Guten Mittag,

diese Woche bin ich nicht ganz so früh. Das sei mir hoffentlich verziehen. Ich musste mich noch in die Tiefen des Aktienhandels und des Hedgefonds-Managements einarbeiten …

GameStock

Die Aktie des Computerspiele-Geschäfts GameStop schoss vergangene Woche in die Höhe – bis zu 1700 Prozent. Verantwortlich ist eine Gruppe von Kleinanleger*innen, die sich auf Reddit organisieren. Die Geschichte ist komplex, aber zeigt ein weiteres Mal, dass das Internet kein „Spielplatz“ ist, sondern ein neues gesellschaftliches System, welches nach seinen eigenen Spielregeln funktioniert.

Von vorne: Was ist passiert? Eigentlich deutete alles darauf hin, dass GameStops Geschäft dem Untergang geweiht ist. Das Mall-Sterben in den Vereinigten Staaten, On-Demand-Downloads von Videospielen und dann noch die Pandemie ... Es sah nicht gut aus für das knapp 7500 Filialen starke Unternehmen. Zu diesem Schluss kamen auch einige Hedgefonds, die auf den fallenden Aktienkurs von GameStop wetteten (dazu gleich mehr).

Was sie nicht bedachten: Neben den großen, mächtigen Wall-Street-Firmen existiert eine Parallelwelt. Sie hört auf den Namen r/wallstreetbets und ist auf Reddit heimisch. Dort versammeln sich Kleinanleger*innen, besprechen die die „hot takes“ des Aktienmarkts, teilen seitenlange Analyse und bringen sich gegen die großen, mächtigen Wall-Street-Firmen in Stellung.

Die einst strikte Trennlinie zwischen den Parallelwelten ist längst aufgehoben. Wer heute auf dem Aktienmarkt mitmischen will, dem reicht eine App wie Robinhood.

Letzte Woche kamen sich die beiden Welten dann in die Quere. Ausgehend von etlichen reichweitenstarken Postings auf r/wallstreetbets erwarben die Kleinanleger*innen Tausende Optionen auf die GameStop-Aktie. Mit der steigenden Nachfrage schoss der Aktienpreis in die Höhe. Anfang Januar wurde eine GameStop-Aktie noch für unter 20 Dollar gehandelt, bei Marktschluss am 27. Januar waren es fast 350 Dollar. In wenigen Tagen bildete sich eine gigantische Blase um die GameStop-Aktie – die Aktie wurde zum „Meme“.

Auf der anderen Seite verloren Hedgefonds, die gegen GameStop gewettet hatten, rapide an Wert. Einer von ihnen – Melvin Capitalhalbierte im Januar seinen Wert. Insgesamt büßten die Leerverkäufer*innen knapp 20 Milliarden Dollar ein.

Wie kann man gegen eine Aktie wetten? Der korrekte Begriff hierfür ist: Leerverkauf oder short sale. Das Prinzip dahinter ist recht einfach: Eine Anlegerin leiht sich eine Aktie, die sie anschließend leer verkauft; das bedeutet, dass sie die geliehene Aktie zum gegenwärtigen Kurs weiterverkauft. Irgendwann muss sie die geliehene Aktie jedoch zurückgeben und muss die Aktie dafür zurückkaufen. Im besten Fall ist der Kurs der Aktie bis dahin gefallen und die Anlegerin gewinnt die Kursdifferenz. Im schlechtesten Fall ist steigt der Aktienwert, die Anlegerin muss beim Rückkauf oben drauflegen und verliert. Weil auf diese Weise theoretisch unendliche Verluste möglich sind, gelten Leerverkäufe als riskante Angelegenheit.

Genau diese theoretisch unendlichen Verluste belasten jetzt einige Hedgefonds, die in großen Mengen Leerverkäufe getätigt haben. Hedgefonds sind speziell verwaltete Zusammenstellungen von Investitionsgütern, die einerseits hohe Rendite versprechen, andererseits äußerst risikobelastet sind.

Wie wurde GameStop zur „Meme-Aktie“? Da variieren die Einschätzungen stark. Die einen sehen in dem Short Squeeze einen Prank einer trolligen Internetgemeinde, die anderen halten es für den Beginn einer „französischen Revolution“ der Wall Street.

Eric Levitz erklärt sich die Memeifizierung der GameStop-Aktie mit Nostalgie. Das Unternehmen sei so schlecht, dass es schon wieder gut sei.

How much nostalgia does the firm inspire in users of the Reddit forum r/wallstreetbets? And would a rally in GameStop shares be funny? Which is to say, has the firm crossed the “so bad it’s good” threshold, as inadvertent comedic masterpieces like The Room or Troll 2 had done before it?

Andere betonen die YOLO-Mentalität („You only live once“) der Kleinanleger*innen in r/wallstreetbets. Dort sei alles „nur ein Spiel“. Ist das bei den großen Wall-Street-Firms wirklich anders?

Wieder andere deuten den Short Squeeze als Kriegserklärung an das „Kapital“ und bedienen dabei nicht unabsichtlich marxistische Ideen.

Ein allgemein spannender Gedanke kommt vom Unternehmensberater Shelly Palmer. Er erklärt „Informationsasymmetrie“ zum „fundamentalen Prinzip, welches jeder Transaktion zugrunde liegt“. Beide Seiten einer Transaktion (Verkauf/Kauf) meinen, sie hätten Informationen, über welche die andere Seite nicht verfügte. Bei den r/wallstreetbets dürfte die entscheidende Information eine Selbsteinschätzung (oder auch Überschätzung) gewesen sein: Wir können die Aktie hochtreiben.

Information asymmetry is the fundamental principle underlying every transaction. Depending on their respective investment strategies, both buyer and seller believe that they have more information than the other, and that they will enjoy a positive return on their investment. If you’re thinking about buying, what do you know that the sellers don’t?

Welche Folgen hat das alles? Die GameStop-Saga zeigt ein weiteres Mal, dass das Internet kein „Spielplatz“ irgendwelcher Trolle, sondern ein neues gesellschaftliches System ist. Dort bilden sich neue Macht- und Informationshierarchien, die bis in die analoge Welt hineinreichen. Wenn man so will, war es der arabische Frühling der Finanzwelt. Man darf gespannt sein, was noch kommt und wohin es führt, jetzt da die beiden Welten sich das Wasser reichen.

Was sonst noch los war?

  • General Motors (GM) möchte bis 2040 klimaneutral werden. Der Weg dorthin geht über elektrisch betriebene Fahrzeuge, von denen GM bis Mitte des Jahrzehnts 30 Stück im Angebot haben will. Außerdem möchte der Konzern langfristig alle seine Werke aus erneuerbarer Energie betreiben. GM ist damit ein weiterer Großkonzern, der sich ehrgeizige Klimaziele selbst steckt.
  • In Wien demonstrierten gestern bis 10.000 Teilnehmer*innen gegen die Corona-Beschränkungen, dabei kam es zu gewalttätigen Ausschreitungen und Angriffen auf Pressevertreter*innen. Die Versammlung fand illegal statt. Ein Mob versuchte, nach US-amerikanischen „Vorbild“ das Parlament zu stürmen. Insgesamt kam es zu 850 Anzeigen und Festnahmen. Auf den Demonstrationen wurden wilde Verschwörungsmythen verbreitet, unter anderem dass man Covid-19 mit „Gebeten […] heilen“ könnte.
  • Zwei Wochenenden in Folge kam es in Russland zu Protesten gegen die Festnahme des regierungskritischen Bloggers Alexej Nawalny. Die Demonstrant*innen sahen sich eines massiven Polizei-Aufgebots gegenüber. Bis Sonntag wurden 5000 Menschen in über 85 Städten festgenommen. Nawalny hatte kurz nach seiner Festnahme zu Protesten aufgerufen. Aktuell scheint die russische Opposition so vereint wie selten; dies könnte Präsident Putin gefährlich werden.

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Ich wünsche Dir eine schöne Woche!

Viele Grüße
Dominik Lawetzky