Essay: Gemein­sam gegen das Virus

Ein Virus, SARS-CoV‑2, bedroht uns auf außer­ge­wöhn­li­che Wei­se. Wir sind nicht mehr gewohnt, eine kon­kre­te Bedro­hung aus unse­rer Umwelt zu erfah­ren. Dafür gibt es gute Grün­de. Aller­dings müs­sen wir uns im Ange­sicht die­ser Bedro­hung bewusst machen, wel­che das sind.

Viren bedrohen einen Menschen, der sich vor diesen in Deckung bringt
Bild: Pixabay

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Dem Homo sapi­ens ist in den ver­gan­ge­nen 300.000 Jah­ren Erstaun­li­ches gelun­gen. Ihn unter­schei­det von allen ande­ren Spe­zi­es, dass er sich wei­test­ge­hend von sei­ner Umwelt unab­hän­gig gemacht hat. Die­se Unab­hän­gig­keit hat er durch sei­ne nahe­zu unbe­grenz­te Fähig­keit zur Anpas­sung (Adap­t­ati­on) an äuße­re Gege­ben­hei­ten, die sich auf sein (Über-)Leben aus­wir­ken, gewon­nen. Heu­te besie­delt der Homo sapi­ens alle Win­kel der Welt – von der sibi­ri­schen Käl­te­wüs­te bis zu den äqua­to­ria­len Gegen­den Süd­ame­ri­kas.

Wun­der der Anpas­sung

Um zu ver­ste­hen, woher der Homo sapi­ens die­se Gabe zur Anpas­sung hat, nützt es wenig, das Indi­vi­du­um iso­liert zu betrach­ten: Eigent­lich feh­len uns die Reiß­zäh­ne, um Fleisch zu ver­zeh­ren, den­noch haben wir Wege gefun­den, uns die­se effi­zi­en­te Nahr­stoff­quel­le nutz­bar zu machen. Unse­re Vor­fah­ren ent­deck­ten, dass Fleisch durch das Bra­ten über dem Feu­er oder das Kochen in erhitz­tem Was­ser bes­ser ver­zehr­bar war und auch schmeck­te – Grill­par­tys und Koch­schin­ken waren erfun­den. Ande­re schnit­ten das Fleisch mit selbst­ge­bau­ten Werk­zeu­gen in klei­ne Schei­ben, die leich­ter zu kau­en waren – der Vor­gän­ger des Car­pac­ci­os. Eigent­lich fehlt uns auch das dicke Fell, um in den ‑40 °C der sibi­ri­schen Käl­te­wüs­te zu über­le­ben. Doch auch dafür ent­wi­ckel­ten wir einen Work­around: Wir eig­ne­ten uns die Fel­le der Tie­re an, die wir ver­zehr­ten. Ver­mut­lich vor etwa 30.000 Jah­ren näh­ten wir uns unse­re ers­ten eige­nen Klei­der aus den Fasern von Wild­pflan­zen wie Lei­nen und Hanf ​(Kva­vad­ze et al., 2009)​.

Der Schlüs­sel zum bei­spiel­lo­sen evo­lu­tio­nä­ren Erfolg des Homo sapi­ens ist sein Koope­ra­ti­ons­ver­mö­gen. Der Anthro­po­lo­ge Bri­an A. Ste­wart fass­te die Ergeb­nis­se einer Aus­wer­tung zur öko­lo­gi­schen Nische des frü­hen Homo sapi­ens, die er gemein­sam mit Patrick Roberts 2018 in Natu­re Human Beha­viour publi­zier­te, fol­gen­der­ma­ßen zusam­men:

„Non-kin food sharing, long-distance exchan­ge, and ritu­al rela­ti­ons­hips would have allo­wed popu­la­ti­ons to ‘refle­xi­vely’ adapt to local cli­ma­tic and envi­ron­men­tal fluc­tua­tions, and out­com­pe­te and replace other homi­nin spe­ci­es.“

Wir, die Unbe­sieg­ba­ren

Der Homo sapi­ens war im Lau­fe der Evo­lu­ti­on immer wie­der exis­ten­zi­el­len Bedro­hun­gen aus­ge­setzt – Fress­fein­den, Umwelt­ka­ta­stro­phen und natür­li­chen Kli­ma­ver­än­de­run­gen. Durch koope­ra­ti­ves Ver­hal­ten, das häu­fig über die sozia­le Eigen­grup­pe hin­aus­ging, erwies er sich die­sen Bedro­hun­gen gegen­über wider­stands­fä­hig. Mit der neo­li­thi­schen und ins­be­son­de­re der indus­tri­el­len Revo­lu­ti­on ent­kop­pel­te sich der Homo sapi­ens schluss­end­lich von den Deter­mi­nan­ten sei­nes Lebens­raum (was wei­te­re Pro­ble­me wie den anthro­po­ge­nen Kli­ma­wan­del mit sich bringt). Es stell­te sich ein Gefühl von Unbe­sieg­bar­keit ein: Der Mensch, der über alles erha­ben ist. Die moder­ne Gen­tech­nik steht in den Start­lö­chern, sogar die End­lich­keit des Men­schen zu über­win­den. Gläu­bi­ge wür­den pre­di­gen, der Mensch erhe­be sich zuse­hends zu sei­nem eige­nen Gott, dem Homo deus (Yuval Noah Hara­ri).

Die­se Hybris stellt sich heu­te als ver­hee­rend her­aus. Denn wir sind bedroht durch einen unse­rer größ­ten gemein­sa­men evo­lu­tio­nä­ren Fein­de. Ein Virus, das unse­re Zel­len befällt; sein vira­les Erb­gut in die­se inji­ziert, um unse­ren Zellap­pa­rat als Repro­duk­ti­on­ma­schi­ne zu nut­zen, und uns dabei krank­macht und schlimms­ten­falls tötet.

„Life against life—no dif­fe­rent than humans batt­ling megafau­nal lions, tigers, and bears to domi­na­te our pla­net. Invi­si­ble patho­gens, in con­trast, attack the respi­ra­to­ry, diges­ti­ve, and repro­duc­ti­ve sys­tems of hosts not by chan­ce, but tac­ti­cal­ly to maxi­mi­ze their spread and sur­vi­val. Patho­gens are as impres­si­ve at being patho­gen sel­fi­sh gene machi­nes as we are at being human sel­fi­sh gene machi­nes.“

Mark Bert­ness, emi­ri­tier­ter Pro­fes­sor für Bio­lo­gie an der Brown Uni­ver­si­ty

Selek­tiv ange­passt hat SARS-CoV‑2 eine rela­tiv hohe Über­trag­bar­keit (Infek­tio­si­tät) bei einer Sym­pto­ma­tik, die teil­wei­se unbe­merkt bleibt und somit die Ver­brei­tung des Virus begüns­tigt. Der Wirt bleibt trotz Infek­ti­on mobil und über­trägt das Virus so an vie­le sei­ner Mit­men­schen. Das Virus braucht uns, um sich zu repro­du­zie­ren. Der Repro­duk­ti­ons­er­folg (Fit­ness) ist das all­ge­mei­ne Erfolgs­maß der Evo­lu­ti­on, SARS-CoV‑2 schnei­det bis jetzt sehr gut dar­in ab.

Viren zie­len nicht dar­auf ab, ihren Wirt zu töten. Eine höhe­re Leta­li­tät kor­re­liert regel­mä­ßig mit einer gerin­ge­ren Infek­tio­si­tät. Das muss uns klar sein, um stra­te­gisch sinn­voll gegen das Virus vor­zu­ge­hen.

Wir, die Welt­ge­mein­schaft

SARS-CoV‑2 ist ein hoch­ef­fek­ti­ver Ein­zel­kämp­fer. Doch wir sind hoch­ef­fek­ti­ve Gemein­schafts­kämp­fer, das unter­schei­det unse­re Spe­zi­es von allen ande­ren. Wir müs­sen mit aller Macht gemein­schaft­lich han­deln, dür­fen unter kei­nen Umstän­den Ego­is­men – wie mas­sen­haf­te Hams­ter­käu­fe – oder natio­na­le Allein­gän­ge – wie Aus­fuhr­ver­bo­te für medi­zi­ni­sche Hilfs­mit­tel – gut­hei­ßen. Wir müs­sen uns als Gemein­schaft orga­ni­sie­ren. Egal, ob im enge­ren Sin­ne als Fami­lie und Nach­bar­schaft oder wei­ter gedacht als glo­ba­le Gemein­schaft. Teil die­ser glo­ba­len Gemein­schaft ist das inter­na­tio­na­le Gesund­heits­re­gime, an des­sen vor­ders­ter Front die World Health Orga­niz­a­ti­on (WHO) steht. Ein US-Prä­si­dent, der die­ser Orga­ni­sa­ti­on den Boden unter den Füßen weg­zieht, indem er 15 Pro­zent ihrer Mit­tel für nich­tig erklärt, fügt jedem ein­zel­nen im Kampf gegen eine exis­ten­zi­el­le Bedro­hung Scha­den zu.

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Die­ser Tage müs­sen wir zusam­men­hal­ten, dann wer­den wir das Virus als Welt­ge­mein­schaft besie­gen. Alles ande­re könn­te unse­ren Nie­der­gang bedeu­ten!

  1. Kva­vad­ze, E., Bar-Yosef, O., Bel­fer-Cohen, A., Boaret­to, E., Jake­li, N., Mats­ke­vich, Z., & Mesh­ve­lia­ni, T. (2009). 30,000-Year-Old Wild Flax Fibers. Sci­ence, 1359–1359. https://​doi​.org/​1​0​.​1​1​2​6​/​s​c​i​e​n​c​e​.​1​1​7​5​404