Thesen zum Würdebegriff

Vor zwei Tagen stellte Deutsch­land­funk Kul­tur in der Sen­dung „Sein und Streit“ die Frage: „Kön­nen wir Würde ler­nen?“ Es folgte ein äußerst inter­es­san­tes Gespräch mit dem Neu­ro­lo­gen Gerald Hüt­her und dem Phi­lo­so­phen Arnd Poll­mann. Im Fol­gen­den möchte ich drei Anmer­kun­gen bzw. The­sen zum Begriff der (Menschen-)Würde dar­le­gen.

Bild: Pixabay

1) Die Würde des Menschen ist antastbar.

Diese Aus­sage steht kei­nes­falls im Wider­spruch zu Art. 1 Abs. 1 GG: „Die Würde des Men­schen ist unan­tast­bar“. Diese Leit­li­nie ist Kern unse­rer frei­heit­lich-demo­kra­ti­schen Grund­ord­nung und gehört als sol­che nicht hin­ter­fragt. Gleich­wohl muss gefragt wer­den, wie unan­tast­bar die Würde des Men­schen wirk­lich ist. Ein juri­di­sches Abso­lu­tum muss — und genau das ist hier der Fall — nicht die Rea­li­tät wider­spie­geln. Wie so oft diver­gie­ren Rechts­text, Rechts­ma­te­rie und Rechts­wirk­lich­keit:

In der Rea­li­tät wird die Men­schen­würde stän­dig ange­tas­tet. Wenn ein Rechts­ra­di­ka­ler in Halle neun Men­schen erschießt, dann ist min­des­tens die Würde der unmit­tel­ba­ren Opfer, höchst­wahr­schein­lich aber auch die derer, die Teil des Lebens der Opfer waren, ange­tas­tet. Ras­sis­mus und Miso­gy­nie kön­nen nie in Ein­klang gebracht wer­den mit dem Wunsch einer unan­tast­ba­ren Men­schen­würde.

Der Phi­lo­soph Poll­mann sieht die Würde des Men­schen als etwas „sehr Fra­gi­les, etwas Ver­letz­li­ches“, das es umso mehr zu schüt­zen gilt, wenn sie kon­kret bedroht wird. (Dazu, wie die Würde ver­tei­digt wer­den kann, siehe dritte These.)

Wir dür­fen nicht ver­leug­nen, dass die Men­schen­würde zuneh­mend in Gefahr gerät, indem wir auf dem Indi­ka­tiv-Prä­sens behar­ren, den das Grund­ge­setzt anstimmt.

2) Nicht alles und jeder verletzt die Menschenwürde.

Wir (und da schließe ich mich mit ein) nei­gen dazu, vor­ei­lig von einer Ver­let­zung der Men­schen­würde zu spre­chen. Zuge­ge­ben — die (ange­strebte) unan­tast­bare Würde des Men­schen ist das per­fekte Tod­schlag­ar­gu­ment in jeder Güter­ab­wä­gung. Wie ein schwar­zes Loch, das alle ande­ren Gesichts­punkte ver­schluckt.

Der abge­sperrte Fahr­rad­weg ver­letzt meine Würde als Rad­fah­rer. Die lange War­te­zeit in der Not­auf­nahme ist wider der Men­schen­würde. Die lan­gen Mee­tings ohne Kaf­fee ent­wür­di­gen mich, indem ich zum Objekt mei­ner Arbeit werde. Unend­lich schwere Argu­mente, die jedem berech­tig­ten Wider­spruch den Gar­aus machen.

Der Wür­de­be­griff darf nicht zum Con­tai­ner-Begriff ver­kom­men, in den wir alles packen, was wir anderswo nicht unter­krie­gen. In vie­len Fäl­len bedarf es nicht der Men­schen­würde, um schlüs­sig und über­zeu­gend dar­zu­le­gen, wieso einem Unrecht wider­fährt.

Wer den Wür­de­be­griff zieht wie einen bil­li­gen Kau­gummi, der trägt zur Zer­fa­se­rung des­sen bei.

3) Würde hat man nicht, sondern ist man.

Auch, wenn die These sprach­lich unsau­ber ist, impli­ziert sie doch das Rich­tige: Würde ist kein Gut, über das ein Indi­vi­duum ver­fügt; viel­mehr ist Würde ein Zustand, von dem alle Indi­vi­duem „pro­fi­tie­ren“; anders gesagt: zu dem alle Indi­vi­duem bei­tra­gen.

Dar­aus ergibt sich auch, dass kein Indi­vi­duum einen Anspruch auf Würde hat, son­dern aus­schließ­lich das Kol­lek­tiv. Die Ent­wür­di­gung des ein­zel­nen (die ja durch­aus mög­lich ist, wie ich oben ver­an­schau­licht habe) bedeu­tet kon­se­quent eine Ent­wür­di­gung des Kol­lek­tivs. Sonach trifft ein Anschlag wie der in Hanau oder auf den CDU-Poli­ti­ker Wal­ter Lüb­cke uns kol­lek­tiv; und die ein­zige ange­brachte, wür­de­volle Reak­tion kann aus dem Kol­lek­tiv her­aus erfol­gen, indem es sol­che Taten ver­ur­teilt und infol­ge­des­sen die kol­lek­tive Soli­da­ri­tät ver­stärkt.

Wer sich dem zu ent­zie­hen ver­sucht, der offen­bart, dass er Würde als Indi­vi­du­al­gut erdenkt, wor­aus sich die gefähr­li­che Situa­tion ergibt, die indi­vi­du­elle Bewer­tung der Men­schen­würde (unsere Würde und die der ande­ren) zu ermög­li­chen.


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Veröffentlicht am: 8. April 2020
Geschrieben von: Dominik Lawetzky
Kategorien: Politische Theorie