The­sen zum Wür­de­be­griff

  • Beitrags-Kategorie:Politische Theorie
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Vor zwei Tagen stell­te Deutsch­land­funk Kul­tur in der Sen­dung „Sein und Streit“ die Fra­ge: „Kön­nen wir Wür­de ler­nen?“ Es folg­te ein äußerst inter­es­san­tes Gespräch mit dem Neu­ro­lo­gen Gerald Hüt­her und dem Phi­lo­so­phen Arnd Poll­mann. Im Fol­gen­den möch­te ich drei Anmer­kun­gen bzw. The­sen zum Begriff der (Menschen-)Würde dar­le­gen.

Bild: Pixabay

1) Die Wür­de des Men­schen ist antast­bar.

Die­se Aus­sa­ge steht kei­nes­falls im Wider­spruch zu Art. 1 Abs. 1 GG: „Die Wür­de des Men­schen ist unan­tast­bar“. Die­se Leit­li­nie ist Kern unse­rer frei­heit­lich-demo­kra­ti­schen Grund­ord­nung und gehört als sol­che nicht hin­ter­fragt. Gleich­wohl muss gefragt wer­den, wie unan­tast­bar die Wür­de des Men­schen wirk­lich ist. Ein juri­di­sches Abso­lu­tum muss — und genau das ist hier der Fall — nicht die Rea­li­tät wider­spie­geln. Wie so oft diver­gie­ren Rechts­text, Rechts­ma­te­rie und Rechts­wirk­lich­keit:

In der Rea­li­tät wird die Men­schen­wür­de stän­dig ange­tas­tet. Wenn ein Rechts­ra­di­ka­ler in Hal­le neun Men­schen erschießt, dann ist min­des­tens die Wür­de der unmit­tel­ba­ren Opfer, höchst­wahr­schein­lich aber auch die derer, die Teil des Lebens der Opfer waren, ange­tas­tet. Ras­sis­mus und Miso­gy­nie kön­nen nie in Ein­klang gebracht wer­den mit dem Wunsch einer unan­tast­ba­ren Men­schen­wür­de.

Der Phi­lo­soph Poll­mann sieht die Wür­de des Men­schen als etwas „sehr Fra­gi­les, etwas Ver­letz­li­ches“, das es umso mehr zu schüt­zen gel­te, wenn sie kon­kret bedroht wer­de. (Dazu, wie die Wür­de ver­tei­digt wer­den kann, sie­he drit­te The­se.)

Wir dür­fen nicht ver­leug­nen, dass die Men­schen­wür­de zuneh­mend in Gefahr gerät, indem wir auf dem Indi­ka­tiv-Prä­sens behar­ren, den das Grund­ge­setzt anstimmt.

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Ana­ly­se: Quo vadis, Herr Kem­me­rich?

  • Beitrags-Kategorie:Politik
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Ein poli­ti­sches Erd­be­ben erschüt­tert die Repu­blik: Am Mitt­woch wur­de der FDP-Poli­ti­ker Tho­mas Kem­me­rich mit den Stim­men der AfD unvor­her­ge­se­hen zum thü­rin­gi­schen Minis­ter­prä­si­den­ten gewählt. Mitt­ler­wei­le ist er zurück­ge­tre­ten. Was bleibt, ist ein ver­un­si­cher­tes Land.

Bild: San­dro Halank

Von einem „Damm­bruch“ (Der Frei­tag), zu „dumme[r] Mit­te“ (RND), „Höckes Coup“ (Der Spie­gel), der „Erfur­ter Tes­to­ste­ron-Rocha­de“ (ebd.) und einer „FDP auf Abwe­gen“ (Die Zeit) ist die Rede. Wer die letz­ten Tage abge­schnit­ten von jeder Nach­rich­ten­quel­le ver­bracht hat, dürf­te mei­nen, die AfD stell­te den nächs­ten Bun­des­kanz­ler. Nein, so weit ist es nicht gekom­men.

Am Mitt­woch, kurz nach 13 Uhr, wur­de der FDP-Poli­ti­ker Tho­mas Kem­me­rich im drit­ten Wahl­gang zum thü­rin­gi­schen Minis­ter­prä­si­den­ten gewählt. Drei Tage spä­ter trat er mit sofor­ti­ger Wir­kung zurück. Ver­ur­sacht haben das Cha­os 22 Abge­ord­ne­te – jene 22, die einem Herrn fol­gen, der Poli­tik als Kampf betrach­tet und eine „erin­ne­rungs­po­li­ti­sche Wen­de um 180 Grad“ for­dert. 22 Abge­ord­ne­te, die eige­nem Ver­neh­men nach „kein Bock auf Block­par­tei­en“(*) haben und für sich rekla­mie­ren, „das Volk“ zu ver­tre­ten. Der Herr heißt Björn Höcke, die Abge­ord­ne­ten gehö­ren zur rechts­ex­tre­men AfD und haben uni sono für einen „Kandidat[en] der Mit­te“ – näm­lich Tho­mas Kem­me­rich – gestimmt. Als wäre das nicht schlimm genug, bekam die­ser sei­ne rela­ti­ve Mehr­heit mit nur einer Stim­me. Die Stim­men der AfD waren kein Sah­ne­häupt­chen mit Makel­cha­rak­ter; ohne die AfD hät­te Kem­me­rich kei­ne Mehr­heit erhal­ten und der bis­he­ri­ge Lin­ke Minis­ter­prä­si­dent Bodo Rame­low wäre im Amt bestä­tigt wor­den.

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Kom­men­tar: Der Makel des Völ­ker­rechts

  • Beitrags-Kategorie:Internationale Politik
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Nach dem Bür­ger­krieg in Syri­en ist das Völ­ker­recht einer wei­te­ren Zer­reiß­pro­be aus­ge­setzt. Rote Lini­en wur­den geris­sen. Macht miss­braucht. Das Völ­ker­recht kränkt an einem Makel: feh­len­dem mora­li­schen „com­mon ground“.

Bild: Akson­sat Uan­thoe­ng

Barack Oba­ma skiz­zier­te im Som­mer 2012 sei­ne rote Linie im syri­schen Bür­ger­krieg: “We have been very clear to the Assad regime that a red line for us is we start see­ing a who­le bunch of che­mi­cal wea­pons moving around or being uti­li­zed. That would chan­ge my cal­cu­lus.” Acht Mona­te spä­ter war klar, dass Oba­ma geblufft hat­te. Assad ging mit aller Bru­ta­li­tät – und mit che­mi­schen Waf­fen – gegen die syri­sche Zivil­be­völ­ke­rung vor. Den­noch gelang es Assad, sich an der Spit­ze Syri­ens als Dik­ta­tor unter Putins Gna­den zu behaup­ten. Und das Völ­ker­recht erwies sich ein wei­te­res Mal als Maku­la­tur.

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