Essay: Die Legen­de der kon­struk­ti­ven Kri­tik

„Nein, das ist doch kei­nes­falls hilf­reich. Hast du einen bes­se­ren Vor­schlag?“, keift einer. Das sei doch kei­ne „kon­struk­ti­ve Kri­tik“ und man sol­le bes­ser die Klap­pe hal­ten, anstatt Ent­schei­dungs­pro­zes­se unnütz zu erschwe­ren. Ein ande­rer feixt, ob man denn noch nichts von gewalt­frei­er Kom­mu­ni­ka­ti­on gehört habe: „Ich sehe, was mich füh­len lässt und des­we­gen wün­sche ich …“

Blaue Sprechblase mit rot-weißem Megaphon
Bild: Pixabay

Sze­nen wie die­se spie­len sich die­ser Tage vie­ler­orts ab, wenn Kri­tik um der Kri­tik wil­len geäu­ßert wird. Kri­tik, die zur Refle­xi­on anre­gen soll, und nicht die Prä­mis­se stellt, es bes­ser zu wis­sen. Manch­mal ohne gänz­lich zu Ende gedacht zu sein, soll sie ande­ren den Zugang zum eige­nen Denk­pro­zess ermög­li­chen – nicht mehr und nicht min­der.

Lei­der ist die­se Form theo­re­ti­scher Kri­tik unend­lich in Ver­ruf gera­ten. Völ­lig zu Unrecht, denn gera­de theo­re­ti­sche Kri­tik ist wesent­li­cher Bestand­teil des wis­sen­schaft­li­chen Dis­kur­ses und trennt die­sen von den Sphä­ren der Poli­tik ab.

Hin­weis: Die­ser Bei­trag ist der Auf­takt einer Essay-Rei­he zu Kri­tik­kul­tur. Wei­te­re Text fol­gen mit unter­schied­li­chen Sicht­wei­sen fol­gen in den kom­men­den Wochen.

Kri­tik­kom­pe­tenz

In der Psy­cho­lo­gie wird die Fähig­keit, mit Kri­tik umzu­ge­hen, als pas­si­ve Kri­tik­kom­pe­tenz bezeich­net. Die­se Kri­tik­kom­pe­tenz lässt sich empi­risch kaum erfas­sen. Eine Mög­lich­keit besteht dar­in, zu betrach­ten, ob der Kri­ti­sier­te sein Ver­hal­ten in Fol­ge der Kri­tik anpasst. Dem liegt die Annah­me zugrun­de, dass aus geüb­ter Kri­tik eine beob­acht­ba­re Hand­lungs­pra­xis erwach­sen soll und sich dar­in die Wir­kung der Kri­tik offen­bart.

Soge­nann­te kon­struk­ti­ve Kri­tik ver­langt stets einer durch­dach­ten Alter­na­ti­ve zum Objekt ihrer Kri­tik. Kon­struk­ti­ve Kri­tik ist mehr Bera­tung als Kri­tik. Die bei der kon­struk­ti­ven Kri­tik mit­ge­lie­fer­te Hand­lungs­al­ter­na­ti­ve erhöht die Wahr­schein­lich­keit einer bezweck­ten Ver­hal­tens­än­de­rung. Und so scheint es, als sei kon­struk­ti­ve Kri­tik der theo­re­ti­schen Kri­tik schlicht über­le­gen.

Kri­tik als Form der Deskrip­ti­on

In sei­nem letz­ten Gespräch mit dem Maga­zin Der Spie­gel kri­ti­sier­te Theo­dor W. Ador­no fürch­ter­lich theo­re­tisch ​(Brumm & Elitz, 1969)​:

„Auf die Fra­ge ‚Was soll man tun‘ kann ich wirk­lich meist nur ant­wor­ten ‚Ich weiß es nicht‘. Ich kann nur ver­su­chen, rück­sichts­los zu ana­ly­sie­ren, was ist. Dabei wird mir vor­ge­wor­fen: Wenn du schon Kri­tik übst, dann bist du auch ver­pflich­tet zu sagen, wie man’s bes­ser machen soll. Und das aller­dings hal­te ich für ein bür­ger­li­ches Vor­ur­teil.“

Theo­dor W. Ador­no

Kri­tik wird bei Ador­no zur refle­xi­ven Form der Deskrip­ti­on. Ador­no kri­ti­sier­te, indem er „rück­sichts­los […] [ana­ly­siert], was ist“. Was man­chem banal erscheint, ist eigent­lich die größ­te Her­aus­for­de­rung in der Kri­tik: (sub­jek­ti­ve) Rea­li­tät zu beschrei­ben, zu ana­ly­sie­ren und das Ergeb­nis die­ser Ana­ly­se zu kom­mu­ni­zie­ren.

Ohne die Fähig­keit, zu beob­ach­ten und zu benen­nen, was wir beob­ach­ten, kön­nen wir nicht kri­ti­sie­ren. Imma­nu­el Kant leg­te die­sen Zusam­men­hang in sei­nem Werk „Kri­tik an der rei­nen Ver­nunft“ poin­tiert dar: „Gedan­ken ohne Inhalt sind leer, Anschau­un­gen ohne Begrif­fe sind blind.“ ​(Mohr & Wil­l­aschek, 1998)​

Wie hät­te Marx die Aus­wüch­se des Früh­ka­pi­ta­lis­mus kri­ti­sie­ren sol­len, wäre er nicht mit einer mes­ser­schar­fen Beob­ach­tungs­ga­be aus­ge­stat­tet gewe­sen?

Sei­ne Kapi­ta­lis­mus­kri­tik besteht im Wesent­li­chen aus der Beschrei­bung früh­ka­pi­ta­lis­ti­scher Struk­tu­ren. Er nennt die Din­ge beim Namen – hier das Pro­le­ta­ri­at, da die Bour­geoi­sie. Marx konn­te und woll­te sich – wie Ador­no – nicht als Poli­ti­ker oder Akti­vist sehen. Mit dem Mar­xis­mus konn­te er so wenig anfan­gen wie Ador­no mit dem „Schwach­sinn“ des poli­tisch blin­den Aktio­nis­mus eini­ger 68er, die sich auf sei­ne und Hork­hei­mers kri­ti­sche Theo­rie berie­fen:

„Die Phi­lo­so­phie kann von sich aus kei­ne unmit­tel­ba­ren Maß­nah­men oder Ände­run­gen emp­feh­len. Sie ändert gera­de, indem sie Theo­rie bleibt. Ich mei­ne, man soll­te doch ein­mal die Fra­ge stel­len, ob es nicht auch eine Form des Sich-Wider­set­zens ist, wenn ein Mensch die Din­ge denkt und schreibt, wie ich sie schrei­be. Ist denn nicht Theo­rie auch eine genui­ne Gestalt der Pra­xis?“

Theo­dor W. Ador­no

Bewusstseins‑, nicht Ver­hal­tens­än­de­rung

Ador­no pos­tu­lier­te, dass „gera­de Wer­ke, die rein theo­re­ti­sche Absich­ten ver­folg­ten, das Bewußt­sein und damit auch die gesell­schaft­li­che Rea­li­tät ver­än­dert haben“. Ent­schei­dend an die­ser Beob­ach­tung ist das „Bewußt­sein“, des­sen Ver­än­de­rung der Ursprung neu­er „gesellschaftliche[r] Rea­li­tät“ wer­de. Nach Ador­nos Vor­stel­lung soll Kri­tik nicht etwa in nächs­ter Kon­se­quenz die Hand­lungs­pra­xis for­men, son­dern zunächst zur Refle­xi­on – einer beab­sich­tigt ziel­lo­sen Bewusst­seins­ver­än­de­rung – anre­gen.

Die Fähig­keit, aus einer rein theo­re­ti­schen Kri­tik, eine Ver­hal­tens­ver­än­de­rung abzu­lei­ten, müss­te längst als essen­zi­el­ler Bestand­teil der pas­si­ven Kri­tik­kom­pe­tenz betrach­tet wer­den, denn ihr geht ein intel­lek­tu­ell hoch anspruchs­vol­ler Refle­xi­ons­pro­zess vor­aus: eine Bewusst­seins­ver­än­de­rung.

Pflicht zur theo­re­ti­schen Kri­tik

Die theo­re­ti­sche Kri­tik ist der Aus­gangs­punkt umfas­sen­der Refle­xi­ons­pro­zes­se, die weder ange­nehm noch immer ziel­füh­rend, aber für den wis­sen­schaft­li­chen Dis­kurs not­wen­dig sind.

Theo­re­ti­sche Kri­tik will nicht kon­kret gestal­ten, son­dern beschrei­ben und „rück­sichts­los […] ana­ly­sie­ren, was ist“ – Denk­an­stö­ße geben, damit Pro­zes­se ver­lang­sa­men und Theo­rien für den Dis­kurs in einem deli­be­ra­ti­ven Sin­ne frei­ge­ben. Das geht nur, wenn wir auf­hö­ren, theo­re­ti­sche Kri­tik zu ver­ach­ten und anfan­gen, den Umgang mit ihr ein­zu­üben.

Schluss­end­lich ist auch die­ser Text als theo­re­ti­sche Kri­tik zu ver­ste­hen. Bewusst ver­mei­det er, kon­struk­tiv zu sein und Hand­lungs­al­ter­na­ti­ven dar­zu­le­gen, die den Dis­kurs über mei­ne The­se nur ersti­cken wür­den. Nun liegt es an Ihnen, sich mei­ner Kri­tik anzu­neh­men und das Ver­mö­gen der Refle­xi­on zu erfah­ren oder mir übel kri­tisch zu begeg­nen.


Die­ser Bei­trag ist der Auf­takt einer Essay-Rei­he zu Kri­tik­kul­tur. Ich freue mich über Dis­kus­si­ons­bei­trä­ge; zu errei­chen bin ich über Twit­ter oder für län­ge­re Bei­trä­ge über E‑Mail oder das Kon­takt­for­mu­lar.


Ich dan­ke Mat­thi­as Lawetz­ky, Johan­na Dörf­ling und Cathe­ri­ne Leber für ihre Anre­gun­gen zu die­sem Text und den kri­ti­schen Aus­tausch.


  1. Brumm, D., & Elitz, E. (1969). Kei­ne Angst vor dem Elfen­bein­turm. In Der Spie­gel (Vol. 19, pp. 204–209). https://www.spiegel.de/spiegel/print/d‑45741579.html
  2. Mohr, G., & Wil­l­aschek, M. (Eds.). (1998). Imma­nu­el kant: Kri­tik der rei­nen Ver­nunft (Bd. 17/​18). Aka­de­mie Ver­lag.