Guten Morgen,

diese Woche müssen wir uns der „Coronalage“ in Deutschland widmen, denn es sieht nicht gut aus. Wir betrachten außerdem, wer dieses Jahr mit den Nobelpreisen ausgezeichnet wurde und wie es um den „amerikanischen Patienten“ steht.

Viel zu tun, lasst uns loslegen! #MondayMotivation

Es ist ernst.

Wie ernst? Das zeigen die Zahlen: Letzte Woche überschritten wir in Deutschland die Marke von 4000 Neuinfektionen pro Tag. Ein Blick in den RKI-Situationsbericht vom Sonntag offenbart eine unschöne Wahrheit: Wir sind auf dem besten Weg, alles zu vernichten, was wir uns in den letzten fünf Monaten mit viel, viel Disziplin erarbeitet haben. Deutschland ist längst kein Refugium mehr, in dem „Corona“ keine Rolle spielt. Zahlreiche Großstädte reißen mittlerweile den Wert von 50 Infizierten pro Woche (Inzidenz). Wir sind wieder mittendrin: in der Pandemie.

Was unterscheidet die jetzige Lage von der im März? Ich mache zwei zentrale Unterschiede aus, deren Vor- und Nachteile sich allerdings annihilieren.

  1. Wir wissen heute mehr über das Virus – Sars-CoV-2 – als noch im März. Damals war nicht klar, welche Übertragungswege für die Verbreitung des Virus entscheidend sind. Heute wissen wir, dass virusbeladene Tröpfchen und feinere Aerosole die größte Rolle spielen. Deswegen ist das Tragen von Mund-Nasen-Bedeckungen essenziell bei der Eindämmung des Virus. Ferner wissen wir, dass die Pandemie durch einige wenige „Superspreader“ angetrieben wird, die beispielsweise auf einer Hochzeit zehn bis zwanzig Gäste anstecken.

(Exkurs: Der Wert, der wiederum angibt, wie entscheidend solche „Superspreader“-Ereignisse sind, wird als Dispersionsfaktor bezeichnet. Ein weiteres entscheidendes Phänomen ist die Perkolation, also die Durchsickerung von Clustern. Sollte Dich dieser wundervolle Fachbegriff genauso angemacht haben wie mich, dann höre Dir unbedingt Folge 54 des „Corona-Updates“ mit Prof. Dr. Christian Drosten an.)

  1. Auf der anderen Seite nimmt die Achtsamkeit vieler im Umgang mit der Pandemie ab. Wer regelmäßig Zug fährt, wird nicht umhin kommen, zig blanke Nasen zu bestaunen. Und auch nach sieben Monaten Pandemie kriegen es einige ganz besonders kluge Gestalten nicht hin, irgendein Textil vor ihrem Gesicht zu platzieren oder auf irgendwelche Rave-Partys zu verzichten. Im Großen und Ganzen handelt es sich dabei jedoch um ein (gefährliche) Minderheit.

Welche Maßnahmen werden ergriffen? Das überblickt nun wirklich niemand mehr. Die Maßnahmen gelten primär regional und länderspezifisch, dementsprechend fällt eine Zusammenfassung schwer. Auf ZEIT online findet sich eine Übersicht über die Goes und No-Goes in den 16 Bundesländern; was allerdings in den besonders betroffenen Städten für Regeln gelten, muss eigenständig recherchiert werden.

Ich halte dieses Wirrwarr an Maßnahmen für eine Zumutung. Dadurch kommt es zu immer mehr Unsinnigkeiten, die jeder Grundlage entbehren (wie bei den Beherbergungsverboten). Das wiederum mindert die „Compliance“ der Bevölkerung und schadet dem gemeinschaftlichen Vorgehen gegen die Pandemie.

Zentral dafür ist die verständliche Kommunikation der Maßnahmen, die bestenfalls metaphorisiert und visualisiert werden. So gelungen mit dem „Schweizer Käse“-Modell (Grafik von Ian M. Mackay):

Ein Hoch auf die Wissenschaft

Diese Woche gab das Nobelpreis-Komitee bekannt, wer dieses Jahr die angesehenste Auszeichnung in den Bereichen Physiologie/Medizin, Physik, Chemie und Literatur sowie den Friedensnobelpreis erhält. (Der Wirtschaftsnobelpreis ist kein offizieller Nobelpreis, sondern nur an diesen angelehnt. Er wird heute verliehen.)

Physiologie/Medizin: Harvey J. Alter, Michael Houghton und Charles M. Rice gewannen den Medizin-Nobelpreis für Ihre Entdeckung des und Grundlagenforschung zum Hepatitis-C-Virus. Das bis in späten 80er-Jahre unentdeckte Virus ist äußerst tückisch, da es jahrelang unbemerkt bleiben, jedoch bei Krankheitsausbruch zu schweren Schäden an der Leber führen kann. Das Virus wird meist über Bluttransfusionen oder durch Geschlechtsverkehr übertragen. Weltweit sind nach einer Schätzung der Weltgesundheitsorganisation etwa 71 Millionen Menschen mit Hepatitis C infiziert. Alter, Houghton und Rice arbeiteten unabhängig voneinander über Jahre hinweg an der Erforschung des Virus und ermöglichten so die Entwicklung von Schnelltests.

Physik: Der Physik-Nobelpreis ging dieses Jahr halbiert an Andrea Ghez und Reinhard Genzel sowie Roger Penrose. Alle drei forschen auf dem Gebiet der Astrophysik und haben massive Entdeckung in Bezug auf Schwarze Löcher gemacht. Leider kann ich Dir nicht viel mehr erklären, denn das geht weit über meine sehr eingeschränkten Physik-Kenntnisse hinaus … Glücklicherweise hat Harald Lesch dazu ein Video gemacht:

Chemie: Zwei Frauen teilen sich dieses Jahr den Chemie-Nobelpreis: Jennifer A. Doudna und Emmanuelle Charpentier. Die beiden entwickelten die Genschere CRISPR-Cas9. Wie der Name schon sagt, ermöglicht CRISPR-Cas9 die Editierung von DNA. Es handelt sich um sogenannte Restriktionsenzyme, die ursprünglich Bakterien als „molekularer Abwehrmechanismus“ dienten. Die Besonderheit von CRISPR-Cas9 ist, dass Gene hochspezifisch editiert werden können; bislang wurde nach dem Schrotschussprinzip vorgegangen. Damit revolutionierten Doudna und Charpentier den Bereich der Molekularbiologie und eröffneten neue Möglichkeiten für Gentherapien.

Literatur: Für ihre „unmissverständlich poetische Stimme“ wurde Louise Glück mit dem Literatur-Nobelpreis ausgezeichnet. Glück veröffentlichte ihre erste Gedichtsammlung 1968 und wurde seitdem mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet – darunter der Pulitzer-Preis. Was soll ich noch sagen: Lies selbst!

Frieden: Den Friedensnobelpreis erhielt das Welthungerprogramm der Vereinten Nationen, welches sich für eine weltweite Nahrungsmittelversorgung einsetzt. Viele hatten erwartet, dass die Klimaaktivistin Greta Thunberg oder die Weltgesundheitsorganisation ausgezeichnet würden. (An dieser Stelle möchte ich Dir ein aktuelles Deutschlandfunk-Interview mit der Präsidentin der Welthungerhilfe Marlehn Thieme nahelegen.)

Der Nobelpreis ist keineswegs unumstritten. Viele kritisieren die strikten Voraussetzungen, unter denen er vergeben wird: Weder kann die Auszeichnung postum erfolgen, noch können mehr als drei Personen pro Kategorie ausgezeichnet werden. Letzteres spiegelt keineswegs die Realität des Wissenschaftsbetriebs wider, der auf Kollaboration angewiesen ist. Weiterhin wird bemängelt, dass zu wenige Frauen und People of Color ausgezeichnet werden. Dieses Jahr befinden sich allerdings herausragend viele Frauen unter den Ausgezeichneten.

Achtlose Menschen

Donald Trumps Gesundheitszustand habe sich mittlerweile stabilisiert, erklärte dieser am Sonntag. Gleichwohl ist inzwischen klar, dass sein Zustand am vergangenen Wochenende desolater war, als zunächst angenommen – er musste mindestens zweimal mit zusätzlichem Sauerstoff versorgt werden. Darüber hinaus bekam Trump das Steroid Dexamethason verabreicht, welches unter anderem die körpereigene Immunreaktion auf Sars-CoV-2 hemmt. Mutmaßlich dürfte die Steroidgabe auch zu einem Twitterrrhö beigetragen haben; innerhalb von 48 Stunden nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus feuerte Trump mehr als 120 Tweets ab …

Was war nochmal vorgefallen? Mehr als 20 Menschen rund um die und inklusive der „First Family“ haben sich mit Sars-CoV-2 infiziert. Die Infektionskette geht vermutlich von einer Veranstaltung am 26. September im Rose Garden aus, bei der Donald Trump die Richterin Amy Coney Barret für den Supreme Court nominierte.

(Weitere Informationen zur Ausgangslage findest Du in der letzten „Augenmerk“-Ausgabe.)

Wie steht es um die Debatte am Mittwoch? Da steht mittlerweile nichts mehr. Die Commission on Presidential Debates gab am Freitag bekannt, dass die Debatte ausfällt. In der Stellungnahme heißt es:

On October 8, CPD announced that for the health and safety of all involved, the second presidential debate ... would be conducted virtually. Subsequently, the campaigns of the two candidates ... made a series of statements concerning their respective positions regarding their willingness to participate in a virtual debate on October 15, and each now has announced alternate plans for that date.

Diese Woche kursierten zahlreiche Tweets, die eine Stelle aus Fitzgeralds „Der Große Gatsby“ zitieren.

Es steht außer Frage, welche achtlosen Menschen gemeint sind.

Im Atlantic fand sich Anfang letzter Woche ein herausragender Bericht, der die Situation derer beschreibt, die vermeintlich unscheinbare Arbeit im Weißen Haus verrichten. Für den Präsidenten und die „First Lady“ arbeitet ein ganzer Hausstab, der sich um die Bewirtung, Reinigung und Bedienung der „First Family“ kümmert. Mit seiner plötzlichen Rückkehr ins Weiße Haus verunsicherte und gefährdete Donald Trump auch diesen Personenkreis.

Trump and the first lady interact with dozens of White House employees every day, many of them nonpolitical and largely invisible to the American public. Because of his months-long failure to take COVID-19 seriously even inside his own home, Trump continues to place these staff members and their families at considerable risk.

Elaine Goldfrey und Adam Harris (The Atlantic)

Wie sehen die Umfragen aus? Biden führt unverändert in allen Umfragen. In der aktuelle Umfrage von Washington Post/ABC ist Biden dem republikanischen Amtsinhaber Trump zwölf Prozentpunkte überlegen. Auch in der Mehrheit der Wahlsimulationen des Datenblogs FiveThirtyEight gewinnt der Demokrat Biden. Doch Umfragen bleiben Umfragen – bis zur Wahl sind es noch 22 Tage.

Unterstütze meine Arbeit

Acht Stunden und vierunddreißig Minuten arbeite ich durchschnittlich an einer „Augenmerk“-Ausgabe. Das mache ich leidenschaftlich gern. Hinter mir steht weder eine Redaktion noch eine Agentur. Ich bezahle folglich selbst für den Newsletter-Versand und mittlerweile neun Zeitungs- und Magazin-Abonnements. Dieses Niveau kann ich nur beibehalten, wenn mich eine Handvoll Leserinnen unterstützen.

Mich haben einige Nachfragen erreicht, ob auch andere Zahlungsmittel als Kreditkarten möglich sind. Die kurze Antwort: Noch (!) nicht. Grund dafür ist, dass ich noch (!) keine Kontrolle über die Bezahlschnittstelle habe, denn diese läuft über den Dienst Revue (der auch für den Versand des Newsletters verantwortlich ist). Das wird sich allerdings in den nächsten Wochen ändern.

Ich plane den Umstieg auf Ghost; damit würden der Newsletter und mein Blog fusioniert und ich hätte wesentlich mehr Kontrolle über beide. Das wiederum erlaubt es mir, weitere „Specials“ für die Unterstützerinnen einzuführen.

Da für einige die Kreditkarte eine Hürde darstellt, werde ich die erste „Augenmerk“-Sonderausgabe kostenfrei an alle verschicken. Damit weißt Du dann auch, was Dich erwartet.

Ich wünsche Dir einen guten Start in die Woche!

Viele Grüße

Dominik Lawetzky

(Quelle des Titelbildes: NIAID-RML)