Guten Morgen,

willkommen im neuen Jahr 2021! Falls Du Dir für dieses Jahr vorgenommen hast, positiver durch Dein Leben zu gehen, empfehle ich Dir, hier aufzuhören. Diese Ausgabe wird nicht dazu beitragen, dass Du mit Deinem Vorsatz erfolgreich bist.

Denn leider ist 2021 nicht das Ende von 2020. Nein, es ist nur eine Fortschreibung unter anderem Namen. Geschichte macht vor Zahlen nicht halt.

Europäisches Problem

Letzte Woche sorgte ein SPIEGEL-Interview mit den Impfstoffentwickler*innen und BioNTech-Gründer*innen Özlem Türeci und Uğur Şahin für Aufregung. Şahin warf der Europäischen Union darin vor, zu zögerlich bei den Impfstoffbestellungen gewesen zu sein: „Offenbar herrschte der Eindruck: Wir kriegen genug, es wird alles nicht so schlimm, und wir haben das unter Kontrolle. Mich hat das gewundert.“

Der Tenor der daraufhin entbrannten Diskussion war: Die Europäische Union hat versagt, zu wenig Impfstoff bestellt und nun müssen Menschen am Virus sterben, die geimpft hätten werden sollen.

Welche Positionen dominieren die Debatte? Wie so oft lassen sich zwei Pole ausmachen. Yin und Yang – nur dass es kracht, wenn beide aufeinandertreffen. Die beiden Pole lassen sich personifizieren: Auf der einen Seite steht Jan Fleischhauer, auf der anderen Ruprecht Polenz. (Blenden wir für einen kurzen Augenblick die Werdegänge dieser beiden streitlustigen Figuren aus und konzentrieren uns auf ihr Argument.)

Polenz sehnt sich nach einer europäischen Lösung: „Das Wohl des deutschen Volkes wird am besten europäisch gefördert.“ Dabei schießt sein Argument auf beeindruckende Weise an seiner These vorbei und er faselt was von „Binnengrenzen“ und „gemeinsam bekämpfen“. Polenz bietet viel Fläche für Gegenwind, die Fleischhauer mal gerade übersieht. Das schadet ihm nur bedingt, da seine These keiner Argumente bedarf: „Genug Impfstoff für Europa bestellen, so wie es Biontech und Moderna angeboten hatten, dann wäre allen geholfen gewesen.“

Was wäre passiert, hätte die Europäische Union von jedem Hersteller auf gut Glück Impfstoff für alle EU-Bürger*innen bestellt? Die Antwort: Wir hätten genügend Impfstoff von BioNTech (und weniger Geld auf dem Haushaltskonto). Die dadurch entstandenen Übermengen hätten günstig an andere Staaten weiterverkauft werden können.

Wie kam es zu dem Schlamassel? Einen Teil der Antwort liefert Şahin, als er die EU-Beamt*innen kokettiert: „Wir kriegen genug, es wird alles nicht so schlimm, und wir haben das unter Kontrolle.“ Die Europäische Union hat offensichtlich unterschätzt, wie entscheidend der Impfstoffeinkauf ist. Das mag auch daran liegen, dass die europäische Shopping-Tour im Sommer unter gänzlich anderen Bedingungen stattfand. Wir erinnern uns: Geschäfte und Restaurants waren geöffnet und halb Europa im Sommerurlaub.

Auf der anderen Seite dachte ein Mitgliedsstaat (Frankreich), es sei ein guter Zeitpunkt, einen nationalen Pharmakonzern zu subventionieren, und andere (ostereuropäische) Staaten wollten sparen – eine Milchmädchenrechnung. Der Impfstoffeinkauf ist ein Schnäppchen im Vergleich zu den volkswirtschaftlichen Folgen des Wintershutdowns.

Geht es auch besser? Ja, das zeigt ein Blick nach Israel. Obwohl die Impfkampagne dort nur unwesentlich früher als in Deutschland gestartet ist, wurden bis Samstag 12,59 Prozent der israelischen Bevölkerung geimpft. Zum Vergleich: In Deutschland haben bis dahin nur 0,29 Prozent eine Impfung erhalten.

Einige werden jetzt entgegnen, dass Israels erfolgreiche Impfrate durch die kleinere Bevölkerungsgröße verursacht ist. Doch ein Blick auf die Anzahl der täglich verabreichten Impfdosen zeigt, dass dieser Einwand zu kurz greift.

In Israel werden pro Tag drei Mal so viele Impfdosen verabreicht wie in Deutschland. Nur in den Vereinigten Staaten und in China werden mehr Menschen geimpft.

Israels Gesundheitsminister Yuli Edelstein lobte das eigene Gesundheitssystem und bezeichnete es als „effizient“. Die Regierung von Benjamin Netanyahu hat früh daran getan, ausreichend Impfstoff für alle einzukaufen, und der New York Times zufolge diesen sogar überbezahlt. Zudem wird der Impfstoff in Israel bis auf den letzten Milliliter verwendet.

Der Times-Kolumnist Ross Douthat landete einen Volltreffer, als er Mitte Dezember schrieb: „The United States approved its first vaccine after Britain but before the European Union, not because Science says something different in D.C. versus London or Berlin but because the timing was fundamentally political.“ (Die Vereinigten Staaten genehmigten den ersten Impfstoff nach Großbritannien, aber noch vor der Europäischen Union, nicht weil die Wissenschaft in Washington D. C. oder London oder Berlin anderes sagt, sondern weil das Timing ausschließlich politischer Natur war.)

Genauso sieht es bei der Verteilung des Impfstoffs aus. Ihr Erfolg oder Misserfolg hängt allein von politischen Entscheidungen ab.

Was ist mit den anderen Impfstoffen? Bisher ist in der Europäischen Union nur der Impfstoff von BioNTech/Pfizer zugelassen. In dieser Woche könnte ein weiterer Impfstoff des Pharmakonzern Moderna seine Zulassung erhalten. Je mehr Impfstoffe zugelassen und verfügbar sind, desto höher dürfte das Tempo bei den Impfungen werden.

Apropos Tempo: Noch nie gelang es der Wissenschaft, in so kurzer Zeit einen Impfstoff zu entwickeln. Ist das nicht ein Zeichen der Zuversicht?

HACKED!!1!1!

Etliche US-Behörden und hunderte Firmen – darunter Microsoft – wurden auf einen Schlag gehackt. Und dieser Schlag blieb mehr als neun Monate unentdeckt. Damit dürfte es sich um einen der geschicktesten und gefährlichsten Hacks der neueren Geschichte handeln.

Was ist passiert? Russische Hacker*innen schleusten im Oktober 2019 Schadcode in eine Software namens Orions ein. Orions wird von SolarWinds programmiert und von hunderten Unternehmen, aber auch US-Behörden genutzt. Orions diente den Hacker*innen als eine Art trojanisches Pferd, um in die gut geschützten Systeme ihrer eigentlichen Ziele einzudringen. Verantwortlich für den Hack ist der Washington Post zufolge die russische Gruppe APT29, auch „Cozy Bear“ genannt. „Cozy Bear“ gehört als Cybereinheit zum russischen Auslandsnachrichtendienst SWR; die verwandte „Fancy Bear“-Einheit wird für eine Reihe an politisch motivierten Hackerangriffen verantwortlich gemacht. Bislang ist unklar, was die Hacker*innen mit ihrem Angriff bezwecken und ob Daten entwendet wurden.

Berichten zufolge seien bei SolarWinds Sicherheitsstandards missachtet worden, um Kosten zu sparen. Dadurch sei der Software-Zulieferer ein leichtes Ziel für die Hacker*innen gewesen.

Dass der Hack erst nach neun Monaten und dann von einer privaten Sicherheitsfirma entdeckt worden ist, könnte daran liegen, dass die US-Behörden zu fixiert auf Einmischungen bei den Wahlen waren.

Welche Motivation könnten die Hacker*innen haben? Auch das ist bislang unklar. Eine Theorie lautet, dass es sich um eine Machtdemonstration Russlands handelt. Auf diese Weise könnte die russische Regierung auf die anstehenden Verhandlungsgespräche zur nuklearen Abrüstung mit der Biden-Regierung Einfluss nehmen.

Wie kann ich mich vor solchen Angriffen schützen? Bei dem Angriff auf SolarWinds und deren Kund*innen handelt es sich um eine gezielte Attacke. Für meisten von uns besteht kein Risiko, Opfer eines gezielten Hacks zu werden. Dennoch sollte jede*r grundlegende Sicherheitsmaßnahmen treffen:

Was sonst noch los war?

  • Donald Trump drängte in einer Telefonkonferenz am Samstag den Innenminister des Bundesstaats Georgia dazu, „11.780 Stimmen“ zu „finden“. Alles andere sei, so drohte Trump, eine Straftat. Joe Biden hatte in Georgia mit 11.779 Stimmen gewonnen. Gestern Abend veröffentlichte die Washington Post einen Mitschnitt der besagten Telefonkonferenz, der nun unter dem Schlagwort „Trump Tapes“ kursiert. Aus dem Mitschnitt geht hervor, wie Donald Trump mehrfach fälschlich behauptet, er hätte die Wahl am 3. November gewonnen, und dazu aufruft, Wahlergebnisse zu seinen Gunsten zu manipulieren. Rechtsexpert*innen gehen davon aus, dass sich Trump damit strafbar gemacht hat. Die „Trump Tapes“ dürften von ihrer Schlagkraft mit den „Watergate Tapes“ vergleichbar sein. (Die Meldung erreichte mich erst nach Fertigstellen dieser Ausgabe, andernfalls wäre es die Schlagzeile geworden.)
  • Morgen beraten die Ministerpräsident*innen mit der Kanzlerin darüber, ob und bis wann der „harte Lockdown“ verlängert wird. Die bundesweite Inzidenz liegt derzeit bei etwa 140 – weit über dem Zielwert von 50. Diese Werte gilt es jedoch, mit Vorsicht zu genießen, da sich über die Weihnachtsfeiertage ein erheblicher „Meldestau“ entwickelt hat. Expert*innen aus Medizin und Wirtschaft warnen davor, angesichts der unsicheren Datenlage Lockerungen vorzunehmen, die langfristig nicht zu halten sind.
  • Die Virusvariante B.1.1.7 weist eine signifikant höhere effektive Reproduktionszahl Rt aus. Das bedeutet, dass sich die neue Virusvariante schneller verbreitet und Eindämmungsmaßnahmen eine geringere Wirkung zeigen. Der Wissenschaftsjournalist Kai Kupferschmidt geht davon aus, dass dadurch der „wackle Raum“ verloren gehe, der bislang zum Beispiel offenen Schulen möglich machte.

Unterstütze meine Arbeit

Seit mehr als einem Jahr schreibe ich Augenmerk (formals die Politische Wochenschau). Für jede Ausgabe lese ich dutzende Texte, recherchiere teils mehrere Stunden zu einem Thema, um die wichtigsten Aspekte in verständlicher Weise darstellen zu können. Augenmerk ist unabhängig und werbefrei. Wenn Du dazu beitragen willst, dass dieses Projekt bestehen bleiben kann, spende einen Kaffee oder werde Unterstützer*in.

Du kannst diesen Newsletter übrigens auch an Freund*innen weiterleiten und so dazu beitragen, dass er mehr Menschen erreicht.

Ich wünsche Dir eine angenehme Woche!

Liebe Grüße
Dominik Lawetzky


Korrektur (04.01.2021, 21: 54 Uhr): Zuvor hieß es in dem Text, dass isrealische Gesundheitssystem sei effizient. Für diese Aussage wurden keine näheren Belege genannt; sie stammt vom isrealischen Gesundheitsminister Yuli Edelstein. Der Text wurde entsprechend geändert.