.


10.08.2020, 12:41 Uhr
In der Auf­zäh­lung der Bun­des­län­der, in denen das neue Schul­jahr am 10. August beginnt, habe ich Bran­den­burg ver­ges­sen. Die­sen Feh­ler habe ich kor­ri­giert. Ent­spre­chend wur­de die Zahl der Schüler:innen von ca. 1,3 auf 1,6 Mil­lio­nen erhöht.


Ich ver­wen­de auf die­sem Blog geschlech­ter­ge­rech­te Spra­che, wo ich nur kann. Soll­te es mal nicht in den Satz pas­sen, wechs­le ich zwi­schen den Gene­ra.

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Wel­co­me to Trump World

  • Beitrags-Kategorie:Politik
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Der Abend des 8. Novem­bers 2016 war für Mary L. Trump uner­träg­lich. An besag­ten Abend begann – so wis­sen wir heu­te – die Ero­si­on des poli­ti­schen Sys­tems der Ver­ei­nig­ten Staa­ten. Sie wuss­te es sofort.

Für Mary L. Trump hat­te der 8. Novem­ber auch eine pri­va­te Dimen­si­on; fort­an wür­de sie täg­lich zusam­men­zu­cken, wenn sie ihren Namen im Fern­se­hen hört oder auf einer der gro­ßen Titel­sei­ten liest. Sie wür­de ihn auch immer wie­der sehen, und das obwohl sie ihre Fami­li­en­ge­schich­te längst hin­ter sich las­sen woll­te.

Mary L. Trump ist die Toch­ter von Fred­dy Trump. Die­ser war das ältes­te von Fred Trumps Kin­dern – von denen eines Donald heißt. Donald – ja, Mary L. Trump ist sei­ne Nich­te und Donald ihr Onkel.

Portrait von Mary L. Trump und dem Cover ihres Buches
Bild: MaryLTrump/​Twitter (links), Simon & Schus­ter (rechts)

Weder Täter noch Tyrann

Vor zwei Wochen erschien Mary L. Trumps Ent­hül­lungs­buch, des­sen Titel bereits Agen­da ist: “Too Much and Never Enough”. Die­ses Oxy­mo­ron beschreibt nicht nur die deso­la­ten Fami­li­en­ver­hält­nis­se der Trumps.

Nein, der Titel macht auch klar, wohin die Rei­se der Leser*innen geht. Denn schnell offen­bart sich, Donald Trump ist weder Täter noch Tyrann.

Um ein Täter zu sein, war er zu oft ein Opfer. Und ein Tyrann herrscht zwar will­kür­lich, doch weiß er auch um die­se Will­kür­lich­keit. Donald Trump ist dazu nicht imstan­de. Er ist meta-will­kür­lich. Ohne es zu wis­sen. Wie will man ihm dar­aus einen Strick dre­hen?

Wie­der nein, denn den Strick hat er sich selbst gedreht. Er woll­te das. Er woll­te Prä­si­dent. Viel­leicht konn­te er auch nicht anders. Er braucht das. Das ist sei­ne Medi­zin, sein Lora­ze­pam.

Die­se Woche habe ich einen Blick in “Too Much and Never Enough” gewor­fen. Die­ses Buch wird Geschich­te schrei­ben. Mary L. Trump ist näm­lich gelun­gen, was bis­her kei­nes der zahl­rei­chen Ent­hül­lungs­bü­cher über “Trump World” ver­moch­te – ein Psy­cho­gramm höchs­ter Glaub­wür­dig­keit. Denn es ent­springt nicht nur der Feder Donald Trumps Nich­te, son­dern auch – in Per­so­nal­uni­on – der einer kli­ni­schen Psy­cho­lo­gin.

Gewin­nen ohne Kampf

Mary L. Trump schil­dert die Umstän­de der Kind­heit ihres Onkels au détail. Donald war auf­müp­fig und kann­te kei­ne Gren­zen. Woher auch? Sein Vater Fred war die meis­te Zeit des Tages damit beschäf­tigt, Donald tun zu las­sen, wofür er sei­nen ältes­ten Sohn Fred­dy abstraf­te. Fred­dy näm­lich woll­te nicht in die Fuß­stap­fen sei­nes Vaters tre­ten. Er war der Boden­stän­di­ge, woll­te eigent­lich Pilot wer­den. Dafür wur­de er mar­gi­na­li­siert. Fred­dy, Mary L. Trumps Vater, starb früh.

Donald war immer der Gewin­ner. Dafür muss­te er nicht ein­mal kämp­fen.

“Donald has, in some sen­se, always been insti­tu­tio­na­li­zed, shiel­ded from his limi­ta­ti­ons or his need to suc­ceed on his own in the world. Honest work was never deman­ded of him, and no mat­ter how bad­ly he fai­led, he was rewar­ded in ways that are almost unf­a­thom­able.”

Für jeman­den wie ihn muss es uner­träg­lich sein, nicht zu bekom­men, was er will. Damit ist Donald nie ganz in der Rea­li­tät ange­kom­men.

Bis heu­te nicht …

Die Umfra­gen sehen ihn gegen­über Joe Biden unter­le­genFake news.

Die Coro­na­kri­se bringt das US-ame­ri­ka­ni­sche Gesund­heits­sys­tem zu Fall. Die Fall­zah­len sind nur so hoch, weil so viel getes­tet wird. (Logisch ist das übri­gens genau­so plau­si­bel wie die Aus­sa­ge, es wür­den nur so vie­le Kin­der gebo­ren wegen der gan­zen Schwan­ger­schafts­tests.)

Er hat einen Demenz­früh­erken­nungs­test gemeis­tertDie ers­ten Fra­gen waren ein­fach, dann wur­de es so rich­tig schwer. Ich bin ein gefes­tig­tes Genie. Übri­gens soll­te Joe Biden mal die­sen Test machen. Per­son. Woman. Man. Came­ra. TV.

Trump World

Wir machen uns seit eini­ger Zeit über Fil­ter­bla­sen in Social Media Gedan­ken. Umge­ben wir uns da nur mit dem, was unser Wer­te­ge­rüst fes­tigt? Die­se The­se ist – Stand heu­te – wei­test­ge­hend wider­legt.

Donald Trump aller­dings hat sich eine hoch­ef­fek­ti­ve Fil­ter­bla­se geschaf­fen. Er lebt in einer Par­al­lel­rea­li­tät – “Trump World”, in der er alle Haupt­rol­len besetzt.

Für ihn ist nur er wich­tig. Sei­ne Gedan­ken wabern – in noch nicht demen­ten Tem­po – ste­tig um sei­ne eige­ne “Great­ness”.

Wie auch Mary L. Trump dar­legt, tref­fen auf Donald alle neun Dia­gno­se-Merk­ma­le nach DSM‑5 einer nar­ziss­ti­schen Per­sön­lich­keits­stö­rung zu:

  • voll­mun­di­ge Logik der Selbst­ge­fäl­lig­keit – check,
  • fixier­te Fan­ta­sien von unend­li­chem Erfolg, Kon­trol­le, Genia­li­tät und Schön­heit – check,
  • der Glau­be, man sei in jeder Hin­sicht ein­zig­ar­tig und her­aus­ra­gend und soll­te vor­ran­gig mit ande­ren ein­zig­ar­ti­gen und her­aus­ra­gen­den Men­schen oder Insti­tu­tio­nen zutun haben – check,
  • der Wunsch nach unge­recht­fer­tig­ter Bewun­de­rung durch ande­re – check,
  • das Gefühl, aus­er­wählt zu sein – check,
  • opp­res­si­ves zwi­schen­mensch­li­ches Ver­hal­ten – check,
  • völ­li­ges Feh­len von Empa­thie – check,
  • den Ver­dacht, ande­re wür­den sich gegen einen ver­bün­den – check,
  • ego­is­ti­sches und arro­gan­tes Ver­hal­ten – check.

Für eine posi­ti­ve Dia­gno­se reich­ten fünf der neun Merk­ma­le.

“In order to get a com­ple­te pic­tu­re of Donald, his psy­cho­pa­tho­lo­gies, and the mea­ning of his dys­func­tio­n­al beha­vi­or, we need a tho­rough fami­ly histo­ry.”

Den­noch wür­de eine sol­che Dia­gno­se zu kurz grei­fen. Viel­mehr bedarf es eines ganz­heit­li­chen Ver­ständ­nis­ses sei­ner “abnor­mal beha­vi­ors”, und um ein sol­ches bemüht sich auch Mary L. Trump.

Hand am Kill-Switch

Nach der Lek­tü­re von “Too Much and Never Enough” wur­de mir klar, wie­so Mary L. Trump ihr Schwei­gen bricht und aus­packt.

6185. Das ist die Men­ge der nuklea­ren Spreng­köp­fe, über die das US-Mili­tär ver­fügt.

Der Mann, der unse­re Welt in Flam­men legen könn­te, – Donald Trump – hat nichts zu ver­lie­ren. Er könn­te jeden Moment den Kill-Switch umle­gen. In “Trump World” gibt es nur einen End­sie­ger.

Nichts ist gefähr­li­cher als jemand, der nichts (mehr) zu ver­lie­ren hat.

Genau­so resi­gniert – wenn­gleich US-zen­tri­si­ti­scher gedacht – fällt Mary L. Trumps Appell aus:

“If he is affor­ded a second term, it would be the end of Ame­ri­can demo­cra­cy.”

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Update: Der „Ral­ly ‘round the flag“-Effekt

  • Beitrags-Kategorie:Politik
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Anfang April schrieb ich hier erst­mals zum Phä­no­men des „Ral­ly ‘round the flag“-Effekts:

Die Zustim­mungs­wer­te – erfragt in der „Sonn­tags­fra­ge“ – für die Regie­rungs­par­tei­en CDU/​CSU und SPD stei­gen seit Mit­te März signi­fi­kant. Das ist wäh­rend einer Kri­se die­ses Aus­ma­ßes nicht unge­wöhn­lich. In der Poli­tik­wis­sen­schaft spricht man hier von einem „Ral­ly ‘round the flag“-Effekt: die Bevöl­ke­rung ver­sam­melt sich um ihre poli­ti­sche Füh­rung.

Nach drei wei­te­ren, nicht min­der kri­sen­rei­chen Mona­ten sta­bi­li­sie­ren sich die Umfra­gen und die ver­mut­lich län­ger­fris­ti­gen elek­to­ra­len Aus­wir­kun­gen der Coro­na­kri­se mani­fes­tie­ren sich. Es lohnt sich ein zwei­ter Blick …

Als Stich­tag für den Beginn der Coro­na­kri­se in Deutsch­land eig­net sich der 16. März, an dem flä­chen­de­ckend die Schu­len geschlos­sen wur­den. Das deckt sich auch mit der Ent­wick­lung der Zustim­mungs­wer­te.

In der fol­gen­den Gra­fik wird deut­lich sicht­bar, dass die Zustim­mungs­wer­te​*​ der Uni­on als Fol­ge des Beginns der Coro­na­kri­se anstie­gen; bei der SPD ist der Zuwachs hin­ge­gen gerin­ger.

Entwicklung der Zustimmungswerte (Sonntagsfrage) seit Beginn des Jahres 2020 nach Infratest Dimap
Gra­fik 1 (Klick auf die Gra­fik zur Ver­grö­ße­rung!)

Die Oppo­si­ti­ons­par­tei­en büßen seit Anfang März alle­samt Zustim­mung ein. Dabei sind die Ver­lus­te seit Beginn des Jah­res pro­zen­tu­al gese­hen bei der FDP (44,44 %) und der AfD (28,57 %) am größ­ten. Die FDP liegt aktu­ell genau auf der kri­ti­schen Fünf-Pro­zent-Mar­ke.

Entwicklung der Zustimmungswerte (Sonntagsfrage) seit Beginn des Jahres 2020 nach Infratest Dimap
Gra­fik 3 (Klick auf die Gra­fik zur Ver­grö­ße­rung!)
(Bit­te die über­flüs­si­gen Nach­kom­mestel­len bei den rela­ti­ven Ver­lus­ten igno­rie­ren.)

Nach einem Höhe­punkt für die Regie­rungs­par­tei­en und einem Tief­punkt für die Oppo­si­ti­ons­par­tei­en sta­bi­li­sie­ren sich seit Mit­te Juni die Zustim­mungs­wer­te. Die soge­nann­te Gro­ße Koali­ti­on aus Uni­on und SPD hat in der Sonn­tags­fra­ge nur eine knap­pe Mehr­heit (53 %).

Gestärkt geht in jedem Fall die Uni­on aus der Coro­na­kri­se her­vor (+10 Pro­zent­punk­te). Mit den Grü­nen ergibt sich dadurch eine Mehr­heit von 57 Pro­zent.

Zustimmungswerte von CDU/CSU stabilisieren sich mit einem Plus von circa 10 Prozentpunkten
Gra­fik 4 (Klick auf die Gra­fik zur Ver­grö­ße­rung!)
Nachlassende Volatilität bei den Zustimmungswerten bzw. Stabilisierung der Zustimmungswerte
Gra­fik 5 (Klick auf die Gra­fik zur Ver­grö­ße­rung!)

Eine Deu­tung des Phä­no­mens habe ich in mei­nem Arti­kel vom 5. April vor­ge­nom­men:

Der „Ral­ly ‘round the flag“-Effekt lässt sich sozi­al­psy­cho­lo­gisch (ver­ein­facht!) erklä­ren: In einer Kri­se stre­ben die meis­ten danach, die Ver­ant­wor­tung für die Kri­sen­be­wäl­ti­gung an eine Instanz aus­zu­la­gern, die sich in der Ver­gan­gen­heit bereits „bewährt“ hat und folg­lich dazu imstan­de scheint, auch die­se Kri­se zu bewäl­ti­gen. Das lässt sich auch im mikro­so­zio­lo­gi­schen Raum beob­ach­ten: So gibt es in den meis­ten Fami­li­en den „Kri­sen­ma­na­ger“. Tritt eine Kri­se ein, setzt bei den Fami­li­en­mit­glie­dern ein Zustand der Apa­thie ein – stumm wird die Ver­ant­wor­tung an den „Kri­sen­ma­na­ger“ dele­giert, der (meist dank­bar) das Steu­er über­nimmt. In einem Staat ist die­se Instanz ent­spre­chend die Regie­rung. In der Kri­se schlägt die Stun­de der Exe­ku­ti­ve.

Eige­ne Daten: Gra­fi­ken als Vek­to­ren /​ Excel-Tabel­le

Wei­te­re Umfra­ge-Daten: Sta­tis­ta


  1. ​*​
    Im Fol­gen­den bezie­he ich mich auf die Erfas­sun­gen von Infra­test Dimap, sie­he: https://​www​.infra​test​-dimap​.de/​u​m​f​r​a​g​e​n​-​a​n​a​l​y​s​e​n​/​b​u​n​d​e​s​w​e​i​t​/​s​o​n​n​t​a​g​s​f​r​a​ge/
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Kon­stru­ier­te Neu­tra­li­tät im Jour­na­lis­mus

  • Beitrags-Kategorie:Politik
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In mei­ner Poli­ti­schen Wochen­schau the­ma­ti­sier­te ich ver­gan­ge­ne Woche den Auf­ruhr in den Redak­ti­ons­räu­men der New York Times wegen eines Op-Eds. Dabei kri­ti­sier­te ich eine kon­tru­ier­te Neu­tra­li­tät, die vie­le US-ame­ri­ka­ni­sche Medi­en­häu­ser nach wie vor anstre­ben.

Symbolbild: Vier Journalist:innen, die gerade berichten

Da ich das The­ma für rele­vant hal­te, repu­bli­zie­re ich in die­sem Bei­trag Aus­zü­ge aus der Wochen­schau vom 15. Juni 2020. Die gesam­te Aus­ga­be lässt sich hier nach­le­sen.

Aus­zug aus der Wochen­schau

Hin­ter­grund ist der Auf­ruhr bei der New York Times um einen Op-Ed. Am 3. Juni ver­öf­fent­lich­te die Times einen Gast­bei­trag des repu­bli­ka­ni­schen Sena­tors Tim Cot­ton, in dem die­ser for­der­te, das Mili­tär gegen Aus­schrei­tun­gen wäh­rend der Anti-Ras­sis­mus-Pro­tes­te ein­zu­set­zen:

“One thing abo­ve all else will res­to­re order to our streets: an over­whel­ming show of for­ce to disper­se, detain and ulti­mate­ly deter law­brea­kers.”

Mitt­ler­wei­le ist der Gast­bei­trag mit einer “Edi­tors’ Note” ver­se­hen, in der es unter ande­rem heißt:

“The basic argu­ments advan­ced by Sena­tor Cot­ton — howe­ver objec­tion­ab­le peop­le may find them — repre­sent a news­wor­thy part of the cur­rent deba­te. But given the life-and-death impor­t­ance of the topic, the senator’s influ­en­ti­al posi­ti­on and the gra­vi­ty of the steps he advo­ca­tes, the essay should have under­go­ne the hig­hest level of scru­ti­ny.”

Weni­ge Tage nach Erschei­nen des Tex­tes muss­te der Lei­ter des Mei­nungs­res­sort, James Ben­net, sei­nen Pos­ten räu­men. Ben­net muss­te beken­nen, Cot­tons Op-Ed nicht ein­mal gele­sen zu haben. Zudem ent­schul­dig­te sich Ver­lags­chef A. G. Sulz­ber­ger bei der Beleg­schaft der Times.

Aus deut­scher Sicht erscheint die Auf­re­gung über­trie­ben. Doch wie heißt es in Har­per Lees “To Kill A Mocking­bird” so schön:

“You never real­ly under­stand a per­son until you con­si­der things from his point of view.”

Weiterlesen Kon­stru­ier­te Neu­tra­li­tät im Jour­na­lis­mus

Wie viel Erspar­nis wäre mit der Mehr­wert­steu­er­sen­kung mög­lich?

  • Beitrags-Kategorie:Politik
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Ges­tern Abend stell­ten Uni­on und SPD ihre Maß­nah­men zur Anre­gung der Kon­junk­tur vor. Das Kon­junk­tur­pa­ket – „Coro­na-Fol­gen bekämp­fen, Wohl­stand sichern, Zukunfts­fä­hig­keit stär­ken“ – soll die Wirt­schaft, aber vor allem die Pri­vat­haus­hal­te ent­las­ten und damit die Kon­junk­tur sti­mu­lie­ren.

Über­ra­schen­der­wei­se sieht der Beschluss des Koali­ti­ons­aus­schus­ses auch eine Sen­kung der Mehr­wert­steu­er vor. Die Mehr­wert­steu­er muss auf alle Kon­sum­gü­ter und Dienst­leis­tun­gen gezahlt wer­den – ange­fan­gen vom Kaf­fee bis hin zur Fahr­rad­re­pa­ra­tur.

„Zur Stär­kung der Bin­nen­nach­fra­ge in Deutsch­land wird befris­tet vom 1.7.2020 bis zum 31.12.2020 der Mehr­wert­steu­er­satz von 19% auf 16% und von 7% auf 5% gesenkt.“

Aus­zug aus dem Beschluss­pa­pier des Koali­ti­ons­aus­schus­ses

Nun stellt sich die Fra­ge, wie ent­las­tend eine sol­che Mehr­wert­steu­er­sen­kung tat­säch­lich ist.

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