Guten Morgen,

nein, der Titel dieser „Augenmerk“-Ausgabe ist nicht Zeichen meines Zynismus, sondern wörtlich zu nehmen. Denn ich habe die Coronalage rund um die Welt recherchiert … Für eine Pandemie beschäftigen wir uns in Deutschland nämlich ganz schön exklusiv mit uns selbst.

Here we go!

Exponentielle Phase

Am Samstag erreichte die Corona-Pandemie in Deutschland einen traurigen Meilenstein: 10.000 Todesfälle. Die Zahl der Neuinfizierten wächst weiter ungebremst. Diese Woche stehen die Maßnahmen von Bund und Ländern zur Diskussion; in der Erklärung der Bundeserklärung vom 15. Oktober heißt es:

Kommt der Anstieg der Infektionszahlen unter den vorgenannten Maßnahmen nicht spätestens binnen 10 Tagen zum Stillstand, sind weitere gezielte Beschränkungsschritte unvermeidlich.

Zehn Tage später müssen wir feststellen, die Beschränkungen waren nicht effektiv genug. Heute tagt das sogenannte „Corona-Kabinett“ der Bundesregierung. Im öffentlichen Kalender der Bundeskanzlerin steht dazu nüchtern: „Thema wird unter anderem die aktuelle Entwicklung des Infektionsgeschehens sein.“ Es ist davon auszugehen, dass weitere Beschränkungen auf uns alle zukommen.

Am Donnerstag wird Angela Merkel vor den Bundestag treten und eine Regierungserklärung zur aktuellen Lage abgeben. Die darauffolgende Debatte wird spannend. Vor allem vonseiten der Liberalen sind Rügen zu erwarten; ihr neuer Generalsekretär Volker Wissing outete sich bereits als Kritiker der Strategie der Bundesregierung.

Wann ging das exponentielle Wachstum los? Ich habe eine kleine Mathematik-Aufgabe mitgebracht – keine Sorge, die Lösung liefere ich gleich mit:

Eine Bakterienkultur besteht anfänglich aus 500 Bakterien. Ihre Anzahl nimmt jede Stunde um 50 Prozent zu. Wie viele Bakterien umfasst die Kultur nach einem Tag?

Bitte rate. Einfach schätzen!

Nach einem Tag sind es 8.417.056 Bakterien.

Grafisch dargestellt erinnert die Entwicklung der Bakterienkultur verdächtig an die kumulierten Coronavirus-Infektionen:

Warum ich das alles erzähle? Es ist nicht leicht zu begreifen, dass exponentielles Wachstum immer unscheinbar beginnt. Ein paar Fälle mehr, dann noch ein paar Fälle mehr – zack „zweite Welle“.

Offensichtlich ging diese unscheinbare Wachstumsphase in Deutschland bereits im Juli los, noch lange bevor die Temperaturen sanken und wir in die Innenräume zurückkehrten. Die Saisonalität hat diesen Trend verstärkt, jedoch nicht ausgelöst. Losgetreten wurde die „zweite Welle“ durch unsere Unvorsichtigkeit und Cluster, die unentdeckt blieben.

(Über Cluster und wieso wir sie rechtzeitig erkennen müssen, habe ich gestern einen Blogpost veröffentlicht.)

Wie hoch ist die Inzidenz, wo ich wohne? Wenn Du das wissen willst, ist das Robert-Koch-Institut (RKI) vermutlich nicht die richtige Anlaufstelle. Eine Recherche des SPIEGEL hat ergeben, dass das RKI teils zu niedrige Inzidenzwerte angibt:

Mindestens 30 Prozent aller 7-Tage-Inzidenzen, die das Institut zwischen 31. August und 12. Oktober veröffentlicht hat, waren unvollständig und somit fehlerhaft. Bei ihnen fehlten die Daten von mindestens einem Tag komplett. Das Institut liefert damit ein verzerrtes Bild vom Infektionsgeschehen in Deutschland.

Die Ursache für dieses Problem könnte deutscher nicht sein. Die entsprechenden Meldewege, so berichtet der SPIEGEL, seien in den Nullerjahren eingeführt worden und befänden sich bis heute auf dem entsprechenden technischen Niveau.

Hat ein Labor einen positiven Corona-Test gemacht, schickt es das Testergebnis an das örtliche Gesundheitsamt, in vielen Fällen noch per Fax. Dort tippt man die Angaben in den Computer. Da Gesundheit Ländersache ist, schickt das Gesundheitsamt die Meldung aber nicht direkt zum Robert Koch-Institut, sondern zunächst einer Landesbehörde. […] Zu niedrig werden die Werte immer dann, wenn die Arbeitszeiten vor Ort, in den Landesbehörden und im RKI nicht zusammenpassen.

Eine Alternative zu den Daten des RKIs bietet ein Projekt des Thinktanks Risklayer, das mit dem Karlsruhe Institute of Technology (KIT) assoziiert ist. Im Rahmen eines Crowd-Sourcing-Projektes können Freiwillige die durch die Landkreise und kreisfreien Städte veröffentlichten Daten recherchieren und in einen Google Spreadsheet eintragen.

Grenzenlos

Blicken wir über den Tellerrand hinaus. Wie schaut es bei unseren näheren und entfernteren Nachbarn aus? – ein Überblick:

Österreich meldete am Samstag die höchste Zahl an Neuinfektionen seit Beginn der Pandemie; seit Sonntag gelten in der Alpenrepublik strikte Kontaktbeschränkungen (innen sechs, draußen zwölf Personen), außerdem müssen Mund-Nasen-Schutze auch an Bahnhöfen, Bushaltestellen und in Einkaufspassagen getragen werden.

Auch die Schweiz befindet sich mitten in einer „zweiten Welle“. Hinsichtlich der Inzidenz übertrumpft die Schweiz all ihre europäischen Nachbarn. Immerhin verfügt das Land über Realtime-Monitoring (davon können sie im RKI nur träumen).

In Frankreich wurden mittlerweile mehr als eine Million Menschen infiziert. Emmanuel Macron erklärte am Freitag, die Pandemie sei „sehr stark beschleunigt“. In etlichen Regionen Frankreichs – darunter Paris – gelten „für mindestens sechs Wochen“ nächtliche Ausgangssperren.

Belgien erlebt gerade eine Überlastung des Gesundheitssystems. Täglich werden mehrere Hundert Patient*innen hospitalisiert, etliche mit schwersten Verläufen, die intensivmedizinische Behandlungen indizieren.

Gestern Abend rief die Regierung in Spanien erneut den nationalen Notstand aus und verhängt in Anbetracht der steigenden Infektionszahlen ein nächtliches Ausgehverbot. Der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez sieht „Europa und Spanien in einer zweiten Welle der Pandemie versunken“. Spanien vermeldete diese Woche als erstes europäisches Land (vor Frankreich) eine Millionen Infizierte.

Zwei Wochen vor der Präsidentschaftswahl vermelden die Vereinigten Staaten einen weiteren Rekord bei den täglichen Neuinfektionen von 85.000. Die höchste Inzidenz verzeichnet der Bundesstaat North Dakota. In Illinois wurden über Nacht mehr als 2.500 Menschen hospitalisiert. Für die Vereinigten Staaten ist dies die „dritte Welle“; die Fallzahlen stiegen bereits im Sommer erheblich, gingen im Spätsommer allerdings wieder zurück. In acht Tagen findet die Präsidentschaftswahl statt und schon jetzt haben mehr Bürger*innen per Brief gewählt als je zuvor.

Die Datenlage aus vielen afrikanischen Staaten ist unbefriedigend. Aktuell nehmen die registrierten Fälle insbesondere in Tunesien, Äthiopien und Libyen zu. Jedoch sind die offiziellen Zahlen mit Vorsicht zu genießen, denn in einigen Staaten wird vergleichsweise wenig getestet. In Südafrika, das im Sommer einem massiven Infektionswachstum gegenüberstand, hat sich die Lage wieder beruhigt; auffällig ist dort die niedrige Mortalität, die mutmaßlich durch die Altersstruktur der südafrikanischen Gesellschaft bedingt ist. Das Durchschnittsalter liegt in Südafrika bei etwa 27, in Deutschland beträgt es weit über 40. Mit dem Alter steigt das Risiko eines schweren Verlaufs von Covid-19.

Indien bleibt (noch) von einer „zweiten Welle“ verschont. Das zuständige Gesundheits- und Familienministerium feiert den Erfolg bereits. Dafür war Indiens „erste Welle“ beträchtlich: Über 100.000 Menschen starben und mehr als 6 Millionen wurden infiziert (die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen).

In Brasilien hat die „erste Welle“ nie aufgehört. Insgesamt haben sich in dem südamerikanischen Land bis heute 5,38 Millionen Menschen mit Sars-CoV-2 angesteckt. Die Neuinfektions- und Todeszahlen sind leicht rückläufig.

Das Suchmonopol ...

… hat ganz klar Google. Das US-Justizministerium gab diese Woche die Aufnahme eines Antitrust-Verfahrens gegen Google bekannt. Nein, das bedeutet nicht, dass Google zerschlagen wird und wir uns an DuckDuckGo gewöhnen müssen. Vielmehr ist mit einer außergerichtlichen Einigung zu rechnen. Nur unter welchen Bedingungen…?

The announcement unveils the biggest antitrust case against a tech company since the Microsoft antitrust case in 1998. “Google’s practices are anticompetitive under long-established antitrust law,” the new complaint reads. The DOJ likened the situation to Microsoft, which made its internet browser the default on Windows operating systems and made it impossible to delete.

Shirin Ghaffary und Rani Molla (Record)

Wer einen Penchant für Monopol-Recht und das Silicon Valley hegt, dem empfehle ich diese Folge des NPR-Podcasts „Planet Money“.

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Hier schlägt die Uhr halb zehn und ich schlürfe die zuvielte Tasse Pfefferminz-Tee. Ein guter Zeitpunkt, um sich zu verabschieden …

Ich wünsche Dir einen guten Start in diese aufregende Woche!

Viele Grüße
Dominik Lawetzky