Essay: Refe­ren­den und die „tyran­ny of the unin­for­med“

„If you vote lea­ve the EU, we’ll be in char­ge of our own bor­ders.“

„If you vote lea­ve the EU, we’ll be free to tra­de with the who­le world.“

„If you vote lea­ve the EU, we can make our own laws.“

Slo­gans der Pro-Bre­x­it-Kam­pa­gne
Bild: Pixabay /​ Tum­i­so

Die­se Sät­ze schmü­cken bis heu­te den Inter­net­auf­tritt der Pro-Bre­x­it-Kam­pa­gne. Vor drei Jah­ren, am 23. Juni 2016, stimm­ten 51,9 Pro­zent der Bri­ten dafür, die Euro­päi­sche Uni­on zu ver­las­sen. „Vote lea­ve“ gewann eine der größ­ten poli­ti­schen „Schlamm­schlach­ten“ der neue­ren Geschich­te. Die Bri­ten hol­ten sich die Kon­trol­le über ihr König­reich zurück. Zumin­dest muss­ten sie das am 23. Juni geglaubt haben. Und dafür hat­ten sie gute Grün­de …

Mythos der Unver­bind­lich­keit des Refe­ren­dums

Über ein Refe­ren­dum soll die mehr­heit­li­che Mei­nung der Wahl­be­rech­tig­ten zu einer spe­zi­fi­schen Sach­fra­ge abge­fragt wer­den. Im Gegen­satz zu einer Volks­ab­stim­mung ist der Aus­gang eines Refe­ren­dums recht­lich nicht bin­dend; viel­mehr han­delt es sich um eine Hand­lungs­emp­feh­lung. Dem­entspre­chend kann getrost vom „weichs­ten“ Instru­ment direk­ter Demo­kra­tie gespro­chen wer­den. Die­se Bezeich­nung soll­te jedoch kei­nes­falls dazu ver­lei­ten, die Macht des Refe­ren­dums als ple­bis­zi­tä­res Instru­ment zu des­avou­ie­ren. Zwar lässt sich aus dem Votum kei­ne recht­li­che Ver­pflich­tung ablei­ten, aller­dings ist kaum vor­stell­bar, dass sich Exe­ku­ti­ve und Legis­la­ti­ve in einer libe­ra­len Demo­kra­tie der Volks­emp­feh­lung wider­set­zen. Das ent­sprä­che einem Miss­trau­ens­vo­tum von oben gegen­über den Wahl­be­rech­tig­ten, was in letz­ter Kon­se­quenz zur Abwahl der Regie­rung füh­ren dürf­te. Folg­lich ist der Aus­gang eines Refe­ren­dums in Abgren­zung zur Volks­ab­stim­mung nicht recht­lich, aller­dings demo­kra­tie­theo­re­tisch bin­dend.

Das Dilem­ma der (direk­ten) Demo­kra­tie

Eine funk­tio­nie­ren­de Demo­kra­tie zeich­net sich durch drei Wesens­merk­ma­le aus: Zum einen muss sämt­li­che Gewalt vom Volk aus­ge­hen bzw. vom Volk in Wah­len an eine über­ge­ord­ne­te Instanz (Staat) über­tra­gen wer­den (Volks­sou­ve­rä­ni­tät). Der (mit­tel­ba­re) Sou­ve­rän hat das Gewalt­mo­no­pol inne. Von die­sem muss der Sou­ve­rän Gebrauch machen und in einer libe­ra­len Demo­kra­tie ein Min­dest­maß an Men­schen- und Bür­ger­rech­ten garan­tie­ren (sta­tus positivus/​status nega­ti­vus). Dar­über hin­aus soll­ten die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger in ihrer eige­nen Wahl sou­ve­rän sein, wor­aus der demo­kra­ti­sche Anspruch resul­tiert, „dass alle in einem frei­en Wett­be­werb der Über­zeu­gun­gen auch über die Fra­gen des Rechts und der Gerech­tig­keit mit­be­stim­men und mit­ent­schei­den soll­ten“ ​(Zip­pe­li­us, 2003)​; das ist, was gemein­hin als freie Mei­nungs­bil­dung bezeich­net wird. Doch kann eine Demo­kra­tie das über­haupt leis­ten? Wie (ideal-)pluralistisch muss der poli­ti­sche Wett­be­werb aus­ge­stal­tet sein, um dem von Rein­hold Zip­pe­li­us aus­for­mu­lier­ten Anspruch gerecht zu wer­den?

Streng mathe­ma­tisch müss­te bspw. jeder Par­tei ein exakt glei­ches Wahl­kampf­etat zur Ver­fü­gung gestellt wer­den, was zu (mehr) Gleich­heit im plu­ra­lis­ti­schen Wett­be­werb zwi­schen den Par­tei­en füh­ren wür­de. In der Pra­xis der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land sieht das anders aus: Das Bud­get der Par­tei­en wird nach der Anzahl der für sie abge­ge­be­nen Stim­men errech­net (das führt zu einem Art Mul­ti­pli­ka­tor-Effekt in der Reich­wei­te der Par­tei­en). Es gibt auch prak­ti­sche Bei­spie­le für eine (nahe­zu) voll­stän­di­ge Gleich­be­rech­ti­gung im Wett­be­werb: So muss der deut­sche öffent­lich-recht­li­chen Rund­funk den Par­tei­en „ange­mes­se­ne“ Sen­de­zeit zur Ver­fü­gung stel­len, sofern die recht nied­ri­ge Hür­de min­des­tens einer zuge­las­se­nen Lan­des­lis­te erreicht ist (§ 11 ZDF-Staats­ver­trag).

Feh­len­de Out­put­le­gi­ti­mi­tät

Die Crux besteht dar­in, dass der „Out­put“ an Legi­ti­mi­tät ver­liert, wenn die freie Mei­nungs­bil­dung nicht gege­ben ist. Eine auf ein­sei­ti­ger oder gar fal­scher Infor­ma­ti­ons­la­ge basie­ren­de Wahl ist nicht sou­ve­rän ent­schie­den. Eine völ­lig unbe­darf­te und poli­tisch wenig inter­es­sier­te Bri­tin dürf­ten die Argu­men­te der Bre­x­it-Befür­wor­ter ganz schön beein­dru­cken. Und ist sie erst­mal beein­druckt von den auf den ers­ten Blick plau­si­blen Grün­den für einen EU-Aus­tritt, wird es schwer­fal­len, sie vom Gegen­teil zu über­zeu­gen. „If you vote lea­ve the EU, we’ll be in char­ge of our own bor­ders“, sug­ge­riert, dass das Ver­ei­nig­te König­reich völ­lig macht­los wäre, wer ein­reist. Die Unge­wiss­heit, wer ein­reist, — ver­schärft durch die Erin­ne­rung an ter­ro­ris­ti­sche Anschlä­ge — schürt irra­tio­na­le Ängs­te. Kon­troll­ver­lusst ist ein mäch­ti­ger Gefühls­cock­tail … Der Bri­tin die Vor­tei­le des Schen­gen-Raums zu erläu­tern und dar­zu­le­gen, wie pro­ble­ma­tisch ein Aus­tritt des Ver­ei­nig­ten König­reichs aus die­sem wäre, scheint dage­gen eine Her­ku­les­auf­ga­be.

Die „Vote leave“-Kampagne bedien­te sich geschickt gewähl­ter Frames. Die mit­un­ter geläu­figs­te Defi­ni­ti­on des Framings stammt vom Medi­en­wis­sen­schaft­ler Robert Ent­mann: „To frame is to select some aspects of a per­cei­ved rea­li­ty and make them more sali­ent in a com­mu­ni­ca­ting text, in such a way as to pro­mo­te a par­ti­cu­lar pro­blem defi­ni­ti­on, cau­sal inter­pre­ta­ti­on, moral eva­lua­ti­on, and /​ or tre­at­ment recom­men­da­ti­on for the item descri­bed“ ​(Ent­man, 1993)​. Framing, bewusst kom­bi­niert mit einer kogni­ti­ven Ver­zer­rung (v. a. der Ver­füg­bar­keits­heu­ris­tik ​(Chap­man, 1967)​), resul­tiert in Extrem­fäl­len in pseu­do-frei­er Mei­nungs­bil­dung — pseu­do, weil die Wäh­le­rin nicht dazu imstan­de ist, die­se Mani­pu­la­tio­nen durch Refle­xi­on auf­zu­de­cken.

Wie­so habe ich mir als Bei­spiel eine „völ­lig unbe­darf­te und poli­tisch wenig inter­es­sier­te Bri­tin“ aus­ge­sucht? Mache ich es mir damit nicht zu leicht? Das Bei­spiel soll illus­trie­ren, dass die Vul­nera­bi­li­tät für äuße­re Ein­fluss­nah­men auf die freie Mei­nungs­bil­dung mit abneh­men­der (poli­ti­scher) Bil­dung und (nach­richt­li­cher) Infor­miert­heit zunimmt. Auch das erscheint logisch: Wer bereits um die Vor­tei­le des Schen­gen-Raums weiß, den kön­nen die Slo­gans der „Bre­x­i­teers“ wenig beein­dru­cken.

Kon­se­quen­zen für ple­bis­zi­tä­re Instru­men­te

Je spe­zi­fi­scher die Sach­fra­ge und je kom­ple­xer die öko­no­mi­schen, poli­ti­schen und kul­tu­rel­len Hin­ter­grün­de, des­to grö­ßer ist der Impact der oben beschrie­be­nen Effek­te auf das Wahl­er­geb­nis. Ein Refe­ren­dum zeich­net sich durch eben jene Spe­zi­fi­tät und Kom­ple­xi­tät der Sach­fra­ge aus, wodurch aus dem „weichs­ten“, auch das „ver­wund­bars­te“ Instru­ment direk­ter Demo­kra­tie wird. Als wei­te­rer Fak­tor soll­te das sozio­kul­tu­rel­le Pola­ri­sa­ti­ons­po­ten­zi­al Beach­tung fin­den: Eine kon­tro­ver­se, die Gesell­schaft ent­zwei­en­de Sach­fra­ge ver­lei­tet die Inter­es­sen­par­tei­en zu schar­fen, mani­pu­la­ti­ven Framings; die Bre­x­it-Debat­te ist dafür das bes­te Bei­spiel. Unter Berück­sich­ti­gung die­ser Mecha­nis­men muss das Bre­x­it-Votum als logi­sche Kon­se­quenz ver­sa­gen­der Mei­nungs­bil­dungs­pro­zes­se betrach­tet wer­den. In Anleh­nung an John Stuart Mills „Tyran­ny of the majo­ri­ty” kann in die­sem Fall von der „Tyran­ny of the unin­for­med“ gespro­chen wer­den.

Lite­ra­tur

  1. Chap­man, L. J. (1967). Illu­so­ry cor­re­la­ti­on in obser­va­tio­nal report. In Jour­nal of Ver­bal Lear­ning and Ver­bal Beha­vi­or (No. 1; Vol. 6, pp. 151–155). https://doi.org/10.1016/S0022-5371(67)80066–5
  2. Ent­man, R. M. (1993). Framing: toward cla­ri­fi­ca­ti­on of a frac­tu­red para­digm. In Jour­nal of Com­mu­ni­ca­ti­on (No. 4; Vol. 43, pp. 51–58). https://doi.org/10.1111/j.1460–2466.1993.tb01304.x
  3. Zip­pe­li­us, R. (2003). Geschich­te der Staats­ideen (No. 72; Orig.-Ausg., 10., neu bearb. und erw. Aufl). Beck.