Guten Morgen,

ich konnte gestern Abend erst gegen 20 Uhr beginnen, an der heutigen „Augenmerk“-Ausgabe zu schreiben. Deswegen habe ich ein Thema (Vereinigte Staaten) gekürzt, zwei weitere Themen in Kurzform hinzugenommen und eine neue Kategorie geschaffen: Was sonst noch los war? Kreativ genug muss man sein ...

Zunächst soll es jedoch um die Corona-Lage in Deutschland sowie einen Hoffnungsschimmer aus der Goldgrube gehen.

Täglich grüßt die Schalte der Ministerpräsident*innen

Wo stehen wir? Die gute Nachricht lautet, wir stehen nicht schlechter da als vor zwei Wochen. Die schlechte Nachricht lautet, wir stehen nicht besser da als vor zwei Wochen. Eine klassische Glas-Halb-Voll-Glas-Halb-Leer-Situation. Seit 16 Tagen verliert die Epidemie an Dynamik, wir sind raus aus dem exponentiellen Wachstum.

Stillstand ist jedoch nicht das, was uns Freude bereiten sollte; gerade weil Stillstand bedeutet, dass innerhalb der letzten sieben Tage erstmals über 1000 Menschen in Deutschland an Covid-19 gestorben sind.

Wie geht es weiter? Heute beraten die Länderchef*innen mit Kanzlerin Merkel darüber, wie es weitergehen soll – eine „Halbzeitbilanz“ der Maßnahmen, die seit dem 2. November gelten. Nach Informationen des SPIEGEL sind weder Lockerungen noch Verschärfungen der Eindämmungsmaßnahmen geplant. Diese Entscheidung soll erst in einer Woche getroffen werden.

Das Problem ist, dass sich auch jetzt, da die Situation nicht minder ernst ist als im Frühjahr, nicht alle an die Maßnahmen und Empfehlungen halten. Viele zweifeln an der Plausibilität der Maßnahmen und lösen auf diese Weise ihre kognitive Dissonanz auf, die entsteht, wenn sie hie und da ein Auge zudrücken. Häufig wird dann angeführt, wie sinnlos es doch sei, die Restaurants zu schließen, solange in den Schulen munteres Treiben herrsche.

Eine Auswertung von Mobilitätsdaten aus zehn US-amerikanischen Großstädten zeigt jedoch eine entscheidende Korrelation zwischen Restaurantbesuchen und Virusinfektionen an. In dem Übersichtsartikel, der im Magazin Nature erschien, heißt es:

They found that opening restaurants at full capacity led to the largest increase in infections, followed by gyms, cafes and hotels and motels.

(Die Mobilitätsdaten sind aus dem Frühjahr, als noch keine umfassenden Containment-Maßnahmen galten.)

Seitens der Politik findet diesmal eine Abwägung der verschiedenen (Rechts-)Güter statt, bei der Schulen ein hoher (wenn nicht der höchste) Stellenwert eingeräumt wird. Um diesen Effekt, den die Schulen auf das Infektionsgeschehen haben, zu kompensieren, müssen in anderen Bereichen strengere Maßnahmen gelten – so in der Kultur- und Gastronomieszene.

Wer die Ergebnisse einer Güterabwägung isoliert betrachtet, kann sie nur unplausibel finden. Sonst wäre es keine Güterabwägung, sondern „Wünsch Dir was“.

Coronavirus und Medien - Christian Drosten bei #formate20
Vor der Coronavirus-Pandemie war Christian Drosten einer breiten Öffentlichkeit nahezu unbekannt. Heute gilt er vielen Menschen als kompetenter Erklärer der Welt der Viren und hat dabei immer wieder mit der medialen Berichterstattung zu kämpfen.

Hoffnungsschimmer Impfstoff

Wann, wann, wann? Oh, Geduld und erst mal der Reihe nach. Dem Mainzer Forschungsunternehmen BioNTech ist ein Durchbruch gelungen. Nüchtern heißt es in der Pressemitteilung des BioNTech-Kooperationspartners Pfizer:

Vaccine candidate was found to be more than 90% effective in preventing COVID-19 in participants without evidence of prior SARS-CoV-2 infection in the first interim efficacy analysis.

In mehr als 90 Prozent aller Fälle konnte der Impfstoffkandidat eine Covid-19-Erkrankung verhindern. Diese Nachricht sorgte diese Woche für einiges an Euphorie.

Was sind die Hintergründe? Gut, dass Du fragst. BioNTech forscht an sogenannten RNA-Impfstoffen – eigentlich zur Krebsprophylaxe.

Ozlem Tureci und Ugur Sahin gründeten mit BioNTech 2008 ihr zweites Forschungsunternehmen. Der Hauptsitz liegt in Mainz, An der Goldgrube 12. Ende Januar las Sahin ein Paper über Sars-CoV-2 und begann daraufhin, über den Ausbruch in Wuhan zu recherchieren. Dabei wurde im schnell klar, dass dieses Virus das Potenzial hätte, eine Pandemie auszulösen. Er überzeugte sein Forschungsteam, diesem Thema alle Aufmerksamkeit zu widmen und Impfstoffkandidaten zu entwickeln.

Zügig fand sich ein vielversprechender Kandidat. Um diesen klinisch zu testen, begab sich BioNTech in eine Kooperation mit dem US-amerikanischen Pharmakonzern Pfizer.

Was jetzt? Aktuell befindet sich der Impfstoffkandidat mit dem kreativen Namen BNT162b2 in der Phase drei des klinischen Tests. Insgesamt hat die Phase-drei-Testung 43.538 Teilnehmer*innen, denen entweder BNT162b2 oder ein Placebo (Salzlösung) injiziert wurde. Eine vorläufige Auswertung hat ergeben, dass diejenigen, denen ein Impfstoff gegeben wurde, signifikant seltener an Covid-19 erkrankt sind als die Placebo-Gruppe. So signifikant, dass BioNTech und Pfizer von einer 90-prozentigen Effektivität des Kandidaten sprechen.

In wenigen Wochen könnten die beiden Konzerne eine „Notfallzulassung“ (emergency use authorization) beantragen. Der entsprechende Zulassungsantrag schließt sämtliche Daten aus den klinischen Tests ein und kann gut und gerne mehrere Zehntausend Seiten umfassen. Entsprechend lange kann die Prüfung dieses Antrags dauern. Zudem wird über einen Zeitraum von circa zwei Monaten beobachtet, ob (seltene) Nebenwirkungen auftreten. Vor Frühjahr nächsten Jahres ist also nicht mit einem fertigen Impfstoff zu rechnen.

A Vaccine Breakthrough
A major advance in the race to develop a coronavirus shot has raised hopes that mass immunization could bring an end to the pandemic.

Was sonst noch los war?

Unterstütze meine Arbeit

Acht Stunden und vierunddreißig Minuten arbeite ich durchschnittlich an einer „Augenmerk“-Ausgabe. Das mache ich leidenschaftlich gerne. Hinter mir steht weder eine Redaktion noch eine Agentur. Ich bezahle folglich selbst für den Newsletter-Versand und mittlerweile neun Zeitungs- und Magazin-Abonnements. Dieses Niveau kann ich nur beibehalten, wenn mich eine Handvoll Leser*innen unterstützen.

Du kannst den Newsletter nicht richtig lesen? Anscheinend wird dieser Newsletter in einigen E-Mail-Programmen – darunter Windows Mail – nicht ordentlich angezeigt. Bisher habe ich keine Lösung für dieses Problem gefunden. Allerdings kannst Du den Newsletter jederzeit im Web-Browser lesen. Dafür musst Du unter der Überschrift auf View Online → drücken.

Wie immer freue ich mich über Rückmeldungen zu dieser Ausgabe und wünsche eine angenehme Woche.

Liebe Grüße
Dominik Lawetzky


Transparenzhinweis: Ich besaß von April bis September dieses Jahres einen kleinen Aktienanteil an BioNTech.