Simu­la­ti­on: Nur vier Kon­tak­te

Ein Groß­teil der Men­schen in Deutsch­land (und fast allen ande­ren Staa­ten) hat in den letz­ten zwei Mona­ten, „wo immer es mög­lich ist, auf Sozi­al­kon­tak­te ver­zich­tet“. Neben den recht­li­chen Rege­lun­gen (max. X Per­so­nen aus X Haus­hal­ten), die nur ein­ge­schränkt kon­trol­liert wer­den kön­nen, lohnt sich ein Blick auf die weni­gen pri­va­ten Kon­tak­te, die uns viel­leicht unver­zicht­bar erschei­nen.

Ich möch­te an die­ser Stel­le aus­drück­lich dar­auf hin­wei­sen, dass es nicht nur legi­tim, son­dern auch drin­gend erfor­der­lich ist, in die­ser schwie­ri­gen Zeit auf sozia­le Kon­ta­ke zurück­zu­grei­fen. Nicht jeder sozia­le Kon­takt muss phy­sisch statt­fin­den.​*​ (Dar­um soll­ten wir uns auch ange­wöh­nen, von Phy­si­cal Distancing zu spre­chen statt fälsch­li­cher­wei­se von Social Distancing.) Phy­si­scher Kon­takt wird nie­mals durch digi­ta­le Kon­takt­for­men wie Video­te­le­fo­nie zu erset­zen sein, da die Unmit­tel­bar­keit des Kon­takts und häu­fig auch die Berüh­rung nicht digi­tal simu­liert wer­den kön­nen.

Auf der ande­ren Sei­te beob­ach­te ich, dass eini­ge den Zusam­men­hang von Infek­ti­ons­ri­si­ko bzw. ‑über­tra­gun­gen und der Anzahl der engen phy­si­schen Kon­tak­te unter­schät­zen. Man tref­fe sich doch nur mit vier Freund:innen, das sei ja noch in Ord­nung.

Im Gegen­satz zu den Gefah­ren​†​, die eine Pan­de­mie mit sich bringt, las­sen sich die Risi­ken​‡​ rela­tiv gut bestim­men und (meis­tens) sinn­voll kom­mu­ni­zie­ren.

Wie hoch ist also das Risi­ko, ande­re zu infi­zie­ren, rela­tiv zur Anzahl der engen phy­si­schen Kon­tak­te?

Für die Simu­la­ti­on gehe ich davon aus, dass der Index­pa­ti­ent („Pati­ent 0“) vier Freund:innen regel­mä­ßig trifft und mit zwei wei­te­ren Per­so­nen in einem Haus­halt lebt. Außer­dem ver­wen­de ich als Basis­re­pro­duk­ti­ons­zahl den Wert 3. Das heißt, jede:r Infizierte:r steckt etwa drei wei­te­re Per­so­nen an (natür­lich nur, solan­ge über­haupt so vie­le enge phy­si­sche Kon­tak­te bestehen).

Rot dar­ge­stellt sind alle von SARS-CoV‑2 Infi­zier­ten; weiß die nicht-infi­zier­ten engen phy­si­schen Kon­tak­te (pri­mär) und deren enge phy­si­schen Kon­tak­te (sekun­där):

Der Index­pa­ti­ent steckt zwei von sei­nen vier Freund:innen und eine der zwei wei­te­ren in sei­nem Haus­halt leben­den Per­so­nen an (Sum­me: 3). Die bei­den Freund:innen haben jedoch auch acht enge phy­si­sche Kon­tak­te und über­tra­gen das Virus – nach ent­spre­chen­der Inku­ba­ti­on – wie­der­um an fünf (Sum­me: 8). Die im Haus­halt des Index­pa­ti­ents infi­zier­te Per­son infi­ziert das wei­te­re Haus­halts­mit­glied und einen sei­ner zwei wei­te­ren engen phy­si­schen Kon­tak­te (Sum­me: 10). Die Infek­ti­on ver­brei­tet sich wei­ter, wobei die Zahl der Träger:innen expo­nen­ti­ell steigt …

Pri­mä­re Über­tra­gun­gen
Sekun­dä­re Über­tra­gun­gen

Aus nur vier Freund:innen kön­nen folg­lich pro­blem­s­los dop­pelt so vie­le Über­tra­gun­gen resul­tie­ren. Nur, wenn alle vier Freund:innen sich kon­se­quent auf den glei­chen Freun­des­kreis beschrän­ken, stei­gen die Über­tra­gun­gen nicht expo­nen­ti­ell, son­dern brem­sen aus.

Die Simu­la­ti­on ist stark ver­ein­facht und lässt etli­che Fak­to­ren unbe­rück­sich­tigt (von außen in das Kon­takt­netz ein­ge­tra­ge­ne Infek­ti­on; recht­zei­ti­ge Iso­la­ti­on der engen phy­si­schen Kon­tak­te nach Bekannt­wer­den der Infek­ti­on beim Index­pa­ti­ent; dem gegen­über die hohe Anzahl an asym­pto­ma­ti­schen Ver­läu­fen, bei denen die Infek­ti­on über­haupt nicht fest­ge­stellt wer­den kann etc.). Den­noch sen­si­bi­li­siert sie dar­auf, wie wich­tig das Mini­mie­ren enger phy­si­scher Kon­tak­te ist.


  1. ​*​
    Sozia­le Kon­tak­te sind mit­un­ter einer der wich­tigs­ten Coping-Mecha­nis­men.
  2. ​†​
    Gefah­ren sind die all­ge­mei­nen nega­ti­ven Aus­wir­kun­gen, also Schä­den, die ein Phä­no­men ver­ur­sacht.
  3. ​‡​
    Risi­ken sind (anders als Gefah­ren) bere­chen­bar. Ein Risi­ko ist also eine kon­kre­te Wahr­schein­lich­keit dafür, dass ein Scha­den ein­tritt. Die­se Wahr­schein­lich­keit wird meist sta­tis­tisch erfasst.