Poli­ti­sche Wochen­schau: Bit­te schnell Opti­on c)

  • Beitrags-Kategorie:Politische Wochenschau
  • Lesedauer:3 Minuten zum Lesen

Guten Mor­gen,

auch die­se Woche möch­te ich mich wie­der auf ein The­ma kon­zen­trie­ren und dazu eini­ge Hin­ter­grün­de lie­fern. Es wird um die Fra­ge gehen: Wie­so fühlt es sich in Deutsch­land so an, als sei “Coro­na” durch­ge­stan­den, und was hat das für Fol­gen für unser Ver­hal­ten?

Noch kein Ende in Sicht

1029 Mitarbeiter:innen des größ­ten deut­schen Fleisch­pro­du­zen­ten Tön­nies sind mit dem Coro­na­vi­rus infi­ziert, das teil­te der Land­rat des Krei­ses Güters­loh, Sven-Georg Ade­nau­er (CDU), am Sams­tag­mor­gen mit. Damit ist der Aus­bruch im Kreis Güters­loh einer der größ­ten in Deutsch­land seit Beginn der Pan­de­mie.

Die­se Mel­dung wirkt für vie­le wie aus einer ande­ren Welt. Einer Welt, in der das Coro­na­vi­rus noch das bestim­men­de The­ma ist.

Mit 106 Toten pro eine Mil­lio­nen Einwohner:innen ist Deutsch­land bis­lang “gut” durch die Pan­de­mie gekom­men. Zum Ver­gleich: In unse­rem Nach­bar­land Bel­gi­en liegt der Wert bei 836, in Frank­reich bei 453 und im anfangs benei­de­ten Schwe­den bei 500.

Das mag vor allem an der frü­hen Sen­si­bi­li­sie­rung auf mög­li­che Über­tra­gungs­we­ge und der hohen Com­pli­an­ce mit den ver­ord­ne­ten Maß­nah­men lie­gen.

Doch genau die­se Com­pli­an­ce schwin­det gera­de. In den ers­ten Super­märk­ten ver­wei­gert sich das Per­so­nal sto­isch gegen den Mund-Nasen-Schutz – das durf­te ich erst heu­te erle­ben.

Eigene Grafik: Ursachen für die schwindende Compliance mit den Maßnahmen und Empfehlungen
Eige­ne Gra­fik: Ursa­chen für die schwin­den­de Com­pli­an­ce mit den Maß­nah­men und Emp­feh­lun­gen

Für die schwin­den­de Com­pli­an­ce mit den Maß­nah­men und Emp­feh­lun­gen mache ich drei – sich gegen­sei­tig bedin­gen­de – Ursa­chen aus:

  • abneh­men­de Risi­ko­wahr­neh­mung und dadurch sin­ken­der “Com­pli­an­ce­druck”,
  • ein­set­zen­de Müdig­keit von der Omni­prä­sens der Pan­de­mie und dadurch zuneh­men­de Ableh­nung der Maß­nah­men und Emp­feh­lun­gen als Form der Ver­drän­gung (als dis­as­ter fati­gue bezeich­net, dar­über habe ich im April schon geschrie­ben),
  • posi­ti­ve Ver­stär­kung der Non-Com­pli­an­ce durch die ver­mehr­te Wahr­neh­mung von non-com­pli­ant beha­vi­or und dadurch abneh­men­dem peer pres­su­re zur Com­pli­an­ce.

Aktu­ell ist die soge­nann­te Inzi­denz (Zahl der Neu­in­fek­tio­nen) in Deutsch­land der­art nied­rig, dass das indi­vi­du­el­le Risi­ko gerin­ger erscheint, als der Auf­wand, den die Ein­hal­tung der Maß­nah­men und Emp­feh­lun­gen dar­stellt.

Das kann zum Pro­blem wer­den, denn die Inzi­denz ist der­art nied­rig, weil sich noch ein Groß­teil an die Maß­nah­men und Emp­feh­lun­gen hält.

Hin­zu kommt, dass die Com­pli­an­ce wäh­rend einer “zwei­ten Wel­le” ins­ge­samt gerin­ger aus­fal­len dürf­te, da das erleb­te Prä­ven­ti­ons­pa­ra­do­xon (“Wir hat­ten ja gar kei­ne ita­lie­ni­schen Ver­hält­nis­se, also waren die Maß­nah­men alle über­trie­ben.”) den Hand­lungs­drang unter­mi­niert.

Entwicklung der weltweiten Fallzahl des Coronavirus (COVID-19) seit Januar 2020 (Stand: 19. Juni 2020)
Ent­wick­lung der welt­wei­ten Fall­zahl des Coro­na­vi­rus (COVID-19) seit Janu­ar 2020 (Stand: 19. Juni 2020)

Ich glau­be, es ist wich­tig, immer wie­der zu beto­nen, dass wir wei­ter­hin in einer der größ­ten Kri­sen der letz­ten 75 Jah­re ste­cken. Welt­weit ster­ben täg­lich tau­sen­de Men­schen an dem Virus, hun­dert­tau­sen­de infi­zie­ren sich.

Wir soll­ten erst auf­at­men, wenn wir a) einen Impf­stoff gefun­den haben, b) eine The­ra­pie ent­wi­ckelt haben oder c) ein Wun­der ande­rer Art geschieht.

Ich weiß, dass die­se mono­the­ma­ti­schen Hin­ter­grün­de nicht dem ursprüng­li­chen Kon­zept der Wochen­schau ent­spre­chen. Ger­ne wür­de ich mich über eine Rück­mel­dung freu­en, ob die­se Form der Wochen­schau genau­so gut oder auch bes­ser ankommt als die übli­che “News-Schau”. Dafür kannst Du unten auf den “Dau­men hoch” kli­cken – oder, wenn es Dir nicht zusagt, “Dau­men run­ter”.

Bis nächs­te Woche und dan­ke für Dei­ne Zeit!

Vie­le Grü­ße
Domi­nik Lawetz­ky

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Kon­stru­ier­te Neu­tra­li­tät im Jour­na­lis­mus

  • Beitrags-Kategorie:Politik
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In mei­ner Poli­ti­schen Wochen­schau the­ma­ti­sier­te ich ver­gan­ge­ne Woche den Auf­ruhr in den Redak­ti­ons­räu­men der New York Times wegen eines Op-Eds. Dabei kri­ti­sier­te ich eine kon­tru­ier­te Neu­tra­li­tät, die vie­le US-ame­ri­ka­ni­sche Medi­en­häu­ser nach wie vor anstre­ben.

Symbolbild: Vier Journalist:innen, die gerade berichten

Da ich das The­ma für rele­vant hal­te, repu­bli­zie­re ich in die­sem Bei­trag Aus­zü­ge aus der Wochen­schau vom 15. Juni 2020. Die gesam­te Aus­ga­be lässt sich hier nach­le­sen.

Aus­zug aus der Wochen­schau

Hin­ter­grund ist der Auf­ruhr bei der New York Times um einen Op-Ed. Am 3. Juni ver­öf­fent­lich­te die Times einen Gast­bei­trag des repu­bli­ka­ni­schen Sena­tors Tim Cot­ton, in dem die­ser for­der­te, das Mili­tär gegen Aus­schrei­tun­gen wäh­rend der Anti-Ras­sis­mus-Pro­tes­te ein­zu­set­zen:

“One thing abo­ve all else will res­to­re order to our streets: an over­whel­ming show of for­ce to disper­se, detain and ulti­mate­ly deter law­brea­kers.”

Mitt­ler­wei­le ist der Gast­bei­trag mit einer “Edi­tors’ Note” ver­se­hen, in der es unter ande­rem heißt:

“The basic argu­ments advan­ced by Sena­tor Cot­ton — howe­ver objec­tion­ab­le peop­le may find them — repre­sent a news­wor­thy part of the cur­rent deba­te. But given the life-and-death impor­t­ance of the topic, the senator’s influ­en­ti­al posi­ti­on and the gra­vi­ty of the steps he advo­ca­tes, the essay should have under­go­ne the hig­hest level of scru­ti­ny.”

Weni­ge Tage nach Erschei­nen des Tex­tes muss­te der Lei­ter des Mei­nungs­res­sort, James Ben­net, sei­nen Pos­ten räu­men. Ben­net muss­te beken­nen, Cot­tons Op-Ed nicht ein­mal gele­sen zu haben. Zudem ent­schul­dig­te sich Ver­lags­chef A. G. Sulz­ber­ger bei der Beleg­schaft der Times.

Aus deut­scher Sicht erscheint die Auf­re­gung über­trie­ben. Doch wie heißt es in Har­per Lees “To Kill A Mocking­bird” so schön:

“You never real­ly under­stand a per­son until you con­si­der things from his point of view.”

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Poli­ti­sche Wochen­schau: Eine Dosis Selbst­kri­tik

  • Beitrags-Kategorie:Politische Wochenschau
  • Lesedauer:7 Minuten zum Lesen

Guten Tag,
die­se Woche möch­te ich mich neben eini­gen tages­po­li­ti­schen The­men einer grund­sätz­li­chen jour­na­lis­ti­schen Fra­ge zuwen­den: Wel­chen Ansprü­chen muss guter Jour­na­lis­mus genü­gen?

Hin­ter­grund ist der Auf­ruhr bei der New York Times um einen Op-Ed. Am 3. Juni ver­öf­fent­lich­te die Times einen Gast­bei­trag des repu­bli­ka­ni­schen Sena­tors Tim Cot­ton, in dem die­ser for­der­te, das Mili­tär gegen Aus­schrei­tun­gen wäh­rend der Anti-Ras­sis­mus-Pro­tes­te ein­zu­set­zen:

“One thing abo­ve all else will res­to­re order to our streets: an over­whel­ming show of for­ce to disper­se, detain and ulti­mate­ly deter law­brea­kers.”

Mitt­ler­wei­le ist der Gast­bei­trag mit einer “Edi­tors’ Note” ver­se­hen, in der es unter ande­rem heißt:

“The basic argu­ments advan­ced by Sena­tor Cot­ton — howe­ver objec­tion­ab­le peop­le may find them — repre­sent a news­wor­thy part of the cur­rent deba­te. But given the life-and-death impor­t­ance of the topic, the senator’s influ­en­ti­al posi­ti­on and the gra­vi­ty of the steps he advo­ca­tes, the essay should have under­go­ne the hig­hest level of scru­ti­ny.”

Weni­ge Tage nach Erschei­nen des Tex­tes muss­te der Lei­ter des Mei­nungs­res­sort, James Ben­net, sei­nen Pos­ten räu­men. Ben­net muss­te beken­nen, Cot­tons Op-Ed nicht ein­mal gele­sen zu haben. Zudem ent­schul­dig­te sich Ver­lags­chef A. G. Sulz­ber­ger bei der Beleg­schaft der Times.

Aus deut­scher Sicht erscheint die Auf­re­gung über­trie­ben. Doch wie heißt es in Har­per Lees “To Kill A Mocking­bird” so schön:

“You never real­ly under­stand a per­son until you con­si­der things from his point of view.”

Abschlie­ßend wen­de ich mich die­se Woche dem zwei­ten Teil des Zitats zu und the­ma­ti­sie­re den (gar nicht so laten­ten) Ras­sis­mus in Deutsch­lands Medi­en­land­schaft:

“Until you climb insi­de of his skin and walk around in it.”

Kon­stru­ier­te Neu­tra­li­tät

News­room und Edi­to­ri­al Board sind in US-ame­ri­ka­ni­schen Medi­en­häu­sern nicht nur per­so­nell von­ein­an­der getrennt, son­dern auch räum­lich

Wenn Du nicht all­zu oft in US-ame­ri­ka­ni­sche Zei­tung blickst, wirst Du Dich ver­mut­lich fra­gen, was ein Op-Ed ist (näm­lich die oppo­si­te of the edi­to­ri­al page, der Ort für Gast­bei­trä­ge) und war­um die Times ein eige­nes Mei­nungs­res­sort unter­hält.

In den Ver­ei­nig­ten Staa­ten ist es üblich, dass tages­ak­tu­el­le Bericht­erstat­tung (“News­room”) und Kom­men­tie­rung (“Edi­tio­ri­al Board”/“Opinion”) strikt räum­lich wie auch per­so­nell von­ein­an­der getrennt sind. Dem liegt die Wil­le zugrun­de, dass die Berichterstatter:innen nicht durch die Kom­men­tie­rung der The­men, über die sie berich­ten, an Glaub­wür­dig­keit ein­bü­sen sol­len.

Bericht­erstat­tung, das wird seit jeher an US-ame­ri­ka­ni­schen Uni­ver­si­tä­ten gelehrt, habe neu­tral zu erfol­gen. Unter kei­nen Umstän­den dür­fe Mei­nung durch­schim­mern.

Poli­tik-Kom­men­tie­rung bei CNN: Kei­ne Posi­ti­on kommt zu kurz

Die­se “Neu­tra­li­tät” wird ver­sucht, durch eine zeit­li­che bzw. räum­li­che Balan­ce poli­ti­scher Posi­tio­nen her­zu­stel­len. Das heißt, einem links­li­be­ra­len Kom­men­tar wird ein ähn­lich aus­führ­li­cher kon­ser­va­ti­ver Kom­men­tar gegen­über­ge­stellt. Beson­ders sicht­bar wird die­ser Ethos bei CNNs Kom­men­tie­rung, bei der stets zwei Kommentator:innen gegen­sätz­li­cher Posi­tio­nen dia­lo­gisch kom­men­tie­ren.

Ein häu­fig ange­brach­ter Kri­tik­punkt an die­sem Ethos ist, dass nicht jede Posi­ti­on den glei­chen (fak­ti­schen) Gehalt und damit die glei­che Berech­ti­gung hat. Das lässt sich an einem ein­fa­chen, extre­men Bei­spiel auf­zei­gen: Kann der Ein­satz von Kriegs­waf­fen gegen unschul­di­ge Zivilist:innen legi­tim sein? (Ja, aktu­ell ist die­ses Bei­spiel gar nicht mehr so abwe­gig …)

An die­sen Kri­tik­punkt knüpft die Fra­ge an, ob einer nicht von Tat­sa­chen unter­mau­er­ten und schlimms­ten­falls mora­lisch frag­wür­di­gen Mei­nung genau so vie­le Zei­len in einer Zei­tung bzw. Minu­ten im Fern­se­hen ein­ge­räumt wer­den soll­ten.

Genau die­se Fra­ge ist der Auf­hän­ger bei der Auf­ruhr in den Redak­ti­ons­räu­men der New York Times.

Ist es zu recht­fer­ti­gen, eine Extrem­po­si­ti­on wie der Cot­tons einen Op-Ed ein­zu­räu­men? Wur­de die­sem Op-Ed ein hin­rei­chend wuch­ti­ger Kon­ter gegen­über­ge­stellt? Nicht zuletzt die Selbst­ver­ständ­lich­keit: Ent­spricht die im Op-Ed prä­sen­tier­te Fak­ten­la­ge der Rea­li­tät – oder han­delt es sich um “alter­na­ti­ve facts”?

Die Times-Kolum­nis­tin Michel­le Gold­berg resü­miert (fast schon resi­gniert):

“It’s important to under­stand what the peop­le around the pre­si­dent are thin­king. But if they’re honest about what they’re thin­king, it’s usual­ly too dis­gus­ting to enga­ge with. This crea­tes a cri­sis for tra­di­tio­nal under­stan­dings of how the so-cal­led mar­ket­place of ide­as func­tions.”

Abschlie­ßend möch­te ich einen Gedan­ken mit Dir tei­len: Ich glau­be, “Neu­tra­li­tät” – ein Begriff, den ich oben mit Absicht in Anfüh­rungs­zei­chen gesetzt habe – soll­te nicht der Maß­stab guten Jour­na­lis­mus’ sein. Nein, ich mei­ne ein bes­se­re Maß­stab wäre Objek­ti­vi­tät.

Mar­kus Gabri­el defi­niert Objek­ti­vi­tät ein­fach als “das­je­ni­ge Merk­mal einer Ein­stel­lung, das dar­in besteht, dass wir uns täu­schen oder auch rich­ti­glie­gen kön­nen”. Auch Mei­nun­gen kön­nen objek­tiv sein – man­che objek­tiv falsch, ande­re rich­tig. Objek­tiv fal­schen Mei­nun­gen soll­ten wir nicht all­zu viel Zeit wid­men (QAnon), genau­so wenig den völ­lig rich­ti­gen (anthro­po­ge­ne Erd­über­hit­zung). Inter­es­sant wird es bei allem dazwi­schen …

Man­gel­haf­te Kom­mu­ni­ka­ti­on

Den einen gilt er als Deutsch­lands poli­ti­sche Zukunft, den ande­ren als Motiv für krea­ti­ve, teils ruch­lo­se Memes. Es geht um den zweit­jüngs­ten Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten Phil­ipp Amt­hor (CDU). Eines Spie­gel-Berichts zufol­ge soll die­ser eine min­des­tens zwei­fel­haft lega­le Neben­tä­tig­keit bei einem US-ame­ri­ka­ni­schen Start-up namens Augus­tus Intel­li­gence inne­ge­habt haben. Für sei­ne Lob­by­ar­beit im Auf­trag des Start-ups sei er in Unter­neh­mens­an­tei­len ent­lohnt wor­den.

Amt­hor sieht das Pro­blem jedoch woan­ders: in der öffent­li­chen Wahr­neh­mung sei­nes Ver­hal­tens.

Er erklär­te unmit­tel­bar schrift­lich:

“Ich bin nicht käuf­lich. Gleich­wohl habe ich mich poli­tisch angreif­bar gemacht und kann die Kri­tik nach­voll­zie­hen. Es war ein Feh­ler. Mein Enga­ge­ment für das Unter­neh­men ent­spricht rück­bli­ckend nicht mei­nen eige­nen Ansprü­chen an die Wahr­neh­mung mei­ner poli­ti­schen Auf­ga­ben.”

Ich habe einen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tipp für Amt­hor.

Wer Feh­ler macht, der soll­te nicht die öffent­li­che Wahr­neh­mung des Feh­lers bereu­en, son­dern das eige­ne Han­deln, durch wel­ches der Feh­ler ver­ur­sacht wur­de. Wie wäre es mit: Ich habe einen Feh­ler gemacht.

Klingt viel ehr­li­cher, nicht wahr?

Ein Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­fi scheint Amt­hor tat­säch­lich nicht zu sein, denn auch par­tei­in­tern war das Stau­nen groß über die Ver­öf­fent­li­chung im Spie­gel; und das, obwohl Amt­hor vier Tage zuvor mit einem Fra­gen­ka­ta­log kon­fron­tiert wur­de.

Wie divers ist die deut­sche Medi­en­land­schaft?

Unge­nü­gend, lässt sich lako­nisch kon­sta­tie­ren.

Fan­gen wir bei mir an. Ich bin weder eine Per­son of Color, noch gehö­re ich einer reli­giö­sen oder welt­an­schau­li­chen Min­der­heit an. Ich habe jedes erdenk­li­che Pri­vi­leg. Des­we­gen soll­te ich vor­sich­tig sein, wenn ich jetzt gegen die deut­sche Medi­en­land­schaft aus­hoh­le.

Aber es muss sein. Hilf mir – fällt Dir eine bekann­te deut­sche Talk­show ein, in der regel­mä­ßig mehr Frau­en als Män­ner zu Gast sind, Peop­le of Color immer wie­der gehört wer­den oder die sogar von einer schwar­zen Mode­ra­torin geführt wird. Zuge­ge­ben, das ist eine Fang­fra­ge …

In der Süd­deut­schen Zei­tung führt Dun­ja Rama­dan aus, inwie­weit die Ursa­chen für die­se “Betriebs­blind­heit” sys­te­misch sind:

“Grund für die­se Betriebs­blind­heit ist die Tat­sa­che, dass in den meis­ten deut­schen Pres­se­häu­sern und öffent­lich-recht­li­chen Anstal­ten eine ziem­lich geschlos­se­ne Gesell­schaft anzu­tref­fen ist. Ein­lass hat oft nur, wer in sei­nem Aka­de­mi­ker­haus­halt ein gut gefüll­tes Bücher­re­gal ste­hen hat­te, wer es sich leis­ten konn­te, unzäh­li­ge unbe­zahl­te Prak­ti­ka zu machen – und wer ein finan­zi­el­les Pols­ter hat, um das anfangs spär­li­che Gehalt und unsi­che­re Berufs­per­spek­ti­ven auf­zu­fan­gen.”

Sie hat recht. Es reicht nicht, ein gewis­ses Maß an grund­sätz­li­cher (mathe­ma­ti­scher) Gleich­heit her­zu­stel­len und das Chan­cen­gleich­heit zu nen­nen. Die Aus­rot­tung der über Jahr­tau­sen­de prak­ti­zier­ten Ras­sis­men geht nicht von jetzt auf gleich. Die­ser Pro­zess ist außer­dem nicht irrever­si­bel. Wir als Gesell­schaft dür­fen uns nicht auf das ver­las­sen, was schon da ist, son­dern müs­sen eta­blier­te Struk­tu­ren immer wie­der kri­tisch hin­ter­fra­gen. Dazu zählt vor allem die Medi­en­land­schaft, die unser poli­ti­sches “Set­ting” fun­da­men­tal beein­flusst.

Mir fiel ges­tern erst auf, dass mein Pod­cast-Feed fast aus­schließ­lich “weiß” ist. Das habe ich vor­ges­tern noch für selbst­ver­ständ­lich genom­men, es ist jedoch eine “Betriebs­blind­heit”, an der ich arbei­ten muss.

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Somit ver­ab­schie­de ich mich – etwas ver­spä­tet – für die­se (und die letz­te) Woche! Die nächs­te Aus­ga­be der Wochen­schau wird plan­mä­ßig am Sonn­tag­mor­gen erschei­nen.

Du kannst mir einen Rie­sen­ge­fal­len tun, indem Du den News­let­ter teilst und abon­nierst, soll­te das nicht schon der Fall sein.

Wenn Du Anre­gun­gen oder Fra­gen hast, kannst Du ein­fach auf die E‑Mail ant­wor­ten und wir kön­nen ins Gespräch kom­men. Ich freue mich!

Vie­le Grü­ße
Domi­nik Lawetz­ky

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Poli­ti­sche Wochen­schau: Nein.

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  • Lesedauer:7 Minuten zum Lesen

Guten Mor­gen,

letz­te Woche war ich mit Blick auf die Ver­ei­nig­ten Staa­ten der­art resi­gniert, dass ich frag­te: Ist das noch eine Demo­kra­tie?

Die­se Woche kam ich der Ant­wort ein Stück weit näher.

Sie lau­tet: nein.

Ein Prä­si­dent, der fried­li­che Demons­trie­ren­de mit Trä­nen­gas und Rauch­gra­na­ten ver­trei­ben lässt, um ein Bild für sei­ne Kern­wäh­ler­schaft zu insze­nie­ren. Ein aus­tra­li­scher Kame­ra­mann, der im Live-Fern­se­hen wäh­rend sei­ner Bericht­erstat­tung von Pro­tes­ten nie­der­ge­schla­gen wird, wodurch eine diplo­ma­ti­sche Kri­se aus­ge­löst wur­de … Es ist so viel pas­siert, dass es mir (auch zeit­lich) nicht mög­lich ist, alles geord­net in einen Text zu gie­ßen; der wäre im Zwei­fel auch zu lang für die­ses For­mat.

Des­we­gen wer­de ich die Lage in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten stich­punkt­ar­tig und mit vie­len Ver­wei­sen erläu­tern. Außer­dem wen­den wir den Blick zurück auf Deutsch­land, genau­er gesagt nach Ber­lin. Dort hat sich die Koali­ti­on auf ein gewal­ti­ges Kon­junk­tur­pa­ket geei­nigt, an dem ich nur eine Klei­nig­keit (sic!) aus­zu­set­zen habe.

Ver­ei­nig­te Staa­ten: Ein Land im Cha­os

  • Die New York Timeshat die ent­schei­den­den acht Minu­ten und 46 Sekun­den zum Tod Geor­ge Floyds aus­ge­wer­tet und rekon­stru­iert. Das Ergeb­nis ist in jeder Form erschre­ckend.
  • Nicht alle Pro­tes­te auf den US-ame­ri­ka­ni­schen Stra­ßen sind fried­lich. Jah­re­zen­te­lang hat sich der Frust gelegt und tritt nun kon­den­siert zuta­ge. Ande­rer­seits gibt es die übli­chen Randalierer:innen; für sie sind die Pro­tes­te nur eine will­kom­me­ne Gele­gen­heit, Cha­os zu stif­ten.
  • Die Bil­der sind ver­hee­rend: Die Poli­zei lös­te Anfang der Woche eine voll­kom­men fried­li­che Demons­tra­ti­on auf dem Washing­to­ner Lafay­et­te Squa­re – direkt vor dem Wei­ßen Haus – auf. Aus dem nichts war­fen die Polizist:innen Trä­nen­gas­gra­na­ten in die Men­ge und dräng­ten sie zur Sei­te. Weni­ge Minu­ten spä­ter stol­zier­te Donald Trump zur “Church of the Pre­si­dents”, der St. John’s Epi­scopal Church, um sich mit einer Bibel in der Hand foto­gra­fie­ren zu las­sen. Der Pod­cast “The Dai­ly” wid­me­te sich drei Tage spä­ter den Hin­ter­grün­den die­ses obsku­ren Foto­shoo­tings. Hin­ter der von Trump hoch­ge­hal­te­nen Bibel steckt im Übri­gen eine per­fi­de Bild­spra­che, die sich an Trumps reli­gi­ös fun­da­men­ta­lis­ti­sche Wäh­ler­schaft rich­tet:

“Er insze­niert sich damit nach ihrem Nar­ra­tiv: als fehl­ba­rer Mes­si­as, ein neu­er König David oder Cyrus – er ist der ‘Aus­er­wähl­te’. Ein­fluss­rei­che repu­bli­ka­ni­sche Stim­men fol­gen die­ser Rhe­to­rik schon lan­ge.”

  • Die Staats­an­walt­schaft hat die Ankla­ge gegen Derek Chau­vin, der sein Knie über acht Minu­ten in Geor­ge Floyds Nacken gedrückt hat­te, auf “second degree mur­der” erhöht. Somit muss die Staats­an­walt­schaft nach­wei­sen, dass Chau­vin Floyds Tötung beab­sich­tigt oder wis­sent­lich in Kauf genom­men hat. Zudem sind nun auch die drei eben­so anwe­sen­den Poli­zis­ten wegen Bei­hil­fe ange­klagt. Der Rechts­wis­sen­schaft­ler Paul But­ler von der renom­mier­ten George­town Uni­ver­si­ty schrieb in der Washing­ton Postnoch vor der Erwei­te­rung der Ankla­ge:

“As a for­mer pro­se­cu­tor, though, I am well awa­re of the dif­fi­cul­ty of con­vic­ting a poli­ce offi­cer. […] In light of the­se hurd­les, the decisi­on about what crime to char­ge is cru­cial. […] This is a case that pro­se­cu­tors must win — and a third-degree mur­der con­vic­tion is bet­ter than no con­vic­tion at all.”

“What has been just below the sur­face, known but bare­ly ack­now­led­ged and rare­ly addres­sed serious­ly, is now impos­si­ble to igno­re. […] At a time when pre­si­den­ti­al lea­ders­hip is most cal­led for, at a time when Ame­ri­cans look to a pre­si­dent for words to uni­fy and heal, many hope this pre­si­dent will resist that call — an extra­or­di­na­ry con­dem­na­ti­on of the way Trump leads in cri­sis.”

  • Am Ran­de der Pro­tes­te kommt es immer wie­der zu Angrif­fen auf Journalist:innen – nicht durch die Pro­tes­tie­ren­den, son­dern durch die Poli­zei. Ein sol­cher Angriff sorg­te jetzt auch für diplo­ma­ti­sche Ver­stim­mun­gen. Denn nach­dem der Kame­ra­mann eines aus­tra­li­schen Fern­seh­teams in einer Live-Schal­te nie­der­ge­schla­gen wur­de, schal­te­te sich die aus­tra­li­sche Bot­schaft ein. Sie for­dert die Auf­klä­rung des Vor­falls, berich­tet Poli­ti­co.
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  • Gegen die rhe­to­ri­sche – und nun auch mili­tä­ri­sche – Auf­rüs­tung Trumps rich­ten sich zuneh­mend auch (ehe­ma­li­ge) Ange­hö­ri­ge des Mili­tärs und Sicher­heits­ap­pa­rats, dar­un­ter auch der ehe­ma­li­ge Vor­sit­zen­de der Joint Chiefs of Statt Mike Mul­len im Atlan­tic:

“I remain con­fi­dent in the pro­fes­sio­na­lism of our men and women in uni­form. They will ser­ve with skill and with com­pas­si­on. They will obey law­ful orders. But I am less con­fi­dent in the sound­ness of the orders they will be given by this com­man­der in chief, and I am not con­vin­ced that the con­di­ti­ons on our streets, as bad as they are, have risen to the level that jus­ti­fies a hea­vy reli­an­ce on mili­ta­ry tro­ops.”

  • In Zei­ten der Auf­ru­he gewinnt meist Sym­bol­po­li­tik über Reform­po­li­tik. In Washing­ton wur­de eine gro­ßer gel­ber “Black Lives Matter”-Schriftzug auf einer Stra­ße nahe dem Wei­ßen Haus auf­ge­tra­gen, ein Teil sogar in “Black Live Mat­ter Pla­za” umbe­nannt.
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  • Auf Insta­gram wur­den am Diens­tag lee­re, schwar­ze Bil­der gepos­tet. Die Akti­on mit dem Namen #The­Show­Mus­t­Be­Pau­sed ver­fehl­te jedoch spä­tes­tens dann ihren eigent­lich Zweck, als plötz­lich alle auf­spran­gen und den Hash­tag #Black­Live­s­Mat­ter durch Mil­lio­nen schwar­zer Bil­der unbe­nutz­bar mach­ten. Ich war ver­duzt: Plötz­lich schie­nen alle in mei­ner Time­li­ne poli­tisch – von der Yoga-Leh­re­rin bis zum Food­porn-Influ­en­cer. Wenn es so wäre und sich hier poli­ti­sche Gestal­ten ver­bar­gen, war­um wer­den sie dann jetzt erst aktiv? Wo waren sie die let­zen drei­ein­halb Jahr unter Trump? Wo waren sie nach Kas­sel, Hal­le und Hanau?

Nach der Bazoo­ka kommt der Wumms

Ich bin ein genau so gro­ßer Freund von prä­gnan­ter Spra­che, wie ich selbst an ihr schei­te­re. Olaf Scholz ist mir da weit vor­aus. Nach sei­ner “Bazoo­ka” gegen den initia­len Ein­bruch der Wirt­schaft zu Beginn der Coro­na-Pan­de­mie kommt jetzt der “Wumms”. Ein schwung­vol­ler Tritt also, der die Wirt­schaft wie­der vita­li­sie­ren soll.

Das Maß­nah­men­pa­ket dafür hat der Koali­ti­ons­aus­schuss am Mitt­woch vor­ge­stellt. Ein Zusam­men­fas­sung der ver­schie­de­nen Maß­nah­men hat der Spie­gel erstellt.

Am über­ra­schends­ten ist die tem­po­rä­re Her­ab­set­zung der Mehr­wert­steu­er von 19 auf 16 Pro­zent bzw. 7 auf 5 Pro­zent. Wie wenig viel mehr dadurch bei den Verbraucher:innen lan­det, habe ich in einem klei­nen Blog­post auf­ge­schlüs­selt:

Alles in allem fin­de ich das Kon­junk­tur­pa­ket gelun­gen – das Wort “Kli­ma” kommt im Beschluss­pa­pier gan­ze zehn Mal vor, das Wort “Auto­prä­mie” kein ein­zi­ges Mal.

Mich ärgert viel eher die Ein­stel­lung zu Staats­ver­schul­dung, die Aus­druck wur­de in den Kom­men­ta­ren vie­ler, dass das Kon­junk­tur­pa­ket zu Las­ten künf­ti­ger Genera­tio­nen gin­ge. Hier könn­te ich jetzt ein Plä­doy­er hal­ten für eine neue Dok­trin der Staats­ver­schul­dung und moderne(re) Geld­po­li­tik. Das spa­re ich mir aller­dings für einen län­ge­ren Blog­post … In der Zwi­schen­zeit emp­feh­le ich eine klei­ne Eigen­re­cher­che über die “Modern Mone­ta­ry Theo­ry”.

Damit ver­ab­schie­de ich mich dann für die­se Woche.

Du kannst mir einen Rie­sen­ge­fal­len tun, indem Du den News­let­ter teilst und abon­nierst, soll­te das nicht schon der Fall sein.

Wenn Du Anre­gun­gen oder Fra­gen hast, kannst Du ein­fach auf die E‑Mail ant­wor­ten und wir kön­nen ins Gespräch kom­men. Ich freue mich!

Vie­le Grü­ße
Domi­nik Lawetz­ky

PS: Die nächs­te Aus­ga­be erscheint erst am Mon­tag, den 15. Juni.

Weiterlesen Poli­ti­sche Wochen­schau: Nein.

Wie viel Erspar­nis wäre mit der Mehr­wert­steu­er­sen­kung mög­lich?

  • Beitrags-Kategorie:Politik
  • Lesedauer:2 Minuten zum Lesen

Ges­tern Abend stell­ten Uni­on und SPD ihre Maß­nah­men zur Anre­gung der Kon­junk­tur vor. Das Kon­junk­tur­pa­ket – „Coro­na-Fol­gen bekämp­fen, Wohl­stand sichern, Zukunfts­fä­hig­keit stär­ken“ – soll die Wirt­schaft, aber vor allem die Pri­vat­haus­hal­te ent­las­ten und damit die Kon­junk­tur sti­mu­lie­ren.

Über­ra­schen­der­wei­se sieht der Beschluss des Koali­ti­ons­aus­schus­ses auch eine Sen­kung der Mehr­wert­steu­er vor. Die Mehr­wert­steu­er muss auf alle Kon­sum­gü­ter und Dienst­leis­tun­gen gezahlt wer­den – ange­fan­gen vom Kaf­fee bis hin zur Fahr­rad­re­pa­ra­tur.

„Zur Stär­kung der Bin­nen­nach­fra­ge in Deutsch­land wird befris­tet vom 1.7.2020 bis zum 31.12.2020 der Mehr­wert­steu­er­satz von 19% auf 16% und von 7% auf 5% gesenkt.“

Aus­zug aus dem Beschluss­pa­pier des Koali­ti­ons­aus­schus­ses

Nun stellt sich die Fra­ge, wie ent­las­tend eine sol­che Mehr­wert­steu­er­sen­kung tat­säch­lich ist.

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