Essay: “Die meis­ten Men­schen haben einen Schnup­fen.”

Die Coro­na-Roman­tik ist ein Sym­ptom der Wahr­neh­mungs­stö­rung, die unse­re Rea­li­tät ver­zerrt. In ihrem Essay for­dern Eme­ly Dil­chert und Domi­nik Lawetz­ky, dem einen neu­en Expres­sio­nis­mus ent­ge­gen­zu­stel­len.

„Ich wer­de das gemein­sa­me Dra­ma ver­mis­sen. Ja, das haben wir durch­lebt, ein gemein­sa­mes Dra­ma. […] Ich wer­de auch den Coro­na-Spa­zier­gang ver­mis­sen. Was für ein Spa­zier­gang! […] Wir haben das Uni­ver­sum mit einem ande­ren Blick betrach­tet. Wie sehr haben wir die Natur geehrt! Wel­che Blu­men haben wir stu­diert, in wel­chen Düf­ten sind wir ertrun­ken.”

Rea Vita­li, Prot­a­go

Man­che Men­schen leben in einer Welt, die nicht die hie­si­ge zu sein scheint. Eine Welt so kun­ter­bunt, so grü­nend und strah­lend, so lebens­froh und bezwit­schert, dass sie schon fast ins Unwirk­li­che abdrif­tet. In die­ser Welt ist Zeit nicht Geld, son­dern Antrieb; das täg­li­che Kochen nicht Stress, son­dern Life­style; das digi­ta­le Home-Office nicht Belas­tung, son­dern Frei­heit. Die in ihr leben, sind die Fla­neu­re der Moder­ne.

Aber wer kann sich das Fla­neur­sein leis­ten? Ist nicht eigent­lich Pan­de­mie, Phy­si­cal Distancing und Hand­hy­gie­ne? Erzeu­gen hier eini­ge eine Roman­tik, wo es eigent­lich eines neu­en Expres­sio­nis­mus bedürf­te?

Wie die Päd­ago­gen zu sagen pfle­gen: Wagen wir einen Per­spek­tiv­wech­sel. Schau­en wir auf die Inten­siv­sta­tio­nen Deutsch­lands – nein der Welt, es ist ja Pan­de­mie. Da lie­gen sie, die es erwischt hat. Schau­en wir, wer heu­te erstickt. Oder die Restau­rant­be­trei­be­rin. Sie lebt ihren Traum eines eige­nen klei­nen ita­lie­ni­schen Restau­rants, das mit die­sen süßen Tisch­de­cken und der kit­schi­gen Musik. Nur lei­der wur­de er zum Alb­traum. Sie daheim, alle daheim. Dann ist da noch die Mut­ter, die berühmt berüch­tig­te Allein­er­zie­hen­de mit ihren zwei Kin­dern. Ges­tern war sie noch Mut­ter, heu­te ist sie Büro­ma­na­ge­rin, Digi­tal­ex­per­tin, Haus­häl­te­rin – und nicht zu ver­ges­sen: Grund­schul- und Gym­na­si­al­leh­re­rin. Wo ist die Mut­ter?

Haben wir vor lau­ter Hän­de­des­in­fek­ti­on auch unse­re Empa­thie weg­des­in­fi­ziert oder war die nie da?

“Das Mit­leid bleibt immer das­sel­be Gefühl, ob man es für einen Men­schen oder für eine Flie­ge emp­fin­det. Der dem Mit­leid zugäng­li­che Mensch ent­zieht sich in bei­den Fäl­len dem Ego­is­mus und erwei­tert dadurch die mora­li­sche Befrie­di­gung sei­nes Lebens.”

Lew Niko­la­je­witsch Graf Tol­stoi

Die Coro­na-Roman­tik ist der wenig rühm­li­che Höhe­punkt einer Gesell­schaft von Nar­zis­ten. Selbst die fünf Minu­ten, die wir abends applau­die­ren, sind für uns – unse­re Kathar­sis. Die bil­li­gen wir uns zu, es erleich­tert uns. Dank­bar sind wir, ja klar. Wäre auch schlimm, wenn nicht. Schlimm sind wir den­noch.

Wir reden von Sys­tem­re­le­vanz, mei­nen aber Burn-out. Dann schwa­feln wir von Soli­da­ri­tät. Aber bit­te nur mit Fuß­ball­bun­des­li­ga, das soll man uns gön­nen.

Wir? Das sind die, die quietsch­fi­del Feuil­le­ton lesen, statt Bus­se zu fah­ren oder Bett­pfan­nen zu wech­seln. Haben wir es schwer? Hat­ten wir es je schwer?

Wir lei­den an einer Wahr­neh­mungs­stö­rung, die unse­re Rea­li­tät ver­zerrt – so sehr, dass wir wirk­lich mei­nen, zu lei­den. Ohn­mäch­tig suh­len wir uns im Shut­down unse­res kri­ti­schen Denk­ver­mö­gens. Die Sys­tem­re­le­van­ten schuf­ten schließ­lich wei­ter. Läuft doch!

Der­weil erin­nern wir uns an den „Coro­na-Spa­zier­gang“. Was ein Leben!

Die Gesell­schaft ist wie ein Kör­per. Man­che Orga­ne sind auf den ers­ten Blick wich­ti­ger, zum Bei­spiel Herz und Leber. Die sind wohl sys­tem­re­le­vant. Ande­re Orga­ne sind red­un­dant, so die Nie­re. Wie­der ande­re dün­ken uns unwich­tig. Machen wir uns nichts vor: Was ist ein Herz, ohne Blut, das es durch­strömt. Was ist eine Leber, ohne Magen, des­sen Inhalt sie ent­gif­tet. Was sind Orga­ne ohne Haut, die sie über­zieht. Begrei­fen wir Gesell­schaft end­lich holis­tisch. Wir alle sind sys­tem­re­le­vant.

Nein, hören wir auf zu ver­klä­ren! Trau­en wir uns doch die Rea­li­tät zu, und wenn wir an ihr ver­re­cken, dann füh­len wir wenigs­tens end­lich, was Leben heißt.

Der Expres­sio­nist Jakob van Hod­dis schaff­te eine beein­dru­cken­de Pro­lep­sis, heißt es doch in sei­nem Gedicht Welt­un­ter­gang von vor 109 Jah­ren: “Die meis­ten Men­schen haben einen Schnup­fen.”

Hin­ter­grund zu Eme­ly Dil­chert und dem Essay

Eme­ly Dil­chert (20) stu­diert Sozio­lo­gie an der Johan­nes Guten­berg-Uni­ver­si­tät Mainz. Durch ihr poli­ti­sches Enga­ge­ment bei Fri­days for Future kreuz­ten sich ihr Weg und der von Domi­nik Lawetz­ky. Als ihr vor zwei Wochen eine Zei­tungs­ka­ri­ka­tur unan­ge­nehm auf­fiel, reg­te sie eine gemein­sa­me Refle­xi­on über den Gesell­schafts­zu­stand an. Der Essay ist das Pro­dukt die­ser gemein­sa­men Refle­xi­on.

Bild: Eme­ly Dil­chert

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