Poli­ti­sche Wochen­schau: Hefe zum Selbst­her­stel­len (KW 16)

Letz­te Woche begann ich an die­ser Stel­le mit dem Satz: „Die poli­ti­sche Wochen­schau expan­diert.“ Das hat sich eigent­lich nur dar­auf bezo­gen, dass der E‑Mail-Ver­sand hin­zu­kam, hät­te sich jedoch glei­cher­ma­ßen auf die Län­ge der letz­ten Wochen­schau bezie­hen kön­nen.

Coronavirus illustriert in einer Zeitschrift und ein Mund-Nasen-Schutz
Bild: Pixabay

Die­se Woche wer­de ich es kür­zer hal­ten und mich auf zwei The­men (und ein paar Rand­no­ti­zen) beschrän­ken:

  • das COVID-19 Snapshot Moni­to­ring und
  • die ein­zig sinn­vol­le Stra­te­gie gegen das Virus.

Ermü­dungs­er­schei­nun­gen

Das COVID-19 Snapshot Moni­to­ring (kurz: COSMO) ist ein wis­sen­schaft­li­ches Pro­jekt der Uni­ver­si­tät Erfurt, bei dem mit­tels „wiederholte[m] quer­schnitt­li­chen Moni­to­ring“ die „psy­cho­lo­gisch Lage“ der Bevöl­ke­rung erfasst wer­den soll. In mitt­ler­wei­le sie­ben Daten­er­he­bun­gen haben die Wissenschaftler:innen jeweils ca. 1000 Befra­gun­gen durch­ge­führt, bei denen die Ängs­te und Sor­gen, das Wis­sen und Ver­hal­ten und vor allem das Ver­trau­en der Bevöl­ke­rung abge­fragt wer­den. Anschlie­ßend lei­ten die Wissenschaftler:innen aus den Ergeb­nis­sen stra­te­gi­sche Emp­feh­lun­gen ab.

Bereits in der sechs­ten Daten­er­he­bung von letz­ter Woche trat zuta­ge, dass die Akzep­tanz der Maß­nah­men zu sin­ken beginnt. Die­ser Befund bestä­tigt sich in der neus­ten Erhe­bung:

„Trotz der rela­tiv hohen Risi­ko­wahr­neh­mung tre­ten ‚Ermü­dungs­er­schei­nun­gen‘ im Zusam­men­hang mit der Akzep­tanz der Maß­nah­men auf: Die Maß­nah­men sind immer noch gut akzep­tiert, die Zustim­mung sinkt aber kon­ti­nu­ier­lich. Bei­spiels­wei­se ging die Akzep­tanz zu Maß­nah­men der Schlie­ßung von Gemein­schafts­ein­rich­tun­gen im Ver­gleich zur Vor­wo­che noch­mal zurück.“

COSMO, 17.04.2020

Zur sin­ken­den Akzep­tanz der Maß­nah­men in der Bevöl­ke­rung dürf­te mit Sicher­heit bei­tra­gen, dass sich bei der Fra­ge nach dem „Exit“ ein Fli­cken­tep­pich der Bun­des­län­der auf­tut. Nord­rhein-West­fa­len möch­te sei­ne Schu­len für die Abschluss­klas­se bereits am kom­men­dem Don­ners­tag, den 23. April öff­nen. Bay­ern hin­ge­gen möch­te mit sol­chen Öff­nun­gen min­des­tens eine Woche län­ger war­ten. Unei­nig­kei­ten bestehen auch bei der Öff­nung von Geschäf­ten und Möbel­häu­sern

Eige­ne Gra­fik

Ja, dass regio­na­le Gege­gen­hei­ten bei der schritt­wei­se Locke­rung des „Shut­downs“ berück­sich­tigt wer­den, ist nicht nur aus föde­ra­ler Sicht ver­ständ­lich, son­dern auch epi­de­mio­lo­gisch sinn­voll. In der drit­ten Ad-hoc-Stel­lung­nah­me der Leo­pol­di­na vom 13. April heißt es dazu:

In Regio­nen mit nied­ri­gen Infek­ti­ons­ra­ten und gerin­gem Ver­brei­tungs­po­ten­ti­al könn­ten ein­schrän­ken­de Maß­nah­men, ggf. auch spe­zi­fisch für ein­zel­ne Per­so­nen­grup­pen, gelo­ckert wer­den.

Bay­ern weist mehr als 30 Mal so vie­le bestä­tig­te COVID-19-Fäl­le auf wie Meck­len­burg-Vor­pom­mern (bei nur etwa drei Mal so hoher Bevöl­ke­rungs­dich­te) – das schlägt sich bei der Risi­ko­be­wer­tung nie­der. Den­noch dürf­te die­ser Flick­ten­tep­pich (irra­tio­nal­er­wei­se) zu Unver­ständ­nis und Ver­är­ge­rung füh­ren. Die Maß­nah­men könn­ten als will­kür­lich wahr­ge­nom­men wer­den, was wie­der­um die Akzep­tanz redu­zie­ren wür­de. Beson­ders bemit­tel­te Mit­men­schen könn­ten auf die Idee kom­men, ihr Inte­rior in einem ande­ren Bun­des­land ein­zu­kau­fen …

Inter­es­sant ist auch, dass die Wahr­neh­mung der indi­vi­du­el­len Bedro­hung durch das Virus seit Anfang März zuge­nom­men hat und aktu­ell sta­gniert (Abb. 1), wobei die Angst vor dem Virus seit Anfang April zurück­geht (Abb. 2). Es zeigt sich eine nicht unty­pi­sche Ambi­va­lenz zwi­schen Wis­sen und Gefüh­len. Das könn­te auf Ermü­dungs­er­schei­nun­gen, eine soge­nann­te desas­ter fati­gue (bzw. com­pas­si­on fati­gue), hin­deu­ten.

Leh­ren aus der Evo­lu­ti­on

Ich bin kein Freund eng­stir­ni­ger Ana­ly­sen, die den Blick über den Hori­zont des eige­nen Fach­ge­biets hin­aus scheu­en. Inter­dis­zi­pli­na­ri­tät ist die Wis­sen­schafts­kom­pe­tenz des 21. Jahr­hun­derts. Die­se Woche habe ich mich in einem Essay genau dar­in ver­sucht – die Leit­fra­ge: Was kön­nen wir aus der Evo­lu­ti­on (des Men­schen) ler­nen, das uns in die­ser exis­ten­zi­el­len Kri­se hel­fen kann?

Dem Homo sapi­ens ist in den ver­gan­ge­nen 300.000 Jah­ren Erstaun­li­ches gelun­gen. Ihn unter­schei­det von allen ande­ren Spe­zi­es, dass er sich wei­test­ge­hend von sei­ner Umwelt unab­hän­gig gemacht hat. Die­se Unab­hän­gig­keit hat er durch sei­ne nahe­zu unbe­grenz­te Fähig­keit zur Anpas­sung (Adap­t­ati­on) an äuße­re Gege­ben­hei­ten, die sich auf sein (Über-)Leben aus­wir­ken, gewon­nen. Heu­te besie­delt der Homo sapi­ens alle Win­kel der Welt – von der sibi­ri­schen Käl­te­wüs­te bis zu den äqua­to­ria­len Gegen­den Süd­ame­ri­kas.

Der Schlüs­sel zum bei­spiel­lo­sen evo­lu­tio­nä­ren Erfolg des Homo sapi­ens könn­te simp­ler nicht sein: Koope­ra­ti­on.

Umso erschre­cken­der ist mit anzu­se­hen, dass eini­ge gera­de das kras­se Gegen­teil davon prak­ti­zie­ren. Eini­ge Leu­te hams­tern nach wie vor Mehl, Nudeln und neu­er­dings auch Hefe (als wären jetzt alle unter die Bäcker:innen gegan­gen). Mein Rewe-Markt um die Ecke rät nun, eige­ne Hefe anzu­set­zen – es ist nur eine Fra­ge der Zeit, bis auch das dafür benö­tig­te Wei­zen­bier aus­geht.

Kühlregel ohne Hefe, dafür mit einem Rezept zum Selbtmachen
Kei­ne Hefe im Kühl­re­gel
Eige­nes Bild

Ich möch­te Ihnen an die­ser Stel­le noch­mal expli­zit mei­nen inter­dis­zi­pli­nä­ren Essay mit dem Titel „Gemein­sam gegen das Virus“ emp­feh­len, in dem ich en détail dar­le­ge, war­um Koope­ra­ti­on das A und O im Kampf gegen das Coro­na­vi­rus ist.

Emp­feh­lung: Immer sind die ande­ren schuld

US-Prä­si­dent Trump gab die­se Woche bekannt, die World Health Orga­niz­a­ti­on (WHO) nicht län­ger mit­fi­nan­zie­ren zu wol­len. Sei­ne Begrün­dung: „So much death has been cau­sed by their mista­kes“. Immer sind die ande­ren schuld. Das kommt einem bekannt vor – von Klein­kin­dern.

Die New York Times ver­öf­fent­lich­te drei Tage vor Trumps Ankün­di­gung eine aus­führ­li­che Auf­ar­bei­tung der Reak­ti­on der US-Regie­rung auf das Virus:

„Faced with the relent­less march of a dead­ly patho­gen, the dis­agree­ments and a lack of long-term plan­ning had signi­fi­cant con­se­quen­ces. They slo­wed the president’s respon­se and resul­ted in pro­blems with exe­cu­ti­on and plan­ning, inclu­ding delays in see­king money from Capi­tol Hill and a fail­u­re to begin broad sur­veil­lan­ce tes­ting.“

An dem Text haben fünf Pulitzerpreis-Träger:innen mit­ge­wirkt. Muss ich mehr sagen?

Haben Sie einen guten Start in die neue Woche und blei­ben Sie gesund!