Anlässlich des noch ungewissen Ausgangs der US-Präsidentschaftswahl sprach ich mit der Juniorprofessorin Anna Lührmann.


Zur Person:

Anna Lührmann forscht und lehrt Politikwissenschaft an der Universität Göteborg in Schweden; dort ist sie stellvertretende Leiterin des V-Dem Institutes (Varieties of Democracy), das sich auf die Forschung über die Entwicklung und Genese von Demokratien spezialisiert hat.



Frau Lührmann, wie haben Sie die gestrige Wahlnacht verbracht?

Mit einem Ergebnis war in der Nacht ja noch nicht zu rechnen, deswegen bin ich um halb elf schlafen gegangen. Morgens musste ich eine Statistikvorlesung halten. Dafür wollte ich fit sein.

Ich bin morgens, gegen halb sieben in die Nachrichtenlage eingestiegen. Dann wurde es auch gleich spannend.

Der Politikblog FiveThirtyEight misst Joe Biden eine 89-prozentige Chance bei, die Wahl zu gewinnen …

Oh!

Gestern wurde wie vor vier Jahren über die Demoskop*innen geschimpft, die sich massiv verkalkuliert haben. Wie schätzen Sie die Rolle der Demoskopie in dieser Wahl ein?

Genau, dieses Thema beschäftigt mich zurzeit in einer Vorlesung. In dieser Vorlesung „Introduction to Statistics“ geht es unter anderem darum, wie ich eine repräsentative Versuchsgruppe auswähle. Wie gewichte und interpretiere ich die Ergebnisse? Die US-Präsidentschaftswahl ist für diese Fragestellungen ein perfektes Anschauungsbeispiel.

Die Demoskopie steht vor grundlegenden Problemen. Nach dem Brexit-Referendum und der Wahl Donald Trumps haben viele gesagt: „Oh, jetzt passen wir unsere Modelle an.“ Es ist der Wahlforschung jedoch nicht gelungen, diese Form von Populismus zu erfassen und die Modelle genau da zu verbessern.

Auffällig waren die Abweichungen von den Prognosen in Florida. Dort haben unerwartet viele Latinx für Trump gestimmt. Joe Biden hat Florida entgegen der Prognosen verloren.

Dort hat die Gewichtung in den Umfragen nicht gestimmt. Heute ist es schwerer, Leute für Telefonbefragungen zu erreichen; das beobachten wir euch in Europa. So entsteht wesentlich mehr Unsicherheit in den Prognosen.

Erschwerend kommt die Aufweichung der klassischen Marker hinzu. Heute ist das Einkommen oder die Berufsgruppe weniger ausschlaggebend für die Wahlentscheidung als kulturelle Themen, die sich wiederum schlechter in die Gewichtung von Umfragen einbeziehen lassen.

Im Gegensatz zu 2016 war sich die Öffentlichkeit diesmal allerdings des Risikos bewusst. Deswegen wird es kaum einen demobilisierenden Effekt durch die Prognosen gegeben haben.

Sie sind stellvertretende Leiterin des V-Dem Institutes (Varieties of Democracy) der Universität Göteborg. Letzte Woche veröffentlichten Sie die Varieties of Parties-Datensätze. Was hat es damit auf sich?

Wir haben zusammen mit einer Gruppe von Forscher*innen versucht, die gesamte Multidimensionalität der heutigen Parteien abzubilden. Dafür haben wir 30 Indikatoren erarbeitet, anhand derer haben wir alle großen Parteien von 665 Expert*innen bewerten lassen. Die Auswertung schließt Parteien ab 1970 bis 2019 ein.

Eine der Hauptintentionen ist es, die antidemokratische und autoritäre Rhetorik – wir nennen dies Illiberalismus – in Parteien abzubilden. Dazu gehört das Aufrufen zu politischer Gewalt, die Dämonisierung von politischen Gegnern und das Anzweifeln von demokratischen Prinzipien wie dem Minderheitenschutz.

Der britische Guardian berichtete über die Studie insbesondere, da in ihr die republikanische Partei ins illiberale Spektrum eingeordnet wird.

Die Republikaner schneiden in unserer Auswertung sehr, sehr schlecht ab. Die Partei hat sich von den klassisch-konservativen Parteien entfernt und zu den autoritären wie der AKP in der Türkei oder Fidesz in Ungarn gesellt.

Aus dem Datensatz geht hervor, dass diese Entwicklung bis auf das Jahr 2000 zurückzuführen ist. Damals wurde George W. Bush knapp zum Präsidenten gewählt. Sein demokratischer Gegner Al Gore versuchte, dagegen juristisch vorzugehen; die Bush-Kampagne bezeichnete dieses Vorgehen als „voter fraud“ – ein Begriff, der uns heute bekannt vorkommt. Könnte das der Startpunkt für die Entwicklung hin zu einem Präsident Trump gewesen sein?

Als Ausgangspunkt würde ich da eher die Tea-Party-Bewegung sehen. Das Aufkommen dieser rechtskonservativen Strömung vor ungefähr zehn Jahren zeigte zum ersten Mal antistaatliche und rechtsradikale Kräfte innerhalb der republikanischen Partei.

Unserer Datensätze zeigen einen deutlichen Anstieg des Illiberalismus nach 2014, also zu Beginn des Präsidentschaftswahlkampf. Die Tea-Party-Bewegung hat dafür den Nährboden geschaffen.

Gestern Morgen hat Donald Trump unberechtigt seinen Wahlsieg verkündet und erklärt, er wolle die Auszählung der Stimmen stoppen. Wird hier eine weitere Verschiebung der Republikaner in Richtung Illiberalismus deutlich?

Unsere Indikatoren zielen darauf ab, die Rhetorik der Parteien zu bewerten. Donald Trump hat gestern gezeigt, dass er seine Worte in Taten umsetzt. Das macht ihn als illiberalen Populisten besonders gefährlich.


Transparenzhinweis: Anna Lührmann ist – wie ich – Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen.