Schul­öff­nun­gen: Der Feld­ver­such

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Seit die­ser Woche haben die Schu­len in Meck­len­burg-Vor­pom­mern und Ham­burg wie­der geöff­net. Am Mon­tag kom­men Ber­lin, Bran­den­burg und Schles­wig-Hol­stein hin­zu. Das bedeu­tet, knapp 1,6 Mil­lio­nen Kin­der und Jugend­li­che ler­nen wie­der mit­ein­an­der. Ja, rich­tig – mit­ein­an­der, in ihren Klas­sen.

Schüler:innen sitzen an ihren Schultischen mit Abstand zueinander und Mund-Nasen-Schutz

Wo liegt das Pro­blem? Ehr­lich gesagt fällt es mir schwer, in die­ser Gemenge­la­ge nur ein Pro­blem zu fin­den. Ich ver­su­che, mich auf die fünf größ­ten Pro­ble­me zu beschrän­ken.

Pro­blem 1: Stil­le Post

Die Bun­des­län­der sind zustän­dig für die all­ge­mei­ne Bil­dungs­po­li­tik. So wer­den die Lehr­plä­ne (teils hoch­tra­bend Kern­cur­ri­cu­la genannt) vom jewei­li­gen Kul­tus­mi­nis­te­ri­um vor­ge­ge­ben. Auch all­ge­mei­ne Fra­gen wie, ob Schu­len über­haupt geöff­net wer­den und wel­ches Lehr­per­so­nal ein­ge­setzt wird, klärt das Minis­te­ri­um.

Absurd wird es, rich­tet man den Blick auf die ein­zel­ne Schu­le. Denn die muss wie­der­um auch die Vor­ga­ben des Schul­trä­gers – also des Krei­ses oder der Stadt – beach­ten. Der Schul­trä­ger ist vor allem für die Aus­stat­tung der Schu­len zustän­dig. Zu guter Letzt inter­pre­tiert die Schul­lei­tung (mit gewis­sem Spiel­raum) die Vor­ga­ben des Minis­te­ri­ums sowie des Schul­trä­gers und sorgt für deren Aus­ge­stal­tung. Allein dass ich der­art lan­ge brau­che, um die­se Struk­tur zu beschrei­ben, wird zum Pro­blem, denn nicht alle behal­ten den Durch­blick. Und wie man es aus umfas­sen­den Struk­tu­ren kennt – Stich­wort stil­le Post: Manch­mal ver­si­ckern Infor­ma­tio­nen (öfter).

Im Mai schil­der­te mir ein Schul­lei­ter resi­gniert: „Wir erfah­ren Neu­ig­kei­ten zum Schul­be­trieb nicht vom Schul­amt oder dem Kul­tus­mi­nis­te­ri­um. Ich lese das in der Zei­tung oder online.“ Er füh­le sich weder ein­ge­bun­den in die Ent­schei­dungs­pro­zes­se, noch sehe er die höchst unter­schied­li­chen Situa­tio­nen der Schu­len berück­sich­tigt.

Pro­blem 2: Die Infek­ti­ons­fal­le

Mitt­ler­wei­le ist klar, dass die Bedeu­tung der Über­tra­gung mit­tels fei­ner Par­ti­kel­wol­ken – soge­nann­ter Aero­so­le – grö­ßer ist als ursprüng­lich ange­nom­men. Die­se Aero­so­le ent­ste­hen nicht nur beim Hus­ten oder Nie­sen, son­dern auch beim Atmen oder Spre­chen – zwei Din­ge, die in Klas­sen­zim­mern übli­cher­wei­se statt­fin­den.

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Die­se infek­tiö­sen Par­ti­kel­wol­ken kön­nen bis zu 14 Minu­ten in der Luft schwe­ben und im Raumin­ne­ren dif­fun­die­ren. (Die New York Times hat die­ses Phä­no­men anschau­lich visua­li­siert.)

Um das Risi­ko einer Infek­ti­on durch Aero­so­le zu redu­zie­ren, muss die Raum­luft zir­ku­lie­ren, so dass die Virus­last an einer bestimm­ten Stel­le im Raum gering bleibt. Das kann ent­we­der durch kom­ple­xe Lüf­tungs­sys­te­me wie an Bord von Flug­zeu­gen oder durch ein­fa­ches Stoß­lüf­ten erreicht wer­den.

Letz­te­res wäre eine Opti­on für Klas­sen­räu­me, wären da nicht die zu gro­ßen Tei­len maro­den Schul­ge­bäu­de, deren Fens­ter sich teils nicht öff­nen las­sen. Außer­dem wird das Stoß­lüf­ten dadurch beein­träch­tigt, dass die wenigs­ten Klas­sen­räu­me Fens­ter auf zwei Raum­sei­ten auf­wei­sen.

Zwan­zig oder rea­lis­ti­scher gedacht drei­ßig Leu­te in einem Raum, der nur unre­gel­mä­ßig und unsach­ge­mäß durch­lüf­tet wird, ergibt eine gefähr­li­che Infek­ti­ons­fal­le.

Beson­dern tückisch wird die­se Infek­ti­ons­fal­le im Herbst und Win­ter (soll­ten dann nicht sowie­so die Schu­len geschlos­sen sein). Zum einen wird es küh­ler, wodurch das Stoß­lüf­ten erschwert wird und Viren län­ger auf Flä­chen über­le­ben. Zum ande­ren kommt die sai­so­na­le Influ­en­za als Infek­ti­ons­ri­si­ko hin­zu. Eine „Dop­pel­in­fek­ti­on“ mit Influ­en­za und Covid-19 dürf­te auch für Kin­der nicht leicht zu ver­kraf­ten sein, geschwei­ge denn für die Lehrer:innen.

Pro­blem 3: Die Sache mit dem Mund-Nasen-Schutz

Umso wich­ti­ger wäre es, zu ver­hin­dern, dass Tröpf­chen und Aero­so­le über­haupt in die Raum­luft gera­ten. Zu die­sem Zweck müss­ten alle einen Mund-Nasen-Schutz tra­gen. Ja, auch und vor allem im Unter­richt.

(Seit die­ser Woche wis­sen wir zudem, dass der Mund-Nasen-Schutz nicht nur die Mit­men­schen, son­dern auch die Trä­ge­rin selbst schützt.)

Die Gesell­schaft für Viro­lo­gie mahnt in einer Ad-hoc-Stel­lung­nah­me: „Im Hin­blick auf die rea­le Gefahr der Über­tra­gung zwi­schen Schü­lern, die zum Zeit­punkt der Infek­tio­si­tät (noch) kei­ne Krank­heits­sym­pto­me haben, spre­chen wir uns (…) für das kon­se­quen­te Tra­gen von All­tags­mas­ken in allen Schul­jahr­gän­gen auch wäh­rend des Unter­richts aus.“

Info-Grafik: Mindestens 20 Sekunden die Hände waschen, Seife benutzen, einen Mund-Nasen-Schutz tragen, große Menschenmengen meiden, keinen Handschlag und Kontaktflächen desinfizieren
Schutz­maß­nah­men gegen das Coro­na­vi­rus SARS-CoV‑2

Was die Umset­zung anbe­langt, muss ich aller­dings auf Pro­blem 1 ver­wei­sen: In Nord­rhein-West­fa­len muss die Gesichts­be­de­ckung immer getra­gen wer­den – auch im Unter­richt, in Hes­sen hin­ge­gen hält man eine sol­che Rege­lung für nicht sinn­voll.

Ein Leh­rer aus Hes­sen, der an ein dor­ti­ges Schul­amt abge­ord­net ist, erklär­te mir, er sei ange­wie­sen wor­den, im Schul­amt kon­se­quent einen Mund-Nasen-Schutz zu tra­gen. Denn in der Schu­le sei er ja erheb­li­chem Risi­ko aus­ge­setzt und man wol­le doch kei­ne Infek­tio­nen inner­halb des Schul­amts.

Pro­blem 4: Ein Spie­gel der Gesell­schaft

Die Meta­pher des „Spie­gels der Gesell­schaft“ wird ger­ne im Zusam­men­hang mit der Poli­zei ver­wen­det – meis­tens dann, wenn wie­der ein paar Rechts­ex­tre­me bei der Poli­zei ent­deckt wer­den. Nicht anders sieht es beim Lehr­per­so­nal an deut­schen Schu­le aus.

Ja, es gibt ihn: den enga­gier­ten und stets kom­pe­ten­ten Leh­rer. Ich hat­te selbst eini­ge die­ser gelob­ten Sor­te.

Genau­so gibt es jedoch auch die Leh­re­rin, die letz­te Woche Sams­tag Coro­na „weg­ge­tanzt“ hat und glaubt, Bill Gates pla­ne die Aus­rot­tung der Mensch­heit. Sie lehnt eine Gesichts­be­de­ckung genau­so als „Maul­korb der Regie­rung“ ab.

Eine Grund­schul­leh­re­rin aus Rhein­land-Pfalz hat mir berich­tet: „Da herrscht immer noch der Aber­glau­be von ‚die Mas­ke schützt mich und nicht ande­re, ich habe kei­ne Angst, daher tra­ge ich kei­ne‘.“

Als sie sich besorgt geäu­ßert habe wegen einer Kon­fe­renz im engen Leh­rer­zim­mer, habe man ihr ent­geg­net, sie sol­le sich einen Mund-Nasen-Schutz anzie­hen und sich ans Fens­ter set­zen. Wirk­lich ernst genom­men fühl­te sie sich nicht: „Ich muss­te in den letz­ten Mona­ten lei­der auf schmerz­haf­te Art und Wei­se erfah­ren, dass Bil­dung nichts mit Intel­li­genz zu tun hat.“

Sie selbst ist Risi­ko­pa­ti­en­tin und muss den­noch ab über­nächs­ter Woche in den Unter­richt: „Bis zu den Som­mer­fe­ri­en konn­te man sich als Risi­ko­pa­ti­ent ‚her­aus­neh­men‘ las­sen. Das wur­de aber, weil es enorm vie­le Leh­rer sind (und wir einen nicht uner­heb­li­chen Leh­rer­man­gel in RLP haben) ver­schärft. Ein Attest vom behan­deln­den Fach­arzt reicht nicht mehr aus, man muss zum Amts­arzt.“

Eine Leh­re­rin aus Hes­sen erzähl­te mir, sie erle­be eine per­sön­li­che Bre­douil­le. Ihre Mut­ter befin­de sich aktu­ell sta­tio­när in Behand­lung und bedür­fe ihres Besu­ches am Wochen­en­de. Doch wie kann sie ihre Mut­ter, die anfäl­lig für eine Infek­ti­on ist, guten Gewis­sens besu­chen, wenn sie womög­lich selbst unwis­send im Dienst infi­ziert wur­de?

Pro­blem 5: Von ande­ren ler­nen (oder auch nicht)

Das letz­te und viel­leicht größ­te Pro­blem ist Igno­ranz. Immer wie­der höre ich, man müs­se sich nun arran­gie­ren, mit dem was man habe.

Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Spahn erklär­te am Don­ners­tag sinn­ge­mäß, der etap­pen­wei­se Schul­start bie­te die Chan­ce, her­aus­zu­fin­den, was funk­tio­niert und was nicht. Das ist nicht rich­tig; denn was dabei in Ver­ges­sen­heit gerät, ist, dass Deutsch­land nicht allein auf die­ser Welt ist.

In Isra­el wur­den die Schu­len im Mai wie­der geöff­net – ohne ver­pflich­ten­den Mund-Nasen-Schutz und ohne die Bil­dung von Klein­grup­pen. Schon nach weni­gen Wochen muss­te die Regie­rung zurück­ru­dern. Die raschen Schul­öff­nun­gen führ­ten zu hun­der­ten Infi­zier­ten. Isra­el stand vor den Öff­nun­gen bes­ser da, als wir es jetzt tun.

Ein ande­res Bei­spiel ist Aus­tra­li­en. Mehr als 49 Schu­len muss­ten kurz nach der Öff­nung im Bun­des­staat Vik­to­ria wie­der schlie­ßen, nach­dem es zu etli­chen Anste­ckun­gen in den Schu­len gekom­men war.

War­um kön­nen wir nicht von ande­ren ler­nen? Ist es nicht genau das, was Schu­le sein soll: von ande­ren ler­nen?

Es gibt noch eine gan­ze Rei­he wei­te­rer Pro­ble­me:

  • Leis­tungs­de­fi­zi­te bei eini­gen Schüler:innen,
  • schlech­te (tech­ni­sche) Aus­stat­tung und feh­len­des Füh­rungs­per­so­nal in den Schu­len,
  • kei­ne Stra­te­gien für eine etwai­ge Umstel­lung auf Fern­un­ter­richt,
  • Schüler:innen, die sich in die­ser schwie­ri­gen Zeit allein­ge­las­sen füh­len.

Dass die Dis­kus­si­on über den rich­ti­gen Weg in Sachen Schul­öff­nun­gen erst jetzt beginnt, da sich die Som­mer­fe­ri­en dem Ende nei­gen, ist ein Armuts­zeug­nis. Die Schu­len jetzt als gro­ßen Feld­ver­such zu öff­nen und das Bes­te zu hof­fen, darf nicht die Lösung sein.

Doch lei­der tritt gera­de nur zuta­ge, wor­an das deut­sche Schul­sys­tem schon zu lan­ge kränkt: feh­len­des poli­ti­sches Inter­es­se.


10.08.2020, 12:41 Uhr
In der Auf­zäh­lung der Bun­des­län­der, in denen das neue Schul­jahr am 10. August beginnt, habe ich Bran­den­burg ver­ges­sen. Die­sen Feh­ler habe ich kor­ri­giert. Ent­spre­chend wur­de die Zahl der Schüler:innen von ca. 1,3 auf 1,6 Mil­lio­nen erhöht.


Ich ver­wen­de auf die­sem Blog geschlech­ter­ge­rech­te Spra­che, wo ich nur kann. Soll­te es mal nicht in den Satz pas­sen, wechs­le ich zwi­schen den Gene­ra.