Essay: “Die meis­ten Men­schen haben einen Schnup­fen.”

Die Coro­na-Roman­tik ist ein Sym­ptom der Wahr­neh­mungs­stö­rung, die unse­re Rea­li­tät ver­zerrt. In ihrem Essay for­dern Eme­ly Dil­chert und Domi­nik Lawetz­ky, dem einen neu­en Expres­sio­nis­mus ent­ge­gen­zu­stel­len.

„Ich wer­de das gemein­sa­me Dra­ma ver­mis­sen. Ja, das haben wir durch­lebt, ein gemein­sa­mes Dra­ma. […] Ich wer­de auch den Coro­na-Spa­zier­gang ver­mis­sen. Was für ein Spa­zier­gang! […] Wir haben das Uni­ver­sum mit einem ande­ren Blick betrach­tet. Wie sehr haben wir die Natur geehrt! Wel­che Blu­men haben wir stu­diert, in wel­chen Düf­ten sind wir ertrun­ken.”

Rea Vita­li, Prot­a­go

Man­che Men­schen leben in einer Welt, die nicht die hie­si­ge zu sein scheint. Eine Welt so kun­ter­bunt, so grü­nend und strah­lend, so lebens­froh und bezwit­schert, dass sie schon fast ins Unwirk­li­che abdrif­tet. In die­ser Welt ist Zeit nicht Geld, son­dern Antrieb; das täg­li­che Kochen nicht Stress, son­dern Life­style; das digi­ta­le Home-Office nicht Belas­tung, son­dern Frei­heit. Die in ihr leben, sind die Fla­neu­re der Moder­ne.

Aber wer kann sich das Fla­neur­sein leis­ten? Ist nicht eigent­lich Pan­de­mie, Phy­si­cal Distancing und Hand­hy­gie­ne? Erzeu­gen hier eini­ge eine Roman­tik, wo es eigent­lich eines neu­en Expres­sio­nis­mus bedürf­te?

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Essay: Die Legen­de der kon­struk­ti­ven Kri­tik

„Nein, das ist doch kei­nes­falls hilf­reich. Hast du einen bes­se­ren Vor­schlag?“, keift einer. Das sei doch kei­ne „kon­struk­ti­ve Kri­tik“ und man sol­le bes­ser die Klap­pe hal­ten, anstatt Ent­schei­dungs­pro­zes­se unnütz zu erschwe­ren. Ein ande­rer feixt, ob man denn noch nichts von gewalt­frei­er Kom­mu­ni­ka­ti­on gehört habe: „Ich sehe, was mich füh­len lässt und des­we­gen wün­sche ich …“

Blaue Sprechblase mit rot-weißem Megaphon
Bild: Pixabay

Sze­nen wie die­se spie­len sich die­ser Tage vie­ler­orts ab, wenn Kri­tik um der Kri­tik wil­len geäu­ßert wird. Kri­tik, die zur Refle­xi­on anre­gen soll, und nicht die Prä­mis­se stellt, es bes­ser zu wis­sen. Manch­mal ohne gänz­lich zu Ende gedacht zu sein, soll sie ande­ren den Zugang zum eige­nen Denk­pro­zess ermög­li­chen – nicht mehr und nicht min­der.

Lei­der ist die­se Form theo­re­ti­scher Kri­tik unend­lich in Ver­ruf gera­ten. Völ­lig zu Unrecht, denn gera­de theo­re­ti­sche Kri­tik ist wesent­li­cher Bestand­teil des wis­sen­schaft­li­chen Dis­kur­ses und trennt die­sen von den Sphä­ren der Poli­tik ab.

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Was ich 2019 gehört habe …

2019 war ein audi­tives Jahr. Musik, Hör­bü­cher, Pod­casts – wir hören mehr und mehr. In die­sem Blog-Ein­trag stel­le ich vor, wel­che Musik und wel­che Pod­casts ich 2019 gehört habe.

Bild: Stas Knop

Musik

Baby Rose – „All To Mys­elf“

Nicht nur dass Ihre Stim­me unheim­lich ver­wund­bar klingt, sie ist auch noch wahn­sin­nig gut. Mich erin­nert Baby Rose an eine der gro­ßen: Nina Simo­ne. Unter­stützt wird Baby Roses Stim­me von Ham­mond­or­gel und Key­board – ein­fach gut.

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Meg Myers – „Run­ning Up That Hill“

Ursprüng­lich stammt „Run­ning Up That Hill“ von der eng­li­schen Sän­ge­rin Kate Bush und ist fes­ter Bestand­teil jeder 80er-Jah­re-Play­list. Kom­bi­niert man das her­vor­ra­gen­de Lied mit einer moder­nen alter­na­ti­ven Musi­ke­rin, wie Meg Myers eine ist, ent­steht ein unver­gleich­ba­res musi­ka­li­sches Ver­gnü­gen. Der Main-Syn­th der Leit­me­lo­die ist klar, dif­fe­ren­ziert gemischt und pro­fi­tiert von ähn­li­chem Nach­hall wie bei Kate Bushs Ori­gi­nal. Der Höhe­punkt bei „Run­ning Up That Hill“ ist jedoch die Break kurz vor dem letz­ten Refrain (ab 3:00, „Come on Baby, come on Dar­ling …“), die sich mit einem gesang­li­chen Cre­scen­do ankün­digt. Myers singt mit einer Weh­lei­dig­keit, die ver­mu­ten lässt, dass sie weiß, wovon sie singt.

Eines noch: Das Musik­vi­deo wur­de von 2130 Kin­dern mit Bunt­stif­ten gezeich­net. Es lohnt sich!

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Essay: Intel­li­genz aus. Deka­denz an.

Urlaubs­sai­son. Wir flie­gen Tau­sen­de Kilo­me­ter, um schein­bar frem­de Kul­tu­ren zu erfah­ren. Dabei sit­zen wir einer sagen­haf­ten Insze­nie­rung der Tou­ris­mus­bran­che auf.

Bild: Enri­co Peri­ni

Die Frei­heit ist ein Luxus, den sich nicht jeder­mann gestat­ten kann. 

Otto von Bis­marck

Im Jahr 2018 flo­gen cir­ca 22 Mil­lio­nen Men­schen pri­vat. Sie reis­ten im Inland, um sich eine (meist teu­re­re) Zug- oder Auto­fahrt zu erspa­ren. Man­che ver­schlug es quer durch Euro­pa. Ande­re reis­ten über den Atlan­tik in fer­ne Regio­nen.

Die west­li­che Mit­tel­schicht wur­de, was das Flie­gen anbe­langt, längst zum Wie­der­ho­lungs­tä­ter. Wir hegen die luxu­riö­se Ima­gi­na­ti­on, in elf Stun­den die hal­be Welt zu über­flie­gen sei nicht anor­mal.

Der Groß­teil der Flug­rei­sen ist durch das Bedürf­nis, „Urlaub“ zu wol­len, begrün­det. Nach einem anstren­gen­den Jahr vol­ler Arbeit stün­de es einem zu, dem All­tag zu ent­flie­hen und ins Unbe­kann­te zu rei­sen. Gleich­zei­tig könn­ten wir auf die­se Wei­se Kul­tu­ren erle­ben und Men­schen ken­nen­ler­nen, zu denen uns nor­ma­ler­wei­se kein Zugang gewährt ist. Zum einen flie­hen wir, zum ande­ren suchen wir.

Im Urlaub lässt sich ein Pot­pour­ri han­dy­süch­ti­ger All­tags­es­ka­pis­ten, San­da­len tra­gen­der Aben­teu­rer und deka­den­ter am Cock­tail­glas nuckeln­der Par­ty-Teens begut­ach­ten. Hier zeigt sich der kul­tu­rel­le Nie­der­gang unse­rer west­li­chen Luxus­ge­sell­schaft.

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