Kon­stru­ier­te Neu­tra­li­tät im Jour­na­lis­mus

In mei­ner Poli­ti­schen Wochen­schau the­ma­ti­sier­te ich ver­gan­ge­ne Woche den Auf­ruhr in den Redak­ti­ons­räu­men der New York Times wegen eines Op-Eds. Dabei kri­ti­sier­te ich eine kon­tru­ier­te Neu­tra­li­tät, die vie­le US-ame­ri­ka­ni­sche Medi­en­häu­ser nach wie vor anstre­ben.

Da ich das The­ma für rele­vant hal­te, repu­bli­zie­re ich in die­sem Bei­trag Aus­zü­ge aus der Wochen­schau vom 15. Juni 2020. Die gesam­te Aus­ga­be lässt sich hier nach­le­sen.

Aus­zug aus der Wochen­schau

Hin­ter­grund ist der Auf­ruhr bei der New York Times um einen Op-Ed. Am 3. Juni ver­öf­fent­lich­te die Times einen Gast­bei­trag des repu­bli­ka­ni­schen Sena­tors Tim Cot­ton, in dem die­ser for­der­te, das Mili­tär gegen Aus­schrei­tun­gen wäh­rend der Anti-Ras­sis­mus-Pro­tes­te ein­zu­set­zen:

“One thing abo­ve all else will res­to­re order to our streets: an over­whel­ming show of for­ce to disper­se, detain and ulti­mate­ly deter law­brea­kers.”

Mitt­ler­wei­le ist der Gast­bei­trag mit einer “Edi­tors’ Note” ver­se­hen, in der es unter ande­rem heißt:

“The basic argu­ments advan­ced by Sena­tor Cot­ton — howe­ver objec­tion­ab­le peop­le may find them — repre­sent a news­wor­thy part of the cur­rent deba­te. But given the life-and-death impor­t­ance of the topic, the senator’s influ­en­ti­al posi­ti­on and the gra­vi­ty of the steps he advo­ca­tes, the essay should have under­go­ne the hig­hest level of scru­ti­ny.”

Weni­ge Tage nach Erschei­nen des Tex­tes muss­te der Lei­ter des Mei­nungs­res­sort, James Ben­net, sei­nen Pos­ten räu­men. Ben­net muss­te beken­nen, Cot­tons Op-Ed nicht ein­mal gele­sen zu haben. Zudem ent­schul­dig­te sich Ver­lags­chef A. G. Sulz­ber­ger bei der Beleg­schaft der Times.

Aus deut­scher Sicht erscheint die Auf­re­gung über­trie­ben. Doch wie heißt es in Har­per Lees “To Kill A Mocking­bird” so schön:

“You never real­ly under­stand a per­son until you con­si­der things from his point of view.”

Wer nicht all­zu oft in US-ame­ri­ka­ni­sche Zei­tun­gen blickt, wird sich ver­mut­lich fra­gen, was ein Op-Ed ist (näm­lich die oppo­si­te of the edi­to­ri­al pageder Ort für Gast­bei­trä­ge) und war­um die Times ein eige­nes Mei­nungs­res­sort unter­hält.

In den Ver­ei­nig­ten Staa­ten ist es üblich, dass tages­ak­tu­el­le Bericht­erstat­tung (“News­room”) und Kom­men­tie­rung (“Edi­tio­ri­al Board”/“Opinion”) strikt räum­lich wie auch per­so­nell von­ein­an­der getrennt sind. Dem liegt die Wil­le zugrun­de, dass die Berichterstatter:innen nicht durch die Kom­men­tie­rung der The­men, über die sie berich­ten, an Glaub­wür­dig­keit ein­bü­sen sol­len.

Bericht­erstat­tung, das wird seit jeher an US-ame­rik­an­si­chen Uni­ver­si­tä­ten gelehrt, habe neu­tral zu erfol­gen. Unter kei­nen Umstän­den dür­fe Mei­nung durch­schim­mern.

Poli­tik-Kom­men­tie­rung bei CNN: Kei­ne Posi­ti­on kommt zu kurz

Die­se “Neu­tra­li­tät” wird ver­sucht, durch eine zeit­li­che bzw. räum­li­che Balan­ce poli­ti­scher Posi­tio­nen her­zu­stel­len. Das heißt, einem links­li­be­ra­len Kom­men­tar wird ein ähn­lich aus­führ­li­cher kon­ser­va­ti­ver Kom­men­tar gegen­über­ge­stellt. Beson­ders sicht­bar wird die­ser Ethos bei CNNs Kom­men­tie­rung, bei der stets zwei Kommentator:innen gegen­sätz­li­cher Posi­tio­nen dia­lo­gisch kom­men­tie­ren.

Ein häu­fig ange­brach­ter Kri­tik­punkt an die­sem Ethos ist, dass nicht jede Posi­ti­on den glei­chen (fak­ti­schen) Gehalt und damit die glei­che Berech­ti­gung hat. Das lässt sich an einem ein­fa­chen, extre­men Bei­spiel auf­zei­gen: Kann der Ein­satz von Kriegs­waf­fen gegen unschul­di­ge Zivilist:innen legi­tim sein? (Ja, aktu­ell ist die­ses Bei­spiel gar nicht mehr so abwä­gig …)

An die­sen Kri­tik­punkt knüpft die Fra­ge an, ob einer nicht von Tat­sa­chen unter­mau­er­ten und schlimms­ten­falls mora­lisch frag­wür­di­gen Mei­nung genau so vie­le Zei­len in einer Zei­tung bzw. Minu­ten im Fern­se­hen ein­ge­räumt wer­den soll­ten.

Genau die­se Fra­ge ist der Auf­hän­ger bei der Auf­ruhr in den Redak­ti­ons­räu­men der New York Times.

Ist es zu recht­fer­ti­gen, eine Extrem­po­si­ti­on wie der Cot­tons einen Op-Ed ein­zu­räu­men? Wur­de die­sem Op-Ed ein hin­rei­chend wuch­ti­ger Kon­ter gegen­über­ge­stellt? Nicht zuletzt die Selbst­ver­ständ­lich­keit: Ent­spricht die im Op-Ed prä­sen­tier­te Fak­ten­la­ge der Rea­li­tät – oder han­delt es sich um “alter­na­ti­ve facts”?

Die Times-Kolum­nis­tin Michel­le Gold­berg resü­miert (fast schon resi­gniert):

“It’s important to under­stand what the peop­le around the pre­si­dent are thin­king. But if they’re honest about what they’re thin­king, it’s usual­ly too dis­gus­ting to enga­ge with. This crea­tes a cri­sis for tra­di­tio­nal under­stan­dings of how the so-cal­led mar­ket­place of ide­as func­tions.”

Abschlie­ßend möch­te ich noch eine Idee for­mu­lie­ren: Ich glau­be, “Neu­tra­li­tät” – ein Begriff, den ich oben mit Absicht in Anfüh­rungs­zei­chen gesetzt habe – soll­te nicht der Maß­stab guten Jour­na­lis­mus’ sein. Nein, ich mei­ne ein bes­se­re Maß­stab wäre Objek­ti­vi­tät.

Mar­kus Gabri­el defi­niert Objek­ti­vi­tät ein­fach als “das­je­ni­ge Merk­mal einer Ein­stel­lung, das dar­in besteht, dass wir uns täu­schen oder auch rich­ti­glie­gen kön­nen”. Auch Mei­nun­gen kön­nen objek­tiv sein – man­che objek­tiv falsch, ande­re rich­tig. Objek­tiv fal­schen Mei­nun­gen soll­ten wir nicht all­zu viel Zeit wid­men (QAnon), genau­so wenig den völ­lig rich­ti­gen (anthro­po­ge­ne Erd­über­hit­zung). Inter­es­sant wird es bei allem dazwi­schen …