Poli­ti­sche Wochen­schau: Leben in der Kri­se – Ver­nunft­pa­nik und Idio­tie (KW 14)

In die­ser – end­lich wie­der­be­leb­ten – Wochen­schau lis­te ich bemer­kens­wer­te Arti­kel, Tweets, Vide­os etc. auf und kom­men­tie­re die­se. Die­se Woche beschäf­ti­ge ich mich damit, wie mit­tels Apps die Infek­ti­ons­we­ge von SARS-CoV‑2 (vul­go Coro­na­vi­rus) nach­ver­folgt wer­den kön­nen und wie es um die Medi­en und die Men­schen in die­sen Zei­ten steht. Außer­dem wen­de ich mei­nen Blick in den Osten Euro­pas, wo zwei älte­re Her­ren – „Boo­mer“ könn­te man sagen – die Demo­kra­tie von der Klip­pe sto­ßen.

In den Händen gehaltenes Handy
Bild: Pixabay

Debat­te über Coro­na-Tracking-App

Zur­zeit wird rege dar­über dis­ku­tiert, wel­che Maß­nah­men gegen die SARS-CoV-2-Pan­de­mie sinn­voll und vor allem ver­hält­nis­mä­ßig sind. Mit Blick auf die erfolg­rei­che Miti­ga­ti­on des Virus in eini­gen asia­ti­schen Staa­ten steht die Fra­ge im Raum, wel­chen Effekt die Nut­zung von Stand­ort­da­ten zur Ver­fol­gung (tracking) der Virus­ver­brei­tung hat. Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Spahns Novel­lie­rungs­ent­wurf des Infek­ti­ons­schutz­ge­setz sah ursprüng­lich genau das vor. Die­ser Vor­stoß führ­te zu har­scher Kri­ti­ker, wor­auf­hin der ent­spre­chen­de Pas­sus aus dem Ent­wurf gestri­chen wur­de.

Eine frisch publi­zier­te Stu­die von Wissenschaftler:innen der Uni­ver­si­ty of Oxford zeigt jedoch: Je nach Aus­ge­stal­tung wären cir­ca 70 Pro­zent in Deutsch­land dazu bereit, eine Coro­na-Tracking-App zu nut­zen. Ein genaue­rer Blick auf die The­ma­tik lohnt sich also.

In einem Inter­view mit Zeit online schil­dern Anna-Vere­na Nost­hoff und Felix Maschew­ski, Autoren des Buches „Die Gesell­schaft der Weara­bles“, dass eini­ge Tech-Kon­zer­ne in der gegen­wär­ti­gen Kri­se die Chan­ce haschen, Fraß für ihre Daten­ma­schi­ne­rie zu bekom­men:

„Goog­le und ande­re gro­ße Sili­con-Val­ley-Mono­po­lis­ten haben in unse­rer Gesund­heit ein neu­es Markt­po­ten­zi­al erkannt. Das ver­su­chen sie nun aus­zu­schöp­fen. Aus der Per­spek­ti­ve von die­sen Fir­men ist Krank­heit ein tech­nisch lös­ba­res Pro­blem, das mit genü­gend Daten ver­stan­den und durch smar­te Tools und ver­bes­ser­te For­men künst­li­cher Intel­li­genz gelöst wer­den kann.“

Felix Maschew­ski

Jetzt sei der Zeit­punkt, dar­über nach­zu­den­ken, ob die „Vor­macht­stel­lung eta­blier­ter Mono­po­lis­ten aus dem Val­ley“ auch in einen „so sen­si­blen Bereich wie unse­re Gesund­heit“ vor­drin­gen darf.

Zu wei­te­rer Kri­tik führt der­weil, dass der Bund bei der Aus­ge­stal­tung einer Tracking-Lösung augen­schein­lich mit dem Kon­zern Palan­tir zusam­men­ar­bei­ten soll. Palan­tir, heißt es nüch­tern in einem Bericht von Neu­es Deutsch­land, ist für „sei­ne Koope­ra­ti­on mit dem US-Geheim­dienst CIA bekannt“.

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Auf Netz​po​li​tik​.org ent­war­fen drei Daten­schutz­ex­per­ten eine daten­spar­sa­me Umset­zung eines Coro­na-Tracking-Sys­tems. Der Vor­schlag sieht vor, dass nicht etwa die indi­vi­du­el­len Stand­ort­da­ten, son­dern tem­po­rär über Blue­tooth über­tra­ge­ne IDs genutzt wer­den, um die Kon­tak­te von Infi­zier­ten anschlie­ßend via Push-Mit­tei­lung zu benach­rich­ti­gen:

„Es ist egal, wo man in Kon­takt mit einer infi­zier­ten Per­son gekom­men ist. […] Das heißt, dass man beson­ders sen­si­ble Daten wie GPS‑, Funk­ze­l­len- oder ande­re Stand­ort­da­ten nicht benö­tigt. Statt­des­sen ist allein ent­schei­dend, dass sich zwei Men­schen in infek­ti­ons­ge­fähr­li­cher Wei­se nahe gekom­men sind. Dies wie­der­um kann man durch Ver­wen­dung der Tech­no­lo­gie Blue­tooth Low Ener­gy fest­stel­len, indem man fest­hält, wel­che ande­ren Han­dys sich in unmit­tel­ba­rer phy­si­scher Nähe befin­den. […] Wenn ein Han­dy also in der Nähe eines „infi­zier­ten“ Han­dys war, erhält der User des Han­dys einen Alarm, ver­bun­den mit der Anwei­sung, sich umge­hend in Qua­ran­tä­ne zu bege­ben.“

Johan­nes Abe­ler, Mat­thi­as Bäcker und Ulf Bue­r­mey­er

Der Medi­en­zir­kus

Einer­seits muss man die­ser Tage dank­bar sein, dass zahl­rei­che Medi­en aus allen Win­keln der Repu­blik, aber auch der Welt über die Aus­wir­kun­gen der Pan­de­mie zu berich­ten. Ande­rer­seits muss auch besor­gen, wie unkri­tisch die Bericht­erstat­tung begut­ach­tet wird. Der unbe­ding­te Wil­le nach guten Nach­rich­ten hat teil­wei­se zur Fol­ge, dass sich Mel­dung mit min­des­tens frag­wür­di­gem Bericht­erstat­tungs­wert ver­brei­ten.

Eini­gen dürf­te auch nicht gefal­len, mit wel­cher Dif­fe­ren­ziert­heit Chris­ti­an Dros­ten im Pod­cast des Nord­deut­schen Rund­funks auf­tritt. Auf die Fra­ge, wann „wir ins nor­ma­le Leben zurück­keh­ren“ könn­ten, erklärt Dros­ten, er habe dar­auf schlicht­weg kei­ne Ant­wort. Ant­je All­rog­gen kom­men­tier­te im Deutsch­land­funk:

„Eine sol­che Ant­wort ist erst ein­mal unbe­frie­di­gend. Nicht nur für ‚uns Medi­en‘. Son­dern für jeden, der sich so etwas wie einen Erlö­ser wünscht, der uns aus die­ser Kri­se ex cathe­dra bit­te schnell und effi­zi­ent befrei­en möge. Dros­ten tut uns die­sen Gefal­len lei­der nicht.“

Ant­je All­rog­gen, Deutsch­land­funk

Ich sehe das in einem Wort anders: nicht „lei­der“, son­dern zum Glück tut uns Dros­ten die­sen Gefal­len nicht. Wis­sen­schaft funk­tio­niert nicht über den Blick in die Glas­ku­gel.

Der Jour­na­list Uwe-Kars­ten Heye kri­ti­siert auf dem Blog der Repu­blik den ver­früh­ten Dis­kurs über eine Exit­stra­te­gie für die Ein­däm­mungs­maß­nah­men. Er befürch­tet, dass die­ser Dis­kurs nicht der inter­na­tio­na­len, vor allem euro­päi­schen Ver­ant­wor­tung im Kampf gegen die Pan­de­mie gerecht wer­de:

„Das vor allem soll­ten auch die Medi­en beach­ten und noch deut­li­cher auf­merk­sam machen, dass unse­re Ver­ant­wor­tung und Soli­da­ri­tät nicht an den deut­schen Gren­zen endet. Sonst könn­te die Exit­stra­te­gie, die da gefor­dert wird, als ein Zei­chen dafür miss­deu­tet wer­den, als deut­sche Nabel­schau an der Ver­ant­wor­tung vor­bei zu gehen, die wir als eines der reichs­ten Län­der in der Welt der­zeit auf­zu­brin­gen hät­ten.“

Uwe-Kars­ten Heye, Blog der Repu­blik

Ver­nunft­pa­nik vs. Idio­tie

Ver­gan­ge­ne Woche lös­te Sascha Lobo mit sei­ner Spie­gel-Kolum­ne eine Debat­te dar­über aus, was noch ver­nünf­tig und wo „die über­dreh­te Stu­fe von tat­säch­lich sinn­vol­lem Han­deln“ beginnt. Die­ser Form von über­dreht ver­nünf­ti­gem Ver­hal­ten gibt Lobo den Namen „Ver­nunft­pa­nik“:

„Ver­nunft­pa­nik ist der Abschied vom eigent­li­chen Wesen der Ver­nunft, näm­lich dem Abwä­gen zwi­schen ver­schie­de­nen Wer­ten.“

Sascha Lobo, Der Spie­gel

Sicher gibt es die, die nun über­trei­ben und sich mit ton­nen­wei­se Klo­pa­pier im Kel­ler ver­bar­ri­ka­die­ren. Oder Nudel­vor­rä­te für die nächs­ten zehn Jahr anle­gen. Oder den Nach­barn denun­zie­ren, der im Haus­flur hus­tet.

Auf der ande­ren Sei­te liest man Berich­te über Jugend­li­che die am Main­zer Win­ter­ha­fen Pas­san­ten anhus­ten, „Coro­na“ rufen und ver­mut­lich einen unver­gleich­li­chen Ego-Push erfah­ren. In den Ver­ei­nig­ten Staa­ten tra­ten 70 Stu­die­ren­de der Uni­ver­si­ty of Texas ihren „Spring Break Trip“ noch Mit­te März an. Der Ver­an­stal­ter habe ihnen ver­si­chert, er glau­be, sei­ne Rei­se­zie­le zähl­ten zu den „safest and most enjoya­ble pla­ces in the world to visit right now“. Mitt­ler­wei­le sind 44 der 70 posi­tiv auf das Virus getes­tet, wie die New York Times berich­tet.

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Schon weni­ge Idio­ten, die sich gegen­wär­tig unso­li­da­risch ver­hal­ten, kön­nen zig Men­schen­le­ben gefähr­den. Punkt. Da kann ich nur hof­fen, dass ein Teil der Ver­nunft­pa­nik auf die­se Idio­ten über­schwappt oder die ver­nunft­pa­ni­schen Denun­zi­an­ten dann an Ort und Stel­le sind.

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Euro­päi­sche Auto­kra­ten

Wäh­rend die „Coro­na-Kri­se“ die Poli­tik, die Medi­en und unse­re Köp­fe wei­test­ge­hend okku­piert hat, schaf­fen gera­de zwei Her­ren im Osten Euro­pas die Demo­kra­tie ab.

Die Regie­rung des unga­ri­schen Prä­si­den­ten Vik­tor Orbán kann fort­an per Dekret regie­ren – auf unbe­stimm­te Zeit, natür­lich nur zu Zwe­cken der Kri­sen­be­wäl­ti­gung. Kri­tik kommt von der Bun­des­re­gie­rung, ande­ren EVP-Par­tei­en, sogar der US-Regie­rung. Wer fehlt? Genau, die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on. Die voll­brach­te die Glanz­leis­tung, in ihrer Pres­se­mit­tei­lung „Vik­tor Orbán“ nicht ein­mal zu erwäh­nen. Statt­des­sen heißt es weich­ge­spült:

„Die Not­fall­maß­nah­men der Mit­glied­staa­ten sind auch The­ma auf der mor­gi­gen Kom­mis­si­ons­it­zung. In Bezug auf die unga­ri­schen Not­stands­ge­set­ze wer­de die Kom­mis­si­on den end­gül­ti­gen Geset­zes­text ana­ly­sie­ren und die Umset­zung durch die Regie­rung über­wa­chen, so ein Kom­mis­si­ons­spre­cher.“

Pres­se­mit­tei­lung der Euro­päi­schen Kom­mis­si­on
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Die Kom­mis­si­on ist ohn­mäch­tig. Für die Süd­deut­sche Zei­tung kom­men­tiert Mat­thi­as Kolb:

„Und wenn kla­re Wor­te noch län­ger aus­blei­ben, so ist dies auch ein Ver­rat an allen jenen Bür­gern, die sich in Ungarn, Polen und anders­wo dafür ein­set­zen, dass die Grund­wer­te der EU nicht nur auf dem Papier exis­tie­ren.“

Mat­thi­as Kolb, Süd­deut­sche Zei­tung

Der ande­re Herr im Osten Euro­pas ist der pol­ni­sche Prä­si­dent Andrzej Duda. In einer mehr als frag­wür­di­gen Par­la­ments­sit­zung beschloss des­sen PiS-Par­tei, die Prä­si­dent­schafts­wah­len trotz aus­blei­ben­dem Wahl­kampf statt­fin­den zu las­sen. Alle über 60 Jah­re sol­len per Brief wäh­len, wäh­rend die (jün­ge­ren) im Aus­land leben­den Wahl­be­rech­tig­ten eben nicht zur Wahl berech­tigt sind. Wie es der Zufall will, ist Duda vor allem bei den älte­ren hei­mi­schen Wahl­be­rech­tig­ten beliebt …

„Juris­ten wie Her­me­liń­ski oder Stę­pień hal­ten die Prä­si­dent­schafts­wahl, soll­te sie tat­säch­lich statt­fin­den, für ungül­tig. Doch eine Wahl kann in Polen nur vom Obers­ten Gericht für ungül­tig erklärt wer­den. Und dort ent­schei­det eine – eben­falls rechts­wid­rig gebil­de­te – neue Auf­sichts- und Kon­troll­kam­mer, der von der Regie­rung aus­ge­such­te Rich­ter ange­hö­ren, ob eine Wahl gül­tig oder ungül­tig ist.“

Flo­ri­an Has­sel, Süd­deut­sche Zei­tung

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In der Poli­ti­schen Wochen­schau grei­fe ich aktu­el­le Ereig­nis­se aus Poli­tik und Wirt­schaft auf, die ich eines kri­ti­schen Bli­ckes unter­zie­he und (teil­wei­se) wis­sen­schaft­lich ana­ly­sie­re. Die Wochen­schau erscheint (meist) sonn­tags.

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