Der „Ral­ly ‘round the flag“-Effekt

Die Zustim­mungs­wer­te – erfragt in der „Sonn­tags­fra­ge“ – für die Regie­rungs­par­tei­en CDU/​CSU und SPD stei­gen seit Mit­te März signi­fi­kant. Das ist wäh­rend einer Kri­se die­ses Aus­ma­ßes nicht unge­wöhn­lich. In der Poli­tik­wis­sen­schaft spricht man hier von einem „Ral­ly ‘round the flag“-Effekt: die Bevöl­ke­rung ver­sam­melt sich um ihre poli­ti­sche Füh­rung. Aus gege­be­nem Anlass möch­te ich die­ses Phä­no­men kurz und mit aller nöti­gen Ver­ein­fa­chung erklä­ren.

Ergeb­nis­se der „Sonn­tags­fra­ge“ versch. Insti­tu­te zu untersch. Erfas­sungs­zeit­punk­ten 30-Tage-Ansicht (Quel­le: Sta­tis­ta)
Ergeb­nis­se der „Sonn­tags­fra­ge“ (Infra­test Dimap) in einer Sechs-Monats­an­sicht

Beson­ders gut doku­men­tiert ist der „Ral­ly ‘round the flag“-Effekt in der US-ame­ri­ka­ni­schen Poli­tik, was mit der dor­ti­gen poli­ti­schen Kul­tur zusam­men­hän­gen dürf­te (zen­tra­lis­ti­scher, patrio­tis­ti­scher und per­so­na­li­sier­ter):

„For the most part, chan­ges in pre­si­den­ti­al appro­val tend to be rela­tively modest in scope, but the afo­re­men­tio­ned spike in popu­la­ri­ty enjoy­ed by Geor­ge Bush repres­ents a dra­ma­tic excep­ti­on to this rule. Such effects—often refer­red to as rally-’round-the-flag effects—are not com­mon, but they have been exten­si­ve­ly docu­men­ted by poli­ti­cal sci­en­tists when they do, in fact, occur.“

​(Lam­bert et al., 2011)​

Die Stun­de der Exe­ku­ti­ve

Der „Ral­ly ‘round the flag“-Effekt lässt sich sozio­lo­gisch (ver­ein­facht!) erklä­ren: In einer Kri­se stre­ben die meis­ten danach, die Ver­ant­wor­tung für die Kri­sen­be­wäl­ti­gung an eine Instanz aus­zu­la­gern, die sich in der Ver­gan­gen­heit bereits „bewährt“ hat und folg­lich dazu imstan­de scheint, auch die­se Kri­se zu bewäl­ti­gen. Das lässt sich auch im mikro­so­zio­lo­gi­schen Raum beob­ach­ten: So gibt es in den meis­ten Fami­li­en den „Kri­sen­ma­na­ger“. Tritt eine Kri­se ein, setzt bei den Fami­li­en­mit­glie­dern ein Zustand der Apa­thie ein – stumm wird die Ver­ant­wor­tung an den „Kri­sen­ma­na­ger“ dele­giert, der (meist dank­bar) das Steu­er über­nimmt. In einem Staat ist die­se Instanz ent­spre­chend die Regie­rung. In der Kri­se schlägt die Stun­de der Exe­ku­ti­ve.

Dar­über hin­aus wird prin­zi­pi­el­le Kri­tik an der Regie­rung durch die par­la­men­ta­ri­sche Oppo­si­ti­on, aber auch all­ge­mein kri­ti­sche Beobachter:innen als „Stö­rung“ emp­fun­den; dadurch wer­de die Regie­rung bei der Kri­sen­be­wäl­ti­gung behin­dert.

Die Oppo­si­ti­ons­par­tei­en haben die Wahl: a) ihrer Funk­ti­on als par­la­men­ta­ri­sche Kon­troll­in­stanz nach­kom­men, dafür in den Umfra­gen ein­bü­ßen müs­sen oder b) die Regie­rungs­po­li­tik mit­tra­gen, die vita­le Gewal­ten­ver­schrän­kung aus­schal­ten, aber immer­hin nur mil­de Ver­lus­te in den Umfra­gen hin­neh­men müs­sen.

Aktu­ell scheint es, als wähl­ten FDP, Lin­ke, Grü­ne und sogar die AfD Opti­on b). Kri­tik wird ver­mehrt unter Aus­schluss der Öffent­lich­keit (infor­mell) geäu­ßert. Eine umfas­sen­de durch die par­la­men­ta­ri­sche Oppo­si­ti­on ange­trie­be­ne öffent­li­che Debat­te bleibt aus. Dadurch wird die poli­ti­sche Peri­phe­rie von den Deli­be­ra­ti­on aus­ge­schlos­sen. Die Gewal­ten­ver­schrän­kun­gen kommt – ver­ur­sacht durch sozio­psy­cho­lo­gi­sche Mecha­nis­men – an ihre Gren­zen.

Beson­ders kri­tisch wird es dann, wenn (teils berech­tig­te) Kri­tik pau­schal als ille­gi­tim abge­tan wird. Auf die­se Wei­se könn­te ein „Kli­ma“ der Mei­nungs­kon­for­mi­tät her­an­wach­sen. Die­ses „Kli­ma“ könn­te wei­ter­hin durch eine Schwei­ge­spi­ra­le ampli­fi­ziert wer­den.

  1. Lam­bert, A. J., Schott, J. P., & Sche­rer, L. (2011). Thre­at, poli­tics, and atti­tu­des: toward a grea­ter under­stan­ding of rally-’round-the-flag effects. In Cur­rent Direc­tions in Psy­cho­lo­gi­cal Sci­ence (No. 6; Vol. 20, pp. 343–348). https://​doi​.org/​1​0​.​1​1​7​7​/​0​9​6​3​7​2​1​4​1​1​4​2​2​060