Refle­xi­on: „CO2 – Das neue Gold!?“

Ges­tern Abend war ich zu Gast bei einer klei­nen Hybrid­ver­an­stal­tung des Rotan­da Busi­ness Clubs und der Fried­rich-Nau­mann-Stif­tung. Das Podi­um lief unter dem Mot­to „CO2 – Das neue Gold!?“. Neben mir war noch Dr. Ste­fa­nie Kes­ting mit an Bord. Sie ist Direc­tor of Inno­va­ti­on beim Ener­gie­kon­zern Uni­per; mode­riert wur­de die Ver­an­stal­tung von Oli­ver Kirch­hof, den ich noch vom Hes­si­schen Inno­va­ti­ons­kon­gress ken­ne.

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Bei sol­chen Ver­an­stal­tun­gen gibt es eigent­lich nur schwarz und weiß: Ent­we­der man ist rei­nes Aus­stel­lungs­stück und hofft nur, dass es irgend­wie zu Ende geht, oder es ist eine wah­re Freu­de und man lernt unheim­lich viel dazu. Dies­mal war es Letz­te­res.

Des­we­gen möch­te ich an die­ser Stel­le ein paar Gedan­ken reflek­tie­ren und mit Ihnen tei­len:

CO2 Uti­liz­a­ti­on

Dr. Kes­tings Fach­ge­biet sind Tech­no­lo­gien zur Rück­ge­win­nung von bereits frei­ge­setz­tem Koh­len­stoff­di­oxid – ein wich­ti­ger Bau­stein auf dem Weg zu einer dekar­bo­ni­sier­ten Gesell­schaft. Etwas sper­rig wird die­se Pro­ze­dur CO2 Uti­liz­a­ti­on, also Nutz­bar­ma­chung von CO2, genannt.

Dabei ist das, was pas­siert, in gro­ßen Tei­len nichts ande­res als Foto­syn­the­se. Ja genau, das mit den Pflan­zen …

CO2 wird bei der Ver­bren­nung von lang­ket­ti­gen Koh­len­was­ser­stof­fen (KWS) emit­tiert. Der Koh­len­stoff (C-) oxi­diert zu CO2. Klas­si­sche lang­ket­ti­ge KWS fin­den sich in Treib­stof­fen wie Erd­öl und Ben­zin. Bei der Oxi­da­ti­on wird Ener­gie – meist in Form von ther­mi­scher Ener­gie – frei. (Bei beson­ders lang­ket­ti­gen KWS kön­nen nicht alle C‑Atome mit Sauer­stoff (O2) bin­den; die­se C‑Atome wer­den dann als Ruß sicht­bar.)

Für die CO2 Uti­liz­a­ti­on muss – wie bei der Foto­syn­the­se – die­se che­mi­sche Reak­ti­on umge­kehrt wer­den, es geht folg­lich um die Rück­re­ak­ti­on: CO2 wird in gro­ßen Men­gen zu lang­ket­ti­gen KWS redu­ziert. (Bei der Foto­syn­the­se wird CO2 über ein kom­ple­xes Redox-Sys­tem zu Glu­co­se redu­ziert, wobei Sauer­stoff als Neben­pro­dukt ent­steht.)

Der Trend geht in Rich­tung Treib­stof­fe aus CO2. Das bedeu­tet, dass wir mit­tels CO2 Uti­liz­a­ti­on das „Loch im Koh­len­stoff­kreis­lauf“ schlie­ßen könn­ten, das wir durch die Ver­bren­nung fos­si­ler Brenn­stoff ver­ur­sacht haben.

Mir war bis ges­tern Abend nicht klar, dass Kon­zer­ne wie Uni­per gera­de Anlauf neh­men für einen gewal­ti­gen tech­no­lo­gi­schen Sprung.

Solu­tio­nis­mus

Doch Anlauf­neh­men allein macht noch kei­nen gelun­ge­nen Sprung aus. Wie weit kön­nen sie sprin­gen? Ist die Lan­dung weich?

Tat­säch­lich bleibt bei mir eine gesun­de Skep­sis gegen­über CO2 Uti­liz­a­ti­on. Mir miss­fällt eine Prä­mis­se, die vie­le Akteu­re aus dem Bereich der Ener­gie­wirt­schaft stel­len: „Wir brau­chen eine Pro­blem­lö­sung.“

Wie­so über­haupt sprin­gen? Wovor lau­fen wir weg? Soll­ten wir nicht bes­ser umkeh­ren?

Die­se Men­ta­li­tät, die sich ins­be­son­de­re im Sil­li­con Val­ley beob­ach­ten lässt, wird Solu­tio­nis­mus genannt (vom eng­li­schen Wort „solu­ti­on“). Im Sil­li­con Val­ley lösen sie mit einer App, einem But­ton alle Pro­ble­me, die sie vor­her selbst ver­ur­sacht hat­ten.

In Deutsch­land ist die Ener­gie­wirt­schaft – alles, was aus der Steck­do­se kommt oder warm macht – für den größ­ten Teil der CO2-Emis­sio­nen ver­ant­wort­lich. Die­ser Wirt­schafts­zweig hat ein Ver­trau­ens­pro­blem, wenn es jetzt dar­um geht, Lösun­gen zu fin­den für Pro­ble­me, die nie in die­sen Dimen­sio­nen hät­ten ent­ste­hen sol­len.

Es fühlt sich auch bes­ser an, zu hof­fen, eines Tages kommt der grü­ne But­ton, der uns vor der bit­te­ren Rea­li­tät der Kli­ma­kri­se ret­tet. Aber was, wenn die Lan­dung nicht weich ist? Wenn dann Hals- und Bein­bruch kom­men …

Kön­nen wir uns eine sol­che Wet­te mit dem Kli­ma wirk­lich leis­ten?

Eine Brü­cke bau­en

Allei­ne müs­sen wir sprin­gen, um die Kluft zu über­win­den. Die­se Wet­te wider­sprä­che aller Ver­nunft.

Lasst uns statt­des­sen gemein­sam eine Brü­cke bau­en. Gro­ße Pro­ble­me bedür­fen grö­ße­ren Lösun­gen.

Im Herbst letz­ten Jah­res ver­fass­te ich zusam­men mit Eme­ly Dil­chert einen Appell:

„Wir sind uns sicher, dass wir unse­rer Ver­ant­wor­tung gerecht wer­den kön­nen. Dafür müs­sen wir von heu­te an gemein­sam, Sei­te an Sei­te und Schritt für Schritt hel­fen. Wir glau­ben, dass wir an die­ser Her­aus­for­de­rung als Gesell­schaft wach­sen wer­den. Und das soll­te die Form von Wachs­tum sein, die uns wirk­lich stolz macht.“