Guten Morgen,

beinahe hätte ich vergessen, diese Augenmerk-Ausgabe zu schreiben. Ich arbeite dieser Tage energisch an einem Projekt, das ich Dir pünktlich zum Ende dieses Jahres vorstellen werde. Nur so viel: Was ist noch besser als ein langer Blogpost?

Die nächste Augenmerk-Ausgabe wird ein kleiner Rückblick auf die vergangenen zwölf Monate. Doch bevor wir zum Rückblick übergehen, müssen wir uns einem Thema zuwenden, dass hier bislang zu kurz kam: Big Tech.

Facebook und Google im Visier

2020 war kein leichtes Jahr für Big Tech. Okay, dieses Jahr war wohl für niemanden ein leichtes, für Facebook und Google könnte 2020 jedoch der Anfang vom Ende sein. Damit meine ich nicht, dass wir in fünf Jahren nicht mehr wissen, was Facebook ist und alle DuckDuckGo verwenden (obwohl dies wünschenswert wäre). Vielmehr geht es um Marktmacht, um Vormachtstellung, – oder im Wirtschaftsjargon – um Monopole.

Um zu verstehen, was ein Monopol ist und wieso es schädlich ist, lasst mich eine Analogie* machen: Unser Körper besteht aus schätzungsweise 30 Billionen Zellen. Die Menge an Zellen, aus denen unser Körper besteht, variiert stark, da jede Minute Tausende Zellen sterben und ebenso viele neue Zellen entstehen. Je älter wir werden, desto weniger neue Zellen entstehen, wir verlieren also an Zellmasse – anders gesagt: Wir altern.

Nicht jede Zelle ist gleich. Insgesamt verfügen wir über 200 verschiedene Zelltypen – Nervenzellen, Hautzellen, Knochenmarkzellen. Entscheidend für unsere Gesundheit ist, dass wir von jedem Zelltyp so viele Zellen haben, wie wir brauchen, aber bloß nicht mehr. Als einfache Formel kann man sich merken: Zu wenige Zellen = schlecht. Zu viele Zellen = schlecht.

Stellen wir uns nun einen Markt wie einen Organismus vor. Er ist komplex, sein Output ist multikausal und Störungen sind mehr Regel aus Ausnahme. Wenn eine Zelle beginnt, sich unkontrolliert zu teilen, dann verdrängt sie umliegende Gewebe und schädigt den Organismus. Ein Monopol ist aus dieser Sicht ein Tumor im Körper des Marktes. Könnte eine Tumorzelle denken, würde es vermutlich so etwas sein wie: „Oh, bald regiert mein Zelltyp über diesen Körper.“ Das Problem ist offensichtlich: Wenn der Tumor zu Krebs wird und umliegende Gewebe beschädigt, dann leidet der gesamte Körper und schlimmstenfalls stirbt der Organismus. In letzter Konsequenz verlieren somit alle Zellen, auch die Monopolzelle.

Was ist mit Facebook? Die US-Regierung und über 40 Bundesstaaten reichten vorletzte Woche Klage gegen Facebook ein. Sie fordern, die Übernahme von Instagram und WhatsApp rückgängig zu machen. 2012 kaufte Facebook die Foto-Plattform Instagram für eine Milliarde Dollar, als diese zunehmend an Popularität gewann und zur ernsthaften Konkurrenz für Facebook wurde. Zwei Jahre später akquirierte Facebook die Firma WhatsApp Inc., welche hinter der weitverbreitetsten Messaging-App WhatsApp stand. 2016 wurde bekannt, dass Facebook vergeblich versucht hatte, Snapchat zu kaufen. Wenig später implementierte Facebook die aus Snapchat bekannten Funktionen in seine Apps und machte damit dem Konkurrenten das Leben schwer.

Du siehst, es gibt ein Muster. Sobald die Führungsriege bei Facebook Konkurrenz wittert, versucht diese sie aufzukaufen oder aggressiv an den Rand zu drängen. Dieses Muster wird im Jargon als antikompetitiv bezeichnet, was so viel bedeutet wie: gegen die Regeln spielend.

Und Google? Auch gegen Google gehen mehrere US-Bundesstaaten sowie die Europäische Kommissionen unabhängig voneinander juristisch vor. Sie argumentieren, der Konzern habe sich ein illegales Monopol auf dem Markt für Online-Werbung etabliert. Außerdem habe Google sein Android-Betriebssystem genutzt, um sich selbst einen Vorteil zu verschaffen, indem es seine eigenen Dienste vorinstalliert anbietet.

Neben Facebook und Google stehen auch Apple und Amazon im Visier der Regulierungsbehörden.

Wie abhängig sind wir von Big Tech? Die Antwort auf diese Frage konnten einige vor einer Woche erfahren, als Googles Cloud-Dienste für knapp eine Stunde ausfielen. Ich musste feststellen, dass ich auf große Teile meiner Dateien nicht zugreifen konnte, da diese in Google Drive liegen. Weiterhin war es mir nicht möglich, meine E-Mails abzurufen oder in der erzwungenen Pause wenigstens ein YouTube-Video zu schauen.

Kommen wir zurück zur Analogie vom Organismus. Wie die Krebsbehandlung ist das Einhegen eines Monopols auf einem Markt eine Gratwanderung. Interventionen müssen abgewogen werden, da auch sie dem Organismus Schaden zufügen können. Im Umgang mit Facebook und Google hat sich gezeigt, dass wir mit konservativen, non-invasiven Verfahren die Situation nicht in den Griff kriegen. Das haben die US-amerikanischen Regulationsbehörden und die Europäische Kommission verstanden. Beide sind entschlossen, das Monopol der beiden Konzerne zu brechen, und lassen keine Zweifel, dass ihnen dafür alle Mittel recht sind – mit einer Ausnahme. Letzte Woche hat die Europäische Kommission die Akquisition von Fitbit durch Google bestätigt. Der Wettbewerb sei durch „Auflagen“ gesichert … Zwinkersmiley.

* Die Biolog*innen und Mediziner*innen mussten diese Ausgabe ganz stark sein, bei all den Vereinfachungen nicht in einen Schreikrampf zu verfallen.

Was sonst noch los war?

  • In Großbritannien wurde eine Mutante von SARS-CoV-2 entdeckt, die einen potenziellen Selektionsvorteil hat, indem sie ansteckender ist als die bisherigen Virusvarianten. Als Reaktion auf diese (eventuelle) Hiobsbotschaft kündigte die Bundesregierung an, den Flugverkehr nach Großbritannien vollständig einzustellen. Auch in Südafrika fanden Wissenschaftlicher*innen eine Virusvariante, die zu 90 Prozent mit der britischen Variante identisch ist. Änderungen im Viruserbgut entstehen meist durch Zufall und setzen sich nur durch, wenn sie dem Virus einen Vorteil bei der Verbreitung verschaffen. In diesem Fall sprechen Wissenschaftler*innen von einem Selektionsvorteil. Ein solcher trat bisher nur in Modellen zum Vorschein und muss noch experimentell überprüft werden.
  • Etliche US-Behörden wurden gehackt. Erneut. Unter Verdacht steht Russland. Erneut. Die Geschichte ist mehr als eine Randnotiz wert. Im Podcast The Daily wurde sie – wie immer – hervorragend aufbereitet.
  • So süß Pandas auch sind, haben sie doch eine der skurrilsten Gewohnheiten aus der Tierwelt. Sie schmieren sich mit Pferde-Kot ein. Jetzt meinen Wissenschaftler*innen, dafür eine Erklärung gefunden zu haben. In dem Pferde-Kot befinden sich zwei Stoffe, die mutmaßlich die Kältewahrnehmung der Pandas hemmen. Fazit: Pandas sind Frostbeulen wie du und ich.
  • Die heutige Nacht ist historisch. Jupiter und Saturn treffen so nah aufeinander wie zuletzt im Jahr 1226. Vielleicht lohnt sich da ja ein Abendspaziergang? Die ersten astrologischen Deutungen lassen nicht lange auf sich warten.

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Acht Stunden und vierunddreißig Minuten arbeite ich durchschnittlich an einer „Augenmerk“-Ausgabe. Das mache ich leidenschaftlich gerne. Hinter mir steht weder eine Redaktion noch eine Agentur. Ich bezahle folglich selbst für den Newsletter-Versand und meine Zeitungs- und Magazin-Abonnements. Dieses Niveau kann ich nur beibehalten, wenn mich eine Handvoll Leser*innen unterstützen. Du kannst eine*r davon werden.

Heute Abend reflektiere ich gemeinsam mit Marie-Agnes Strack-Zimmermann die vergangenen zwölf Monate. Die Veranstaltung wird live übertragen. Ich würde mich freuen, wenn Du vorbeischaust.

Ich wünsche Dir einen guten Start in die vorletzte Woche dieses besonderen Jahres!

Liebe Grüße
Dominik Lawetzky